“Intercultural challenging days”
März 13, 2008 von fromrussia
Was zum Teufel sind wieder “Intercultural challenging days”? Zum Ersten könnte man es mit “Interkulturell herausfordernde Tage” übersetzen, ich würde es allerdings eher als “Interkulturell problematische Tage” bezeichnen wollen. Seitdem wir aber im Deutschland, in dem es ja auch nur so von “jungen dynamischen Teams” wimmelt, was eine bessere Bezeichnung für eine Ansammlung pickelgesichtiger, unterbezahlter und ahnungsloser Berufsanfänger ist - eben in diesem Deutschland haben wir keine Probleme mehr, sondern nur noch Herausforderungen (”Challenges”) denen wir uns mutig, wie weiland Siegfried dem Drachen, stellen. Das Thema “Murksdeutsch” hatten wir ja schon mal und soll deshalb hier nicht erneut breitgetreten werden.
Und was sind diese “Interkulturell problematischen Tage”? Das sind die Tage an denen man die Ukraine prima findet …. wenn nur die Ukrainer nicht wären, oder an denen uns die Ukraine insgesamt gestohlen bleiben könnte und man am liebsten auf dem heimatlichen Sofa liegen würde in der Gewißheit daß der nächste ALDI nur etwa 1 Km weit entfernt ist.
Das sind die Tage, an denen eine einfache Banküberweisung die gesamte Besatzung einer ukrainischen Bankfiliale so in helle Aufregung vesetzt wie man es sonst nur beim roten Alarm auf dem Raumschiff Enterprise im Fernsehen sieht. Das sind die Tage an denen man sich unendlich weit weg von der Ukraine wünscht und an einem Platz landen möchte, wo kein “Möchtegern-Schumacher” bei Rot noch mal schnell über die Ampel fährt ohne auch nur im geringsten Notiz davon zu nehmen wer den Zebrastreifen gerade überquert, m.a.W. einfache Tage an denen man die Ukraine, oder wahlweise auch Rußland, gründlich satt hat.
Und gestern war einfach so ein Tag, auch wenn die Sonne schien. Ich will es nicht schwarz in schwarz malen. Viele Leute können unheimlich nett sein und sie sind es, die einem dann immer wieder den “Kick zum Weitermachen” geben. So fallen mir die Trainingsteilnehmer in Simferopol neulich ein, die Mitarbeiter in Charkov, deren Empfang einfach unbeschreiblich war, die Begleitung vor Ort in Lvov, die trotz Feierabend es sich nicht nehmen ließ mit uns in das Opernhaus zu gehen, Ludmila, die trotz ihres Rentenalters noch immer begeistert ist wenn sich endlich auch nur winzige Kleinigkeiten im System ändern und die uns “hinter die Kulissen schauen läßt”. Alle diese Leute gibt es. Und die machen die Ukraine liebenswert.
Einfach mal wieder raus aus der Ukraine, ich denke das ist ein “muß”, so einfach ist das. Und nach ein paar Tagen “Gartenzwergland Deutschland” sehnt man sich dann wahrscheinlich wieder nach dem auch liebenswerten Chaos, dem ewigen Stau auf den Straßen, dem Kamikaze-Fahrstil im Kiewer Feierabendverkehr, dem Bier im Golden Gate und dem Deutschenstammtisch am Freitag bei dem wir uns immer wieder erzählen können was wir doch für “tolle Typen” sind, überleben fernab der Heimat.
Ok, genug schwadroniert.
Ich denke die Ukrainer haben es auch nicht immer leicht mit uns. Kiew kann auch ganz schön sein, wenn, ja wenn nicht … aber das hatten wir schon.