Der eine oder die andere kennt sicher das Buch von Henry Miller, der auch Bücher wie der „Wendekreis des Krebses“ geschrieben hