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oder fragen Sie Ihren Arzt oder Apother.”

Wer, wie ich, das Glück hat deutsches und russisches Fernsehen schauen zu können, der hat auch die Chance das Werbeangebot auf beiden Seiten vergleichen zu können und seine eigenen Schlüsse betreffs die Befindlichkeit der jeweiligen Bevölkerung daraus zu ziehen.

Beginnen wir mit dem deutschen öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Wer das Werbeangebot der deutschen öffentlich-rechtlichen Sender betrachtet, der wird in fast jedem zweiten Spot mit dem Hinweis “Zu Risiken und Nebenwirkungen lesen Sie die Packungsbeilage oder fragen Sie Ihren Arzt oder Apother.” verabschiedet. Medikamentenwerbung jeglicher Couleur prasselt da auf den Zuschauer ein, für die Verbesserung des Zustandes der Kniegelenke, der Bekämpfung des Prädemenzsyndroms und der Verbesserung des Blutdrucks, abgerundet durch den Hinweis auf die kostenlos erhältliche Apothekenumschau. Fehlt eigentlich nur noch die Werbung für Treppenlifte und Rheumawäsche um das Bild abzurunden.

Was kann man daraus schließen?

Deutschland scheint nicht ein “Failed state” zu sein, sondern sich eher auf dem Weg zum “Gerontostate” zu bewegen.

Kommen wir nun zur Werbung im russischen Fernsehen. Junge Familien freuen sich über das neueste Jogurth von Danone, Importautos werden angeboten, inkl. Offroadfahrzeugen.  Rund um die Feiertage wird Werbung für leberschützende Medikamente gemacht und wer sich beim Essen ein wenig übernommen hat, dem hilft, so die Werbung, “Mesim” von Berlin Chemie. Und weil es Erkältungszeit ist, deshalb wird der Zuschauer abschließend noch mit Werbung für Mittel gegen Erkältungen versorgt.

Das lokale Fernsehen rundet den Werbereigen mit Hinweisen auf Restaurants ab in denen man nicht nur seine Betriebsfeiern abhalten kann, sondern wo man auch mit so unerläßlichen Dingen wie Karaoke und Bauchtanz beglückt wird. Wer sich preisreduzierte Nerzmäntel im Haus der Offiziere kaufen will, der wird von den lokalen Werbeprofis ebenfalls nicht allein gelassen.

Von “Geronto” keine Spur. Das ganze Land scheint eher auf dem “Trip zur Lebensfreude” zu sein, frei nach dem Motto “Wir wissen zwar nicht wie es weitergeht, aber weitergehen wird es, das ist klar.”

Auf unserem Hof haben wir einen Kindergarten. Morgens kann man da die kleinen Natashas und Igors selbst bei kalten Temperaturen sehen wie sie im Schnee spielen und lärmen. Niemand würde ernsthaft auf die Idee kommen das fröhliche Lärmen der Kleinen unter irgendeinem Lärmschutzaspekt naserümpfend zu betrachten. Kinderlärm ist Teil des Alltagslärms und stört niemanden. Diese Art von Optimismus  und Kinderfreundlichkeit ist es letztlich auch, die  mir diese Land so sympathisch macht.

Lohndumping bei einer Drogeriekette, osteuropäische Billigstarbeiter bei der Bahn, sog. “Werkverträge” in der fleischverarbeitenden Industrie bei denen sich der Verdacht des Mißbrauchs der EU-Dienstleistungsrichtlinie aufdrängt, all das ist bisher bundesdeutscher Alltag geworden ohne daß die Politik dem Einhalt gebietet. Wie soll sie auch, sie war seinerzeit teils Wegbereiter dieser “Reformen” und heute ist sie ist mit 7% MWSt für Hotelübernachtungen beschäfftigt. Da bleibt wenig Zeit sich um den Sektor Lohndumping zu kümmern, von der Einführung eines Mindestlohnes mal ganz zu schweigen.

Daß noch mehr geht als das Beispiel “Schlecker” in Deutschland, zeigte heute die tägliche Sendung “Uchastok” im ersten Programm des russischen Fernsehens. Die täglich ausgestrahlte Sendung befaßt sich u.a. mit Themen wie “Vorsicht beim Wohnungskauf – Schwarze Makler” oder anderen rechtlich relevanten Themen. Im Laufe der Sendung treten jeweils Betroffene auf und Experten von Miliz, Staatsanwaltschaft und auch Mitglieder des russischen Parlaments, der Staatsduma waren schon Teilnehmer der Sendung. Das Thema heute “Der Lohn wird nicht gezahlt.”

Der Sendung zufolge hat bereits jeder dritte Russe Bekanntschaft mit dem Phänomen verzögerter Lohnzahlungen oder Nichtzahlung von Lohn gemacht.

Auf Grund eines teilweise mehr als löcherigen Rechtsstaatsverständnis gepaart mit lokalen unheilvollen Allianzen von “Asset-stripping-Managern” mit Organen der Rechtspflege und der Verwaltung  stehen auch heute noch zahlreiche Bürger Russlands vor der Frage wie man an sein wohlverdientes Geld kommt.

Wie man an die Assets der nichtzahlenden Firmen kommt, das ist eine Frage, die auf der anderen Seite diejenigen umtreibt, die Betriebe ausschlachten und die Assets der Betriebe in andere Unternehmen verschieben.

Das Grundmuster wie so etwas geschieht ist in der überwiegenden Zahl der Fälle stets gleich. Das “auszunehmende Unternehmen” wird von einer Gruppe von “Vertriebsunternehmen” umgeben. Aufgabe dieser Vertriebsunternehmen ist es, die Erzeugnisse des Betriebes den man ausnehmen will, zu Dumpingpreisen zu erwerben, ohne daß allerdings auch Geld an die Herstellerfirma fließt. Die so an sich gebrachten Erzeugnisse werden zu Marktpreisen veräußert, der Hersteller sieht davon aber i.d.R. wenig bis gar nichts. Das Geld verbleibt unter den abenteuerlichsten Vorwänden bei den Vetriebsfirmen und deren Eignern. So geschehen zum Beispiel bei AvtoVAZ, in Deutschland besser bekannt als der Hersteller von LADA Autos.

Nur so ist es zu erklären, daß sich in kurzer Zeit erhebliches Vermögen in den Händen einiger ansammelt, in den Händen von Boris Beresowski z.B. einem ehemaligen Intimus von Präsident Jelzin.

Daß die Vertriebsgesellschaften in der einen oder anderen Form personell mit der Leitung des Herstellerbetriebes verknüpft ist, sei nur am Rande erwähnt, wundert aber sicher niemanden mehr.

Wenn der Herstellerbetrieb so im Laufe der Zeit vollkommen ausgehöhlt ist, kann man den Betrieb liquidieren oder in die Insolvenz gehen. Auf der Strecke bleiben dabei die Mitarbeiter, deren Löhne ins Bankrottnirvana gehen. Besonders schmerzhaft ist der so verursachte Untergang von Betrieben insbesondere dann, wenn es sich um einen Betrieb in einer sog. “Monostadt” handelt, also einen Betrieb der schicksalsbestimmend für das Wohl und Wehe einer ganzen Stadt ist. Schließt der Betrieb, ist es auch um die Stadt geschehen. Die Leute? Was kümmern die Leute?

Mehr zum Thema findet man in dem m.E. hervorragend recherchierten und geschriebenen Buch “Betrogenes Russland” des Authors Dirk Sager, das, obwohl schon vor vielen Jahren geschrieben, noch nichts an Wahrheitsgehalt eingebüßt hat.

P.S. Assetstripping ist doch wohl nur ein reines Problem von Drittweltstaaten und sog. “emerging market”-Ländern wie Russland z. B. Ganz so sicher wäre ich mir da nicht. Wir erinnern uns, auch in Deutschland gab es eine Privatisierungswelle im Rahmen der Treuhandanstalt. Und da konnte so mancher ein Schnäppchen machen. Was brauchte man dafür? Beziehungen, Beziehungen und Beziehungen. Und die verschafft man sich nun, z.B. mittels eines wohlklingenden bekannten Namens, wie Peter C. Adenauer z.B. Der ist der Großneffe des ersten Bundeskanzlers der Bundesrepublik Deutschland und seit langem in den USA ansässig.

Für den symbolischen Betrag von einer Mark kann man sich als ehemaliger Mitarbeiter der Treuhand in den Besitz eines Teils des ehemaligen DDR-Kombinates ROBOTRON bringen, ROBOTRON Projekt GmbH Dresden. Daß der Robotronteil auf einer gewinnversrechenden Immobilie gelegen ist, sei nur am Rande vermerkt.

Nach vielversprechender PR gründet man nach und nach Firmen um sich der unliebsamen Mitarbeiter bei Robotron Projekt GmbH zu entledigen, bzw.  den verbliebenen Mitarbeitern überhaupt keinen Lohn zu zahlen. Und vor dem Dresdener Arbeitsgericht behauptet man dann, daß die Nichtzahlung bzw. erheblich verspätete Gehaltszahlung “ortsüblich” sei. Der Dresdner Arbeitsrichter sieht das anders.

Ja, so ist das in Deutschland. Und daraus lernen wir dass es bei dem Kosten für Lohnsklaven, entschuldigung, Mitarbeitern, noch erhebliches Einsparpotential gibt.  ”Von der Sowjetunion lernen heißt, siegen lernen.”

Wenn man in Russland ein Schild mit Hinweis auf “Service” sieht, dann heißt es aufpassen. In der Regel ist der Angebotene “Service” nur das Beseitigen von vorher künstlich aufgebauten Hindernissen, gegen Entgelt versteht sich. Daß es auch anders geht, zeigt folgendes Begebnis.

Geschafft, mehr als 80 Neujahrs- und Weihnachtskarten sind geschrieben und sollen auf den Weg zu ihren Empfängern.

Also ab aufs Hauptpostamt. Meist ist die russische Post alles andere als ein Hort von Zuvorkommenheit und Service. Aber es geht auch anders. Die Mitarbeiterin nimmt den Riesenstapel mit einem Lächeln entgegen und versieht fein säuberlich jeden Umschlag mit den notwendigen Briefmarken. Und am Ende bekomme ich auf Nachfrage noch schnell eine Kopie der Postgebührenliste ausgehändigt mit den Worten “Beehren Sie uns bald wieder”.

Das nenne ich mal Service. Danke liebe Post.

“Einmal werden wir noch wach, heissa, dann ist Weihnachtstag.” Das kennen doch wohl viele von uns. Wie haben wir uns als Kinder gefreut.

Weihnachtsbaum wie meine Enkelin ihn sieht

Weihnachtsbaum wie meine Enkelin ihn sieht

Nun ja, auch heute freuen sich die Kinder noch. In Russland aber können sich die Kleinsten gleich zweimal freuen. Erst wird Weihnachten nach dem geltenden Kalender gefeiert – obwohl, so ein Riesenfest wie im Westen ist es nicht –  und dann, weil es so schön ist, auch gleich noch einmal nach dem alten Kalender der bis zur Oktoberrevolution in Russland galt, also am 7. Januar nach heutigere Zeitrechnung.

Und damit auch alles im Lot bleibt gibt es das Fest zum Jahreswechsel auch gleich in zweifacher Ausführung, das Neue Jahr eben und das “Alte neue Jahr”, die Nacht vom 13. bis zum 14. Januar. Und damit die vom feiern ermattete Klasse der Werktätigen nicht zu sehr ausgepowert ist, werden die Tage vom Neujahr westlicher Prägung bis fast zum “Alten Neujahr” zumindestens im öffentlichen Dienst als arbeitsfrei gegeben. Russland ist also paralysiert in dieser Zeit.

Wer Post aus dem Ausland erwartet hat Pech gehabt, der Zoll feiert und da ist nicht dran zu rühren, sorry. Aber Lebensmittelschäfte und überhaupt der privatunternehmerische Sektor sieht das Ganze gelassen, Neujahrsurlaub? Ich höre wohl nicht richtig. Business ist angesagt, diese umsatzstarke Zeit überläßt man doch nicht der Konkurrenz. Nach Angaben russischer Wirtschaftsfachleute entstehen dem Land durch den “Zwangsurlaub” erhebliche finanzielle Einbußen im Millionenhöhe.

Leeres Kuchenregal im Supermarkt

Ok, bringen wir es hinter uns, noch einmal “Feiern bis der Arzt kommt” und dann kommt endlich wieder der Alltag zum Tragen bis … zum Valentinstag am 14. Februar. Das ist zwar kein gesetzlicher Feiertag aber wehe dem der diesen Tag, den wir den Amerikanern zu verdanken haben, vergißt. Schlimmer ist dann nur noch das Vergessen des Frauentages. Der steht uns aber erst am 8. März bevor.  Zuvor müssen wir nur noch den “Tag der Vaterlandsverteidiger” am 23. Februar, die russische Variante des Männertages, überleben.

Aber das schaffen wir auch noch.

“Von der Sowjetunion lernen heißt siegen lernen.” Diesen alten Schnack von Erich Honecker kennt der eine oder andere vielleicht noch. Ok, Erich wollte das dann zum Schluß seiner Amtszeit nicht mehr so genau wissen, zumal die Siegreichen sich zu Schritten entschlossen hatten, die sein eigenes Weltbild völlig ins Wanken brachten.

Aber andere können vielleicht noch von den Praktiken im verbliebenen Rest der ruhmreichen Sowjetunion lernen. Mit dem Untergang der UdSSR und der sie tragenden Parteistrukturen ging auch ein anderes Relikt des real existierenden Sozialismus über Bord, die Gewerkschaften, die in der UdSSR eher ein Dasein als Tourismusbüro und Sozialvorsorgeverein fristeten. Was da heute als Gewerkschaft in Rußland figuriert hat auch in den wenigsten Fällen etwas mit Wahrung der Rechte der Werktätigen zutun.

Jeglicher effizienten Mitarbeiterkontrolle beraubt, konnten sich Betriebsdirektoren eine “Politik nach Gutsherrenart” leisten. Mißliebige Mitarbeiter wurden “entsorgt” und der Rest bekam seinen Lohn oftmals erst nach Monaten. Die ausgeplünderten Hüllen der ehemaligen Betriebe blieben zurück und unermeßlicher Reichtum sammelte sich in den Händen Weniger, so u.a. auch in denen des im Westen zutiefst bedauerten Chodorkovski. M.a.W. es herrschte “wilder Westen” im “wilden Osten”.

Auch heute sonnen sich die abhängig Beschäftigten nicht gerade in der sozialen Hängematte. Aber einiges ist schon besser geworden. Einige Unternehmer beginnen zu begreifen dass nur motivierte Mitarbeiter zu guten Ergebnissen führen und das “Hire-und-Fire” vergangener Tage geht mehr und mehr zurück. Allerdings sind die Verhältnisse immer noch nicht annähernd an denen, derer sich Arbeitnehmer (noch) im Westen erfreuen.

Daher nachfolgend einige Anregungen wie man den Betrieb im Westen noch optimieren könnte, ungeachtet des Versuchs feste Mitarbeiter durch sog. “Leiharbeiter” zu ersetzen.

  • Brenne die Filialen Deiner Konkurrenz durch angeheuerte Gruppen nieder.
  • Bedrohe die Belegschaft Deiner Konkurrenz durch angeworbene Schlägertruppen.
  • Laß mißliebige Journalisten “kaltstellen” (Ach nein, sorry, das geht ja schon in Deutschland wie das Beispiel des ehemaligen ZDF-Chefredakteurs zeigt).

Bei intensiver Recherche vor Ort würden da sicher noch einige “Optimierungsmöglichkeiten” zutage treten.

Um es klar zu sagen: niemand bestreitet des Recht eines Unternehmers Gewinne zu machen. Davon lebt unser Wirtschaftssystem. Aber mit legalen aber nicht legitimen Mitteln die Mitarbeiter um ihren nicht gerade himmelhohen Lohn zu bringen, das ist etwas ganz anderes. Und solch Gebahren auch noch als “üblich” zu verbrähmen, das setzt dem Ganzen nur noch die Krone auf.

Was ist die Folge solch “unternehmerischen Handelns”?

Minimallöhne werden dann irgendwann staatlich “aufgestockt” aus … richtig, unser aller Steuern. Der Staat wird damit zur Geisel und Beute einer kleinen Gruppe von “Schleckern” und “Möchtegern-Schleckern”. Das Shampoo im Schleckerladen wird dann immer noch billig sein, aber unter Hinzurechnung von Steuern und Abgaben am Ende des Monats verdammt teuer.

Ob sich solch ein “Geiz-ist-geil”-verhalten lohnt? Das muss jeder selbst für sich beantworten. Vielleicht überlegen wir mal jeder für sich und stellen uns die Frage “Muß ich wirklich bei Schlecker kaufen?”

Meine persönliche Antwort darauf jedenfalls im Moment “Schlecker – nein danke”.  Ich will wo ich es denn kann, keine Lohnsklavenverhältnisse subventionieren. Zumal mich das “Billig” von heute morgen ziemlich “teuer” zustehen kommen kann.

Das Einzige was mich im Moment jedenfalls beruhigt: Die Schlecker und Co. können nur dort in Ruhe ihr fragwürdiges Süppchen kochen wo es keine Öffentlichkeit gibt.  Wird aber etwas ruchbar dann heißt es schnellstens “Zurückrudern”. Ich bin gespannt was sich die Firma Schlecker dazu einfallen läßt. Wie wäre es mit “Sorry, war nur ein Spaß”?

P.S. jetzt weiß ich auch wofür der Name “MENIAR” steht, nein, nicht “Menschen in Arbeit”, sondern “Menschen in Armut”.

15 Grad minus, der Schnee knirscht unter den Sohlen. Nun ist es wieder geschafft, das Weihnachtsfest westlicher Lesart haben wir überstanden. Gestern war Jahreswechsel und Freunde kamen am Abend zu Besuch. Um 22.00 Uhr Ortszeit haben alle die Neujahrsansprache von Angela Merkel über sich ergehen lassen, wobei die Mehrheit der Anwesenden Gott sei Dank nicht sprachkundig war. Gefolgt wurde die Kanzlerin  von der Neujahrsansprache von Präsident Medwedew um Mitternacht. Welche Ansprache gehaltvoller war lasse ich mal offen. Beide nahmen sich nicht allzu viel in ihren Unbestimmtheiten im Sinne von “Pro Bonum Contra Malum”.

Um 0.00 Uhr wurde auf das Neue Jahr getrunken. Es gab Gans, Salate, Brötchen mit rotem Kaviar, m.a.W. ein ganz normales russisches Neujahrsfest. Bis um 2.00 Uhr nachts wurde getafelt, dann brachen unsere Freunde auf. Gleich darauf klingelte es allerdings erneut und die Nachbarn vom Stockwerk über uns trafen ein. Das ging dann bis 5.00 morgens.

So spannende Fragen wie “Die heutige Jugend ist auch nicht mehr das was wir mal waren.” wurden diskutiert und natürlich noch das eine oder andere Fläschchen geleert.

Am Ende der Debatte war man sich einig daß wir früher auch nicht besser gewesen sind und so war die Ehre der Jugend wieder hergestellt.

Bettzeit, Aufstehen so gegen 12.00 Uhr, gefühlte 16.00 Uhr. Dann die Feststellung getroffen daß man noch das eine oder andere benötigt. Wohl dem der in Rußland ist, denn Ladenöffnungszeiten deutscher Lesart gibt es hier nicht. Es gibt sogar Läden mit 24-Stunden-Betrieb und niemand muß an die Tankstelle fahren um Brot zu kaufen.

Ob die Mitarbeiter, vornehmlich Mitarbeiterinnen, das auch so sehen wage ich mal zu bezweifeln, aber mir soll es recht sein. Ich brauche:

  • Jogurth
  • Butter
  • Ofenreiniger
  • Mineralwasser
  • und last but not least ein Fläschchen für die anstehende Nachfeier.

Also auf in den Supermarkt. Wo gestern nicht mal eine Kopeke fallen konnte, so dicht drängte man sich, da waren heute die Mitarbeiterinnen des Supermarktes fast in der Überzahl und zwei Gruppen von Kunden konnte man auszumachen.

Einerseits die Hausfrauen die noch irgendwas einkaufen mußten und andererseits die Vertreter der Gattung “Tote Seelen” die schon der Schriftsteller Gogol zu beschreiben wußte. Unter dieser Gruppe hat man die zu verstehen, die den gestrigen Tag sehr erfolg- und folgenreich hinter sich gebracht hatten und die jetzt im Supermarkt standen und den Eindruck machten daß sie selber nicht wußten was sie hier eigentlich sollten.

Die Regale mit Mineralwasser, Tomatensaft und allerlei sauren Milcherzeugnissen wiesen schwere Spuren von Warenmangel auf, das Wort “Defizit”, eines der ersten russischen Worte die ich gelernt hatte, kam mir in den Sinn.

Ich zählte mich mal zur Gruppe der Hausfrauen und Hausmänner die mittels Einkaufszettel ihre Einkäufe erledigten und nach kurzer Zeit stand ich wieder vor der Tür des Ladens. Ab nach hause. Um 20.00 geht es zu Freunden für die Neujahrsfeier, Teil zwei.

Soviel zu den hiesigen Festivitäten. Aber nun noch kurz zur russischen Jugend im allgemeinen und meiner Enkelin im besonderen. Die hatten wir nämlich für einige Tage bedingt durch ihre Erkältung zu Gast. Sie konnte nicht in den Kindergarten und das blieb dann nur die Pension “Opa und Oma”.

Viel habe ich gelernt in diesen Tagen.  Zunächst einmal ist da das Märchen vom Mascha und den Bären und die Geschichte vom dicken fetten Pfannkuchen der allen davon rannte bis ihn ein Fuchs überlistete und auffraß.  Zum Abschluß gab es noch die Geschichte vom Rübenernten, bei dem der Opa die Rübe ausrupfen soll, es aber nicht schafft. Also zieht Oma am Opa der wieder an der Rübe zieht. Als das nicht fruchtet, hilft der Hofhund. Der zieht nämlich an der Oma, die wiederum am Opa zieht, der seinerzeit versucht die Rübe auszurupfen.  Ich will es kurz machen. Einige weitere Beteiligte betreten noch die Bühne und ziehen mit an der Rübe. Als endlich das kleine Mädchen mithilft, da kann die widerspenstige Rübe besiegt werden.

So vervollständige ich allmählich den Schatz der russische Märchen, meine Enkelin hält mich da auf dem neuesten Stand. Aber auch in anderen Dingen bin ich dank der Enkelin mit ihren vier Jahren und ihrem nicht enden wollenden Redeschwall up to date.

Als wir neulich durch die Stadt fuhren wollte sie mir unbedingt das neueste Lied vorsingen das sie gelernt hatte. Ich war nicht schlecht erstaunt als es da aus dem Kindersitz hinter mir ertönte “Verschwinde, mach die Tür zu, ich habe jetzt einen anderen.”

Ob die heutige Jugend vielleicht doch ein wenig frühreif ist ?

Alle Jahre wieder…

kommt das Christuskind. Und wer bei ALDI nicht schnell genug zur Seite springt, den rennt spätestens Ende August eben dieses Christuskind um wenn es mal eben schnell eine Palette Lebkuchen abliefert um dann in Windeseile eine weitere Palette mit Christstollen im Mittelgang bei LIDL zu platzieren. M.a.W. es ist die zeit des „Raus aus dem Badeanzug, rein in die Nikolausstiefel“, Weihnachten steht vor der Tür, jedenfalls wenn es nach den Vorstellungen des Einzelhandels geht.

Um dieses “alle Jahre wieder”, das mir schon seit Jahren die Lust auf Weihnachten gründlichst vergällt, soll es hier aber heute nicht gehen. Da ich hier einen Blog zu Russland wie ich es sehe habe, will ich über das “alle Jahre wieder” russischer Provinienz berichten.

Alle Jahre wieder tritt in Russland, wie es scheint für alle Beteiligten völlig unvorhersehbar, die kalte Jahreszeit ein. Die Folge: Der Präsident oder der Premierminister werden im Fernsehen gezeigt, wie sie sich mit irgendjemandem treffen und dieser Irgendjemand erklärt dem Präsidenten / Premierminister, dass alles für die kalte Jahreszeit bereit ist, die Heizungen nur darauf warten geöffnet zu werden und man dem Winter gelassen entgegensehen könne.

Und dann passiert es: Irgendwo in den Tiefen des großen Landes muss Mr. Irgendwer nicht gewesen sein und die eifrig als abgeschlossen dargestellten Vorbereitungen für die kalte Jahreszeit sind noch keinesfalls abgeschlossen. Als Folge sieht man dann im Fernsehen Berichte über kleine Städte und Dörfer die “mal eben nicht beheizt werden” und in denen die Menschen frieren. Einen Tag später hat dann der Präsident / Premierminister sich den verantwortlichen Gouverneur zur Brust genommen und drei Tage später ist dann die Ortschaft wieder beheizt oder hat wieder Wasser oder warmes Wasser, wenn, ja wenn das Fernsehen darüber berichtet hat. In wie vielen Fällen die Massenmedien aus welchen Gründen auch immer nicht darüber berichten, das kann man nur ahnen.

Woher kommt dieses „Alle Jahre wieder wird es kalt in den Wohnungen“? Nun, die Ursachen sind vielfältig. Zum einen sind da die Heiztrassen aus Sowjetzeiten, die schon seit langen Jahren nicht gewartet wurden und die deshalb genau dann leck schlagen wenn die Heizsaison eingeläutet wird. Interessanterweise wird in den Sommermonaten die Warmwasserversorgung für mehrere Wochen abgestellt. Begründung: Wartung der Rohrtrassen. Wartungstrupps sieht man in dieser zeit nur spärlichst und wie effektive diese Wartung dann ist, zeigt sich zu Beginn der Heizperiode.

Zum anderen sind es Gelder zur Renovierung eben dieser Heiztrassen, die auf wundersame Weise nie ihren eigentlichen Bestimmungsort erreichen, oder wenn sie ihn erreichen, dann jedenfalls nicht in vollem Umfang. Der fehlende Rest ist dann in den Weiten Russlands irgendwo versickert oder befindet sich auf einer Geldkreislaufbahn auf der die angesammelten Beträge mal schnell ein paar Zinsen verdienen die dann aber nicht in die Arbeiten zur Pflege der Heiztrassen einfließen.

Des weiteren ist es die fehlende Zahlungsmoral oder Zahlungsfähigkeit mancher Zeitgenossen, die entweder nicht daran denken für gelieferte Wärme zu zahlen, oder die auf Grund einer minimalen Rente nicht in der Lage sind zu zahlen.

Und last but not least sind es Bestimmungen im russischen Arbeitsrecht, die zu kalten Füßen führen können. Wie das? Ganz einfach.

Die Entlohnung russischer Arbeitnehmer ist aufgeteilt in verschiedene Bestandteile der Entlohnung. Da ist zunächst einmal der Grundlohn den der Arbeitgeber zahlt. Dieser Grundlohn ist in der Regel nicht sonderlich hoch und wenn man von Lohnhöhen in Russland spricht, dann sind die genannten Beträge meist eben dieser Grundlohn die in Diskussionen genannt werden. Dass teilweise unter der Hand ganz andere Beträge gezahlt werden und man die Lohnhöhe nur deshalb künstlich niedrig hält um sich Steuern und Sozialabgaben vom Leibe zu halten, das sei nur der Vollständigkeit halber am Rande erwähnt.

In vielen Firmen, so auch in den örtlichen Wärmeversorgungsunternehmen, werden darüber hinaus aber weitere Vergütungsbestandteile gezahlt. Dazu gehören auch Prämien für die Mitarbeiter.

Und diese Prämien sind es auch, die letztlich zu kalten Füßen führen können. Denn diese Prämien beinhalten auch Prämienzahlungen für die Arbeit unter erschwerten Arbeitsbedingungen. Damit man eine solche Prämie für erschwertes Arbeiten einstreichen kann kann, muss man die Vornahme der Arbeiten eben auf solche Zeitpunkte legen, wo z.B. schlechte Witterungsbedingungen herrschen, es regnet oder schneit oder eben in der Kälte gearbeitet wird.

Da werden dann Heizungsrohre erneuert oder geflickt wenn es draußen kalt ist. Die Folge ist, dass die Heizung “mal eben” für ganze Stadtteile abgestellt wird und Gleiches gilt auch für die Versorgung mit warmen Wasser falls nötig.

Da werden auch Straßenbeläge dann erneuert wenn es draußen wie aus Eimern gießt und schüttet oder die Außentemperaturen sich erkennbar auf den Nullpunkt hin zu bewegen. Dem so aufgetragenen Asphalt ist das zwar nicht zuträglich, der einzustreichenden Prämie aber schon.

Als Folge werden die Arbeiten erledigt nach dem Motto “Chef, bin fertig, Prämie bitte.” Welche volkswirtschaftlichen Beträge so völlig unsinnig verbraten werden entzieht sich meiner Kenntnis. Nur eins ist klar, die so mit neuem Asphalt versehenen Straßen halten nicht allzu lange und den so erneuerten Heizungsrohren ist ein ähnliches Schicksal vorbestimmt, m.a.W. die nächste Abschaltung der Heizung ist vorprogrammiert.

Gut nur, dass hier noch keiner öffentlich auf die Idee kam den verstärkten Gebrauch von Pullovern oder sonstiger warmer Kleidung zu propagieren. Das ist bisher nur dem ehemaligen Finanzsenator Thilo Sarrazin vorbehalten gewesen.

Endlich regiert die Tigerente, nur wie?

Endlich regiert die Tigerente, nur wie?

Der Berg kreiste und gebar eine Maus. Und Deutschland wählte und heraus kam … eine Tigerente. Nach dem vorgestrigen Wahldebakel für die SPD bleibt kurz Zeit inne zu halten und sich zu fragen was da wohl geschehen ist. Wenn der alte Satz von Bismarck stimmt daß nirgends so viel gelogen wird wie im Krieg, nach der Jagd und vor der Wahl, dann konnte man heute vollends bestaunen wie recht der alte Sozialistehasser einst hatte.

War vor der Wahl versucht worden eine ganze Wählerschaft mit dem Slogan „runter mit den Steuern“ einzulullen, na ja, so recht traute dem wohl niemand, dann beeilten sich die heutigen siegreichen Politauguren schnell diese Aussage zu „vergessen zu machen“.

Pressewirksam voran ging der Erfinder dieses Slogans, der auf der Pressekonferenz seiner Partei auf die Bitte einer Journalistin doch noch einmal zu wiederholen was er vor der Wahl zu Steuersenkungen gesagt hatte, sich eiligst bemühte das Thema zu wechseln. Nein, wiederholen wollte er das nicht. Erst müsse Kassensturz gemacht werden.
Und damit war der Weg vorgezeichnet wie wohl demnächst argumentiert werden wird.

Sein Parteifreund und politisches Urgestein Genscher hatte diese Parole vom „Kassensturz“ schon im Morgenmagazin des ZDF ausgegeben und Guido hielt sich an diese Steilvorlage. Auch der baden-württembergische Ministerpräsident Oettinger, wir erinnern uns, das ist der, der den Marinerichter und einen der Amtsvorgänger im Amt des Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg noch schnell in die Reihe der Widerstandskämpfer gegen das NS-Regime einreihen wollte um kurz darauf von seiner eigenen Aussage abzurücken, eben der jedenfalls hatte auch eine Meinung zum Thema Steuersenkung. Und die ließ sich etwa wie folgt zusammenzufassen, eigentlich sei im Moment kein richtiger Handlungsbedarf, und an Steuersenkungen sei wohl erst in 2011, wenn nicht in 2012 zu denken. Vertrösten auf den St.Nimmerleinstag nennt man das wohl.

Wenn schon seinerzeit eine ganze Horde von „Jubelpersern“ außer sich war als ihnen jemand den „totalen Krieg“ anbot, so schien sich diese Szene fast zu wiederholen als jemand den schon mittels „Abwrackprämie“ Verwöhnten noch eins draufsatteln wollte als er Steuersenkungen unters Volk streute. Und, das Volk fraß es ohne zu murren und wählte die Steuersenker. Fragt sich nur, ob nun der Tiger oder die Entenkomponente in der neuen Regierung die Ärmel aufkrempeln wird und die Steuern senkt.

Zwar hatte da vor der Wahl auch jemand in gebetsmühlenhafter Weise von sich gegeben daß er keinen Koalitionsvertrag unterzeichnen werde der nicht Steuererleichterungen beinhalte. Aber wenn die Halbwertzeit politischer Äußerungen schon in den Sechzigern gering war als da jemand verkündete „niemand habe die Absicht eine Mauer zu bauen“, dann konnte man heute zumindest erleben, daß die Wahlversprechen nicht einmal den ersten Tag nach der Wahl überlebt hatten. Wir leben eben in einer sehr schnelllebigen Zeit wird man da nur konstatieren können.

Und die Sozis? Die packte gestern das helle Grauen. So hatten sie sich den Ausgang der Wahl nicht vorgestellt. Obwohl die Anhängerschaft mit trotzigem langanhaltendem Applaus wohl über ihren tiefen Fall hinweg applaudieren wollte als Frank-Walter ans Mikrofon ging, kann der Ausgang der Wahl wohl kaum darüber hinwegtäuschen, daß das desaströse Ergebnis der SPD u.a. das Resultat für Hartz IV ist, das da eingefahren wurde. Das jedenfalls meinte der Herausforderer nach der Wahl immer noch bestreiten zu können. Mancher lernt eben nie und mancher eben noch später. Selbstkritik? Fehlanzeige.

Ansonsten scheinen sich die Sozialdemokraten jetzt darin zu gefallen Heinrich Heine zu studieren. Der hatte in seinem Gedicht „Belsatzar“ schon geschrieben „ Belsatzar ward aber in selbiger Nacht von seinen Knechten umgebracht.“ Das gleiche Schicksal scheint im Moment auch dem zu blühen, der vor nicht allzu langer Zeit in völliger Verkennung der Sachlage und wohl eher vom Wunschdenken getrieben als auf dem Boden der Realität stehend, orakelt hatte, daß Angela Merkel gut beraten sei ihre Umzugskartons zu packen. Das war der Gleiche übrigens der sich vor ca. 4 Jahren bitterst beschwert hatte daß man Politiker an ihren Wahlversprechen messe. Nun mit Königsmord hat die SPD Erfahrung und nun scheint es daß auch der geopfert wird, der seinerzeit selbst am Königsmord mit beteiligt war.

Und die Kanzlerin? Die will die Kanzlerin aller Deutschen sein. So hatte sie es jedenfalls gestern noch verlauten lassen. Da ist man doch fast an den Ausspruch „Ich kenne keine Parteien, ich kenne nur noch Deutsche“ erinnert. Dieser Ausspruch war seinerzeit auch in schwerer Zeit gemacht worden, einer Zeit die deshalb schwer war, weil der Autor des Ausspruchs sie selbst schwer gemacht hatte. Und auch da hätten wir dann Parallelen. Auch hier hatte die „Kanzlerin aller Deutschen“ mitgeholfen schwere Zeiten herbeizuzaubern, herbeizaubern durch Unterlassen der Regulierung des Finanzmarktes würde ich das mal nennen wollen. Aber bei diesem Versäumnis war sie ja nicht allein. Nur sind die Mittäter jetzt auf die Oppositionsbänke verbannt während die Kanzlerin sich auf eine neue Amtszeit einrichten kann. Das soll eine Zeit werden in der sie auf den sozialen Ausgleich achtgeben will. Hoffentlich hat sie sich da nicht übernommen.

Fazit? Geben wir der neuen Regierung einhundert Tage und lassen wir uns überraschen. Es wird schon nicht so schlimm werden, sagen die einen. Es wird schlimmer meinen die anderen. Eines steht jedenfalls jetzt schon fest. Wenn im Krieg gilt daß das erste Opfer des Krieges die Wahrheit sei, dann gilt das auch für Wahlzeiten- und zumindest die ersten Tage danach.

Seit der Einführung des sog. “Einheitlichen Staatsexamens” – “EGE” – für Absolventen der russischen Schulen ist Chance für so manchen Zeitgenossen auf einen kostenlosen Studienplatz erheblich geschrumpft. Der Prüfungsstoff der abgefragt wird ist einheitlich und auch die Fragen sind vereinheitlicht. Die Beurteilung der Ergebnisse erfolgt auch nicht vom örtlichen Personal, m.a.W. dem Benotungsmißbrauch ist soweit man bisher sehen kann ein wenig ein Riegel vorgeschoben worden.

Nun gut, wo ein Problem ist da ist auch eine Lösung und daß man das “EGE” auch durch Stellvertreter erledigen lassen kann, das ist seit einem Bericht im Mai diesen Jahres in den Nachrichten des ersten Kanals des russischen Fernsehens auch dem Letzten klar.

Da war zu sehen wie geschäftstüchtige Zeitgenossen in der russischen Provinz sich Zutritt zu dem Examenstermin verschafften um dann für die Prüflinge gegen entsprechende Aufwandsentschädigung die lästigen schriftlichen Prüfungen zu absolvieren. Zu den so Hilfsbereiten zählten, man höre und staune, auch das Lehrpersonal eben jener Schule in der Provinz in der die Prüfungen stattfanden. Und damit alles reibungslos ablief hatte die Direktorin der betroffenen Schule dafür Sorge getragen daß die Veranstaltung geräuschlos über die Bühne ging,  gegen eine Aufwandsentschädigung versteht sich.

Leider hatten die Dienstleister die Rechnung ohne den Wirt gemacht und waren daher nicht wenig erstaunt daß am Prüfungstag auch die “ausführenden Organe der Macht” nebst Mitarbeiter des Fernsehens zur Stelle waren um nach dem Rechten zu schauen und vor laufender Kamera eine 38-jährige Lehrerin beim Betreten der Prüfungsräume zu erwischen, die sich auf dem Wege der Gehaltsaufbesserung befand.

Im Moment läuft die Bewerbung der Schüler an den Universitäten und sonstigen Ausbildungsstätten Rußlands auf vollen Touren. Das Ausbildungsjahr beginnt am 1. September in Rußland (und auch der Ukraine). Zugang zu den vom Staat finanzierten Ausbildungsgängen haben die zukünftig Studierenden zunächst einmal auf Grund ihres schulischen Abschlußzeugnisses und der Noten. Weitere Kriterien können bei der Vergabe der heißbegehrten Studienplätze herangezogen werden. Der Katalog umfaßt einem Bericht des russischen Fernsehen zufolge mehr als 100 verschieden Kriterien, so u.a. Teilnahme an Wissenwettbewerben, den sog. “Olympiaden”.

Bessere Chancen auf eine Ausbildung will der russische Staat denen angedeihen lassen, die behindert sind. Dieser ehrenwerte Vorsatz führte allerdings bei der diesjährigen Begutachtung der eingegangen Bewerbungen zu dem erstaunlich Ergebnis daß sich Anzahl der behinderten Bewerber auf einen kostenlosen Studienplatz um nahezu 25 % erhöht hatte. Noch mehr erstaunte die interviewten Uni-Präsidenten das Faktum, das die Invalidisierung der Bewerber zu einem großen Teil wohl erst kurz vor der jeweiligen Übermittlung der Bewerberdokumente stattgefunden haben mußte. So wies eine Vielzahl der eingereichten “Invaliditätsbescheinigen” eine auffällige zeitliche Nähe zum Bewerbungszeitpunkt auf. Daß teilweise auch Bescheinigungen ohne Registriernummer eingereicht wurden soll nur der Vollständigkeit halber erwähnt werden.

Um die Frühinvalidisierung der russischen Jungakademiker zu begrenzen sieht man sich jetzt gezwungen im Zweifelsfall einen neutralen Gutachter zu bemühen der den Gesundheitszustand des Bewerbers überprüfen wird. Daß dabei der eine oder andere “invalide” Bewerber durch das Raster rutschen wird und damit genügend Plätze für die wirklich Bedürftigen zur Verfügung stehen werden, bleibt zu hoffen. Den daraufhin abgelehnten “invaliden” Kandidaten bleibt dann, falls ihnen ein Strafverfahren keinen Strich durch die Rechnung macht,  als letzter Ausweg immer noch das selbstbezahlte Studium mittels eines Vertrages mit der jeweiligen Universität.

Fazit: Erstens: Das russische Fernsehen zeigt eine für manch westlichen Beobachter erstaunliche Offenheit im Umgang mit Mißständen im eigenen Lande, eine Offenheit die so garnicht zu dem gern mancherorts gehegten Bild von der “Putin-Diktatur mit Medwedjew-Maske” paßt.

Zweitens: Die notwenigen und richtigen Schritte zur Reform des Bildungswesens werden in Rußland gemacht.

Drittens: Es bleibt zu hoffen daß die auf Grund der bisher geltenden Praxis im Ausland mancherorts mit Argwohn betrachteten Zeugnisse russischer Bildungsinstitutionen wieder an Wert gewinnen.

Viertens: Ferner bleibt zu hoffen daß die offizielle Lehrerbesoldung in absehbarer Zeit solche Höhen erreicht daß “Nebenverdienste” für das Lehrpersonal nicht nur überflüssig werden sondern der Verlust eines gut dotierten Arbeitsplatzes höher wiegen wird als der Anreiz zu Nebeneinkünften. Da habe  ich allerdings so meine Zweifel, leider.

Das Gezocke an den “wertschöpfenden” Börsen und das Desaster auf dem Immobilienmarkt frißt seine Kinder. Eine Bank nach der anderen hat Berichtigungsbedarf in den manchmal allzu kreativ geführten Büchern. Und endlich hört auch das Gemecker der Neoliberalen über “den Staat” auf, soll sich doch der Vielgescholtene jetzt um die Rettung der “Monopoly-Spieler” kümmern, mit Steuergeldern versteht sich. Die EU Zentralbank läßt sich nicht lumpen, geht es doch um “die Rettung” des angeschlagenen Bankensektors und damit “um uns alle”.

Wirklich uns alle? Ich habe da so meine Zweifel. Erst Zocken und abkassieren, dann verspielen und nun dürfen sich alle daran beteiligen. M.a.W. Gewinne privatisieren und Verluste sozialisieren, na prima. Die Banken sind “Opfer”, das läßt sich leicht sagen. “Wir waren es nicht … der andere war es.” Das kennt man schon aus der Sandkiste. Tatsache ist, alle wollten schnell reich werden, am besten gestern. Und … haben sich vertan beim globalen Monopoly.

Börsen und Analysten haben es geschafft … leider erst bis kurz vor den “Super-GAU”. Aber ich bin sicher, Ihr schafft das schon uns vollständig zu beglücken und einen richtigen Wirtschafts-Gau hinzubekommen. Erst springt der ansonsten verteufelte Staat ein um Euch über Eure verzockten Monopoly-Gelder zu helfen. Dann, wenn sich der Sturm gelegt hat dann gilt “Business as usual”. Und in der Zwischenzeit beruhigt das Institut der deutschen Wirtschaft die Massen wenn es verkündet daß die Einkommen garnicht so ungleich verteilt sind und die Armutsbedrohung abgenommen habe. Jedenfalls wird es so in der Presse heute zitiert. Wer die Pressemitteilung aber ganz liest wird einen ganz anderen Eindruck gewinnen müssen.

Wer angesichts der allgegenwärtigen neoliberalen Propaganda nicht vollends verblöden will, dem empfehle ich die “andere Sicht der Dinge”. Vielleicht an einem verregneten Samstag zu lesen?