Hartmut … don’t make me think….Die Bahn
März 4, 2008 von fromrussia
Wer meinen Blog schon länger liest, der weiß, daß ich ein Buch habe. Ein Buch? Was sage ich, einige Bücher. Viele davon sind mir ans Herz gewachsen, neben dem Herrn der Ringe von Tolkien und dem „verlorenen Horizont“ von James Hilton gibt es auch einige Sachbücher die ich nicht herzugeben gedenke. Das liegt u.a. daran, daß ich den „Verlorenen Horizont“ bereits sieben mal verliehen habe und daher im Besitz des achten Buches von James Hilton bin. Zu den nicht wegzugebenden Büchern gehört u.a. auch das Buch „Don‘t make me think“ - „Laß mich nicht Rätseln“, wie ich es übersetzen würde, von Steve Krug. In dem Buch geht es um „usability“, also Brauchbarkeit, von Internet WEB sites. Nicht alle WEB Sites sind brauchbar und der eine oder andere wird schon einmal seine Mühe gehabt haben der oft propagierten Aufforderung zu folgen und Geschäfte über das Internet abzuwickeln. Von einer solchen WEB Site soll heute hier die Rede sein. Nein, es ist nicht die WEB Site von GAZPROM oder AEROFLOT, wenngleich die letztere Firma auch so einige Tücken auf ihrer WEB Site verborgen hält. Die Rede soll heute einmal von einer Firma sein, die auch so in letzter Zeit auf sich aufmerksam gemacht hat, wir ahnen es, die Bahn.
Es ist mir fern den Lokführerstreik zu kommentieren. Nur soviel sei gesagt, wer selbst nicht unerhebliche Steigerungen in seinen Einkünften sein eigen nennen kann, der ist gut beraten vielleicht andere nicht unbedingt zum Maßhalten aufzufordern, nicht wahr Hartmut? Hartmut Mehdorn, der Chef der Bahn hat nämlich in der Vergangenheit Gehaltszuwächse gehabt, von der mancher Lokführer und manche Zugansagerin träumen würde. Aber das ist ein anderes Thema. Zurück zur Bahn.
Da wollte ich eine Fahrkarte per Internet für eine Fahrt in Deutschland erwerben. Wir haben demnächst Klassentreffen, nach 37 Jahren. Und da möchte ich gern dabei sein. Also gibt es einen Flug Kiew - Berlin, dann umsteigen auf die Bahn und ab geht es nach Leipzig. Soweit der Plan. Aber vor den Erfolg haben die Götter den Schweiß gesetzt. Auf ins Internet, das heute in Kiew mal wieder „zu Fuß“ unterwegs zu sein scheint so quälend langsam kommen die Buchstaben auf den Bildschirm. Egal
„www.bahn.de“ gewählt, auf geht’s. Die Grunddaten sind relativ schnell eingegeben, Abfahrtsbahnhof, Zielbahnhof, Datum, ungefähre Uhrzeit, Hin-und Rückfahrt, Verfügbarkeit des Platzes, Platzkarte (Ja / Nein), Nahverkehrskarte, alles schnell, kurz und bündig. Dann kommt das Bezahlen. Daß die Bahn sich nicht unbedingt dadurch einen Namen gemacht hat, daß man ihre Produkte schnell und unkompliziert nutzen kann, das wird der Zeitgenosse bestätigen können, der einmal nach einer erneuten „Tarifreform“ versucht hat eine Fahrkarte zu kaufen, möglicherweise noch dazu an einem der Bahnkartenautomaten. Wir erinnern uns? Da gab es, lang lang ist es her, mal ein sog „Guten-Abend-Ticket“. Ab einer bestimmten Stunde am Abend waren Karten der Bahn erheblich billiger als tagsüber. Also ein „Guten-Abend-Ticket“ gekauft und los ging es. Dann kamen die „Reformer“, oder besser gesagt die, die den Satz „Never touch a running system“ wohl nicht gehört, oder aber gehört und nicht verstanden hatten. Das Ergebnis war die „Tarifreform“ der Bahn. Und mit dieser Tarifreform war der Erwerb einer Fahrkarte an das erfolgreiche Bestehen eines viersemestrigen Informatikgrundkurses und den erfolgreichen Abschluß einer Semesterarbeit über Boolsche Algebra geknüpft. M.a.W. niemand, selbst Bahnmitarbeiter blickten mehr durch. Hartmut Mehdorn, der Chef, posaunte etwas von Übergangsschwierigkeiten und der Ruf der Bahn war wieder einmal dicht an unserem hinteren Ausscheidungsorgan. Gut, auch diese „Reform“ ist Geschichte, aber die guten Zeiten der einfachen - und noch darüber hinaus preiswerten - „Guten-Abend-Karte“ sind gezählt.
Hartmut Mehdorn muß Kohle machen denn er braucht Rubel in der Kriegskasse. Er will ums Verrecken als der Mann in die Geschichte eingehen, der die Bahn an die Börse gebracht hat. Das ist ein anderes Thema und soll uns hier deshalb heute nicht interessieren. Zurück zum Fahrkartenkauf per Internet. Wenn man aus der Ukraine etwas per Internet im „Hort der Freiheit“, dem Westen, ordern will, wird man von manchen Firmen als Mensch „dritter Wahl“ angesehen. Daß es in der Ukraine auch Zeitgenossen gibt, die so reich sind, daß sie zumindest große Teil von Hartmut Mehdorns Reich mal eben aus der Portokasse kaufen könnten, das sei der Vollständigkeit halber hier nur erwähnt. Es gibt auch Unternehmen die da weniger zimperlich und auch Ukrainer oder Russen bedienen, so sie denn kaufkräftig sind. Ich denke daß selbst eine Bestellung aus Magadan von meinem heiß geliebten AMAZON akzeptiert werden wird, wenngleich AMAZON nicht nach Rußland liefert. Aber das ist ein anderes Thema, genug abgeschweift.
Das Softwaredesign der Bahn läßt jedenfalls erhebliche Mängel erkennen, was dazu führt, daß man an der WEB Site der Bahn verzweifeln könnte. Insgeheim habe ich den Verdacht, daß die Leute die damals das „großartige Tarifreformwerk“ verzapft haben und die man dafür hätte Teeren und Federn müssen, jetzt vielleicht zur Strafe in die Softwareentwicklungsabteilung der Bahn verbannt wurden, wer weiß?
Also auf geht‘s. In den folgenden Bildschirmmasken wird man nochmals mit den Buchungsdaten vertraut gemacht. Unter „4. Bezahlen“ kommt es aber dann beinhart. Ich will bezahlen und zwar mit der EC Karte - denke ich jedenfalls. Und ein Benutzerkonto will ich dazu nicht extra anlegen. Ich habe auch so genug Passworte, User-IDs usw. usf. was soll man sich denn sonst noch alles merken? Also tüpfele ich artig meine EC-Karten-Daten ein, gehe auf den Knopf mit dem Befehl „weiter“ und … werde aufgefordert meine Kreditkartendaten einzugeben. Ich will doch aber mittels EC Karte zahlen, eben NICHT mit der Kreditkarte, versteht das keiner? Und da steht es doch auch oben am Bildschirm, „Bezahlen“ steht da weiß auf Rot. Also das Ganze noch mal, irgendwo ist hier der Wurm drin. Beim Punkt „Bezahlen“ tüpfele ich wieder die Daten der EC Karte ein … dann „WEITER“ wie gehabt. Das Ergebnis ist leider auch wieder wie gehabt,
Hartmut will unbedingt an meine Kreditkartendaten. Ich grübele. Wie wäre es mit einem Anruf bei der Bahn? Aus Kiew ist so ein Anruf nicht gerade „kostengünstig“ zu nennen, aber vielleicht kann ja die freundliche Dame von der Bahn meine Ahnungslosigkeit beenden? Schnell ein neues Fenster im Browser geöffnet und irgendwo finde ich Telefonnummern. Ja nicht eine Telefonnummer, Hartmut hat sich nicht lumpen lassen, gleich mehrere Nummern bietet er mir an, eine für Leute mit Bahncard, eine für Normalsterbliche und eine deren Funktion ich gleich wieder vergessen habe. Bahnkarte habe ich nicht, aber die einzige mir sinnvoll erscheinende Nummer wird es ja wohl auch tun. Aber, oh Schreck, das ist wieder eine der „Nur-XY-Cent-kostenden“ 0180er Telefonnummern. In meinem Fall sind es „nur“ 14 Cent pro Minute. Was heißt hier „nur“? Das sind 28 Pfennig !!! Und damit mehr als eine Viertel DM, falls sich noch jemand daran erinnern sollte. Und „nur“ ein Viertel einer Mark pro Minute wird auch dadurch nicht weniger daß man das Wort „nur“ gebraucht. Im allgemeinen sind darüber hinaus solche Nummern aus dem Ausland nicht zu erreichen. Tapfer wähle ich trotzdem die Nummer, lasse die Null weg und … wir ahnen es, bin mit einem Voice-Mail-System verbunden.
Gäbe es heute noch Scheiterhaufen zur Hexenverbrennung, Ihr könnt sicher sein, dem Erfinder der Voice-Mail-Systeme würde ich einen Ehrenplatz darauf anbieten. Wer kennt es nicht das Automatengesteuerte „Wenn Sie … wünschen, drücken Sie die Eins, wenn Sie … wünschen … die Zwei“ usw. usf. Wenn man Pech hat endet das Ganze in der Roboteransage „Ich konnte sie leider nicht verstehen…“. Und schnell sind mal eben „nur“ zwei Euro über den Orkus gegangen und man ist so schlau wie vorher. Ich hingegen habe Glück und lande … bei Musikdudelei. Wahrscheinlich ist das „freundliche“ wie gleich unterbezahlte „junge und dynamische Team“ des Callcenters auf Papua-Neuguinea mal wieder überlastet. Nach kurzer Zeit meldet sich eine wirklich freundliche Dame. Ich erkläre ihr den Sachverhalt und … erhalte eine andere Telefonnummer, wieder eine „Nur“-Nummer beginnend mit 0180. Egal, ich will eine Karte. Also die „Nur“-Nummer gewählt. Am anderen Ende ein Mitarbeiter dem ich meine Probleme schildere und ihm anbiete doch mal mein ganz oben genanntes „Don‘t make me think“-Buch zu lesen. Er muß lachen kommt dann aber zur Sache. Die Eingabe der EC Nummer, so erklärt er mir, dient nur als Instrument um mich später bei der Bahnfahrt zu legitimieren, so als Paßersatz, z. B. Bezahlt werden müsse aber mit der Kreditkarte. Meinen Einwand daß dann oben auf der WEB Site aber nicht „4.Bezahlen“ sondern vielleicht „4.Kunden identifizieren“ stehen müßte, läßt er gelten, erklärt aber daß er da nichts machen könne. Na ja, Personalausweis oder Paß wäre ja auch zu einfach gewesen.
Ja, wie ich denn mit EC Karte oder Einziehung vom Konto zahlen könne, will ich wissen. Und da kommt es. Ich müsse mich registrieren - was ich ja nicht will - eine Kontoeinzugsermächtigung herunterladen, ausdrucken, unterschreiben und per Post an die Bahn schicken. Drei Tage nach dem Eintreffen der Einzugsermächtigung könne ich dann per Lastschrift Bahnkarten bezahlen. So einfach …. und steinzeitlich …. ist das. ich stelle mir mal vor, daß ich das Prozedere befolge. Falls mein Brief Deutschland erreicht, was ich nicht beschwören möchte, dauert es dann nochmals DREI Tage???
Jungs, mal ehrlich, das kann im Zeitalter der von Eurem Chef Hartmut vielbeschworenen Globalisierung doch nicht Euer Ernst sein, oder? Bei AMAZON, das ich schon erwähnt habe, habe ich nichts runtergeladen, ausgedruckt unterschrieben, einer Brieftaube an den Fuß geklemmt um dann drei Tage nach deren Eintreffen endlich das machen zu können was ich will, nämlich ein Buch kaufen. Lest mal ein Buch über Dshingis Khan. Dann wißt Ihr daß eine Postmeldung von einem Ende des Reiches bis zum anderen Ende drei Tage brauchte, das Reich war nicht gerade klein und Computer und Internet hatten die Jungs auch nicht, das nenne ich Schnelligkeit in „Zeiten der Globalisierung“.
Hartmut, Du laberst unaufhörlich von Globalisierung. Darum müsstest Du unbedingt zum Monopoly-Spiel an die Börse und dann bekommst Du den globalisierten Kartenverkauf nicht hin? Schwaches Bild. Ich biete Dir schon heute an Deinen Fahrkarten-per-Internet-Verkauf an die Anforderungen der Globalisierung anzupassen. Weil Du es bist gibt es sogar einen günstigeren „Guten-Abend-Hartmut-Preis“, den Du auch nicht mittels Superrechner ermitteln musst, versprochen. Ich denke wir werden uns schon einig werden, oder? Wäre nicht das erste EDV System dem ich auf die Füße geholfen habe. Frag mal die Rentner in Armenien, die ihre kärgliche Rente mittels EDV ausgezahlt bekommen, oder die Jungs in der Präsidentenadministration in Azerbaijan, die mittlerweile sogar wissen wieviel Mitarbeiter es im Staatsdienst gibt und was der Spaß kostet. Da sollte so ein Streamlining Deiner WEB Site kein großer Akt sein. Was meinst Du? Ich warte auf Deinen Anruf, keine Angst wird schon. Und das mit der Börse können wir dann auch noch mal kurz bereden, gelle?