15 Grad minus, der Schnee knirscht unter den Sohlen. Nun ist es wieder geschafft, das Weihnachtsfest westlicher Lesart haben wir überstanden. Gestern war Jahreswechsel und Freunde kamen am Abend zu Besuch. Um 22.00 Uhr Ortszeit haben alle die Neujahrsansprache von Angela Merkel über sich ergehen lassen, wobei die Mehrheit der Anwesenden Gott sei Dank nicht sprachkundig war. Gefolgt wurde die Kanzlerin von der Neujahrsansprache von Präsident Medwedew um Mitternacht. Welche Ansprache gehaltvoller war lasse ich mal offen. Beide nahmen sich nicht allzu viel in ihren Unbestimmtheiten im Sinne von „Pro Bonum Contra Malum“.
Um 0.00 Uhr wurde auf das Neue Jahr getrunken. Es gab Gans, Salate, Brötchen mit rotem Kaviar, m.a.W. ein ganz normales russisches Neujahrsfest. Bis um 2.00 Uhr nachts wurde getafelt, dann brachen unsere Freunde auf. Gleich darauf klingelte es allerdings erneut und die Nachbarn vom Stockwerk über uns trafen ein. Das ging dann bis 5.00 morgens.
So spannende Fragen wie „Die heutige Jugend ist auch nicht mehr das was wir mal waren.“ wurden diskutiert und natürlich noch das eine oder andere Fläschchen geleert.
Am Ende der Debatte war man sich einig daß wir früher auch nicht besser gewesen sind und so war die Ehre der Jugend wieder hergestellt.
Bettzeit, Aufstehen so gegen 12.00 Uhr, gefühlte 16.00 Uhr. Dann die Feststellung getroffen daß man noch das eine oder andere benötigt. Wohl dem der in Rußland ist, denn Ladenöffnungszeiten deutscher Lesart gibt es hier nicht. Es gibt sogar Läden mit 24-Stunden-Betrieb und niemand muß an die Tankstelle fahren um Brot zu kaufen.
Ob die Mitarbeiter, vornehmlich Mitarbeiterinnen, das auch so sehen wage ich mal zu bezweifeln, aber mir soll es recht sein. Ich brauche:
- Jogurth
- Butter
- Ofenreiniger
- Mineralwasser
- und last but not least ein Fläschchen für die anstehende Nachfeier.
Also auf in den Supermarkt. Wo gestern nicht mal eine Kopeke fallen konnte, so dicht drängte man sich, da waren heute die Mitarbeiterinnen des Supermarktes fast in der Überzahl und zwei Gruppen von Kunden konnte man auszumachen.
Einerseits die Hausfrauen die noch irgendwas einkaufen mußten und andererseits die Vertreter der Gattung „Tote Seelen“ die schon der Schriftsteller Gogol zu beschreiben wußte. Unter dieser Gruppe hat man die zu verstehen, die den gestrigen Tag sehr erfolg- und folgenreich hinter sich gebracht hatten und die jetzt im Supermarkt standen und den Eindruck machten daß sie selber nicht wußten was sie hier eigentlich sollten.
Die Regale mit Mineralwasser, Tomatensaft und allerlei sauren Milcherzeugnissen wiesen schwere Spuren von Warenmangel auf, das Wort „Defizit“, eines der ersten russischen Worte die ich gelernt hatte, kam mir in den Sinn.
Ich zählte mich mal zur Gruppe der Hausfrauen und Hausmänner die mittels Einkaufszettel ihre Einkäufe erledigten und nach kurzer Zeit stand ich wieder vor der Tür des Ladens. Ab nach hause. Um 20.00 geht es zu Freunden für die Neujahrsfeier, Teil zwei.
Soviel zu den hiesigen Festivitäten. Aber nun noch kurz zur russischen Jugend im allgemeinen und meiner Enkelin im besonderen. Die hatten wir nämlich für einige Tage bedingt durch ihre Erkältung zu Gast. Sie konnte nicht in den Kindergarten und das blieb dann nur die Pension „Opa und Oma“.
Viel habe ich gelernt in diesen Tagen. Zunächst einmal ist da das Märchen vom Mascha und den Bären und die Geschichte vom dicken fetten Pfannkuchen der allen davon rannte bis ihn ein Fuchs überlistete und auffraß. Zum Abschluß gab es noch die Geschichte vom Rübenernten, bei dem der Opa die Rübe ausrupfen soll, es aber nicht schafft. Also zieht Oma am Opa der wieder an der Rübe zieht. Als das nicht fruchtet, hilft der Hofhund. Der zieht nämlich an der Oma, die wiederum am Opa zieht, der seinerzeit versucht die Rübe auszurupfen. Ich will es kurz machen. Einige weitere Beteiligte betreten noch die Bühne und ziehen mit an der Rübe. Als endlich das kleine Mädchen mithilft, da kann die widerspenstige Rübe besiegt werden.
So vervollständige ich allmählich den Schatz der russische Märchen, meine Enkelin hält mich da auf dem neuesten Stand. Aber auch in anderen Dingen bin ich dank der Enkelin mit ihren vier Jahren und ihrem nicht enden wollenden Redeschwall up to date.
Als wir neulich durch die Stadt fuhren wollte sie mir unbedingt das neueste Lied vorsingen das sie gelernt hatte. Ich war nicht schlecht erstaunt als es da aus dem Kindersitz hinter mir ertönte „Verschwinde, mach die Tür zu, ich habe jetzt einen anderen.“
Ob die heutige Jugend vielleicht doch ein wenig frühreif ist ?
