Krim die Zweite und das Geheimnis von Sitzreihe 14
Februar 16, 2008 von fromrussia
Wir erinnern uns, am 10. Februar bin ich auf die Krim geflogen um ein Basis EDV Training für Mitarbeiter von Berufsschulen und der regionalen Berufsbildungsverwaltung zu eröffnen und eine Vorlesung über EDV Nutzung im Westen zu halten. Der Flug war suboptimal und die anschließende Bewirtung im Hotel zu später Stunde beinhaltete ebenfalls ein erhebliches Verbesserungspotential.
Heute, am 13. Februar sollte alles anders werden. Ich war gewappnet. Unterwegs zum Flughafen hatte ich noch eine kleinere Debatte mit einem Mitarbeiter der Rechtswahrenden Organe, die damit endete dass mich “Herr Obrigkeit” mit meinem Taxifahrer mürrisch maulend von dannen ziehen ließ. Der Beginn ließ sich also nicht schlecht an, zumindest für mich. An Terminal A in Borispol angekommen, fand ich schnell meine Mitarbeiterin Tatyana, die mit mir auf die Krim fliegen sollte.
Ihre Aufgabe, Training der Nutzung unseres neu entwickelten Management Information Systems für berufliche Bildung. Ich hatte die Nutzungsbeschreibung mit, die wir morgen den Trainingsteilnehmern geben würden.
Wissend um die problematische Beinfreiheit in den Sitzreihen der YAK 42 näherten wir uns dem Abfertigungsschalter wo ich schnell noch mein Gepäck aufgeben wollte. “Welche Sitzreihe hätten Sie gern?”, schallte es uns entgegen. “Bitte Reihe 7 oder Reihe 14 wenn möglich.”, antwortete ich weltmännisch, wohl wissend dass sich dort die Notausgänge befinden und man die Beine nicht so anziehen muss, dass man mit den Kniescheiben die Ohren verschließen kann. “Gern, Fensterplatz oder Gangplatz?”, war die Antwort. “Das ist uns ganz egal, Hauptsache Beinfreiheit.” Ausgerüstet mit den Reihe-14-Bordkarten verließen wir den Schalter. Meine Tasche machte noch einen Bogen auf dem Transportband und schon verschwand sie samt Gepäckaufkleber aus meinem Blickfeld. Sie enthielt neben der gewöhnlichen SOS-Ausrüstung (Socken, Oberhaupt und Schlips) und der Toilettentasche auch noch meine Notration bestehend aus Schnittkäse, etwas Wurstaufschnitt und Brot. Der Notvorrat wurde nötig nachdem ich bei meinem ersten Aufenthalt im Hotel die Erfahrung machen musste, dass der Koch kurz vor meinem Eintreffen wohl fluchtartig das Hotel verlassen hatte und man sich außerstande sah mir wenigstens ein Tüte Kartoffelchips zu veräußern, Der Ausweg? Eine Flasche Obolon-Bier. Das sollte diesmal nicht passieren.
Dann der Aufruf des Fluges, Tatyana und ich passierten die Sicherheitskontrollen ohne weitere Problem, schnell noch ein Cappuccino dann weiter und warten auf das Abreißen der Bordkarte, das Öffnen der Türen, die Busfahrt über das Rollfeld und schließlich das Versinken in einem der Sitze in Reihe 14. Soweit die Theorie, die Praxis hatte leider einige kleine unwesentliche Abweichungen vom Kausalverlauf, wie der Jurist, der ich nun einmal noch immer bin, sagen würde.
Eine Menschenansammlung dort wo die Karten abgerissen werden, Flug um Flug wurde aufgerufen, nur unser um 19.50 Uhr geplanter Flug nicht. Und erstaunlicherweise wiederholte sich bei allen Flügen das gleiche Szenario. Der Flug wird aufgerufen, Passagiere drängen sich mehr oder minder geordnet zum Schalter, die Karten werden abgerissen und die Passagiere verschwinden im bereitstehenden Bus, der dann aber doch nicht abfährt, weil noch der eine oder Passagier fehlt. Wieder und wieder die laut gerufenen Frage “Noch Passagiere für Ivano Frankivsk?” Dann hektisches Laufen des Personals durch den Saal. “Passagiere für Ivano Frankivsk bitte zum Abflug.” Nach zehn weiteren Minuten fährt der Bus endlich ab. Bei Flügen nach Odessa und Lviv das gleiche Bild. Und unser Flug ? Er hat Verspätung erfahren wir nun, Abflug um 20.30. Ok, also 20.30 Uhr, soll mir recht sein, Hauptsache Reihe 14 mit der sagenhaften Beinfreiheit. In der Zwischenzeit habe ich einige Landsleute ausfindig gemacht, die ebenfalls auf die Krim wollen. Sie verstehen weder Ukrainisch noch Russisch und so informiere ich sie jeweils was gerade durchgesagt wurde. Wir vertreiben uns die Wartezeit und erzählen uns Erlebnisse die wir bei Reisen ins Ausland hatten. Bei jedem Aufruf eines Fluges sagt einer meiner Kurzfristbekannten dass er da nicht hinwolle. Nach einiger Zeit fügt er hinzu, dass er lieber gleich ganz nach hause, das sich in Emden befindet, wolle. Die beiden, von denen einer, wie sich herausstellt, aus der Schweiz ist, sind in Sachen Schiffbau unterwegs und wollen nach Kertsch, dem Einlass vom Schwarzen Meer zum Asowschen Meer, der in letzter Zeit Berühmtheit dadurch erlangt hat, dass dort ein russischer Tanker strandete und sowohl das linksseitige ukrainische Ufer, als auch das rechtsseitige russische Ufer mit dem auslaufenden Öl verseuchte. Wir zeigen uns gegenseitig die in unseren Reisepässen vorhandenen Visa. Der Schweizer gewinnt, sowohl was die Anzahl der Länder anbelangt, u.a. China, als auch die Exotik der Visa. Ok, ein usbekisches Visum hat er nicht, aber gegen China gebe ich mich geschlagen.
Endlich, auch unser Flug wird aufgerufen, alle streben der Ausgangstür zu wo unsere Bordkarten abgerissen werden. Wir gehen zum Bus. Im Bewusstsein um die Komfortreihe 14 lege ich keine sonderliche Eile an den Tag. Die Bustüren schließen sich, wir fahren los. Auf dem Rollfeld kreuzt ein LkW der LSG Catering, der Lufthansatochter unseren Weg. Ein gutes Zeichen. Vielleicht will uns AEROSVIT für die Verzögerung entschädigen? Vor meinem Auge sehe ich schon das Abendessen serviert von einer netten Stewardess auf einem Platz in Reihe 14.
Wir erreichen das Flugzeug, die Bustüren öffnen sich und wir steigen aus. Ich gehe die Gangway hinauf. Jetzt noch den Mantel ausziehen, sich auf dem Platz mit der Beinfreiheit niederlassen, den iPod anschalten und auf geht’s. Ich passiere Reihe 7, ebenfalls Notausgang mit Beinfreiheit und strebe weiter meinem Platz zu. Und da ist sie, die nette Stewardess. Wahrscheinlich will sie meine Bordkarte sehen, vielleicht geleitet sie mich gar zu meinem Platz wo sie mir noch kurz nachdem ich mich gesetzt habe die Speisekarte reichen wird. Dann haucht sie mir noch “An Ihrer Stelle würde ich die Gänselebertrüffelpastete an Kräuterparfait mit einer Sauce aus karelischen Waldpilzen nehmen. Dazu passt hervorragend ein 75-er Massandra Rose, nicht zu schwer und nicht zu leicht.”, ins Ohr um kurz darauf mit den warmen Erfrischungstüchern zurückzukehren.
Aber meine Träume werden jäh gestört. Sie will nur meine Bordkarte sehen um mir dann kurz und bündig mitzuteilen, dass diese YAK 42 der Donbass Airlines überhaupt keine Reihe 14 habe.
Der Notausgang IST Reihe 14 und die nächste Sitzreihe, die mit der Beinfreiheit ist Nummer fünfzehn und die ist AUSGEBUCHT. Ob ich in der Zwischenzeit in der letzten Sitzreihe Platz nehmen könne, es sei ihr sehr peinlich aber einen besseren Platz habe sie nicht im Moment aber soweit alle an Bord seien werde man sich um einen anderen Platz für mich kümmern. Tatyana mit ihrer Reihe-14-Bordkarte ereilt das gleiche Schicksal. Und so sitzen wir in Reihe zwanzig, neben uns die Turbinen die im Verlauf des Fluges eine weitere Unterhaltung unmöglich machen werden und etwa zwei Meter trennen uns von den Bordtoiletten, na prima, guten Flug allerseits.
Mit ohrenbetäubendem Gebrüll gehen die Turbinen auf Vollast als wir abheben. Die Stewardess kehrt nach 15 Minuten zu uns zurück, man habe einen Platz weiter vorn für einen von uns gefunden. Tatyana und ich haben uns schon so “in unser Refugium verliebt” dass wir dankend ablehnen. Wenn wir jetzt noch die restlichen 75 Minuten störungsfrei in der Luft bleiben dann ist alles gut. Der Rest des Fluges ist schnell erzählt. Die Gänselebertrüffelpastete an Kräuterparfait mit karelischer Pilzsoße entfällt. Ihre Stelle nimmt das bekannte Bonbon für den Druckausgleich in den Ohren ein und der 75-er Massandra Rose erfährt Ersatz durch ein Mineralwasser ohne Kohlensäure im Plastikbecher der sogleich wieder eingesammelt wird. Das warme Erfrischungstuch zum Säubern der Hände fällt einer Totalrationalisierung zum Opfer. Nach neunzig Minuten Flug verlassen wir das Flugzeug nach der Landung mit einem mittleren Kollateralschaden am Gehörgang.
Dann folgt das übliche “Kohorte wartet auf den Nachzügler Willeke” im Bus. Unter dem schon bekannten Dach an frischer Luft warten wir auf meine Tasche. Im Gegensatz zum letzten Hinflug erscheint meine Tasche als letzte auf dem Band, muss also unter all den elefantengleichen großen Koffer, Taschen und sonstigem Gepäck gelegen haben. Ich wage mir nicht vorzustellen welche Bauhöhe mein Brot noch hat. Olga wartet diesmal nicht. An ihrer Stelle warten Georgi, der Trainer und unser Fahrer der uns auch beim letzten Mal gefahren hat. Auf der Fahrt überlege ich mir dass ich froh bin überhaupt einen Essensvorrat mitgenommen zu haben. Wahrscheinlich wird er ergänzt durch das schon bekannte Obolon-Bier und das ist ja auch nicht schlecht. Der Koch, der schon beim letzten Mal weg war als ich eintraf wird wohl kaum in Erwartung des verspäteten Fluges eine Ausnahme gemacht haben und auf uns gewartet haben.
Als ich vor Jahren noch bei der AEG in Berlin gearbeitet habe, da hatten wir an der Wand des Kundendienstbüros einen Computerausdruck. Und darauf stand:” Ängstige Dich nicht und sei froh, denn es könnte alles noch viel schlimmer kommen. Und ich ängstigte mich nicht und war froh und alles kam schlimmer.” Wir erreichen das Hotel, checken ein und mein erster Weg führt mich Richtung Bar um die begehrte Flasche Bier zu erstehen. Das Mädel, das da auf einem Sofa in der Nähe der Tür zur Bar sitzt erklärt mir auf meine Frage nach dem Erwerb einer Flasche Bier, dass heute nicht nur der Koch das Haus bereits verlassen habe, der Barmann habe es ihm gleichgetan und die Bar sei zu bis morgen früh. Schön dass das Hotel wenigstens eine Flasche lauwarmes Mineralwasser in jedem Gästezimmer kostenlos zur Verfügung stellt. Jetzt heißt es gut einteilen, das Mineralwasser ohne Kohlensäure muss bis morgen früh reichen wenn ich nicht noch Wasser aus dem Hahn trinken will. Und das will ich aufgrund meines reichen Erfahrungsschatzes an “Montezumas Rache im Reich des Zaren” nicht wagen.
Ich trotte zurück in mein Zimmer und setze mich aufs Bett. Und da passiert es. Wie seinerzeit 1858 eine weiß gekleidete Frau der später heilig gesprochenen Bernadette Soubirous in Lourdes erschien, so habe auch ich eine Erscheinung. In einen gleißenden Lichtbogen gebettet steht sie plötzlich vor mir, sie, die so manchem von uns im Rahmen einer Ziehung schon zu eigen wurde, sie, die wir alle fürchten. Diesmal hat das Schicksal mich auserwählt und ich bekomme sie heute ganz exklusiv, nur für mich.
Die große goldene Arschkarte am Bande mit Eichenlaub und Schwertern. Danke, danke, danke. Das wäre nicht nötig gewesen. Nur eine Frage bleibt, hat die YAK 42 auf dem Rückflug den Notausgang in Reihe 14 oder 15 oder ganz woanders? Wer ganz sicher gehen will sagt einfach:”Geben Sie mir irgendwas zwischen Reihe 12 und Reihe 16, Hauptsache es ist der Notausgang.” Ach ja, ich vergaß, natürlich sagt Ihr das in Ukrainisch oder Russisch, also, viel Glück.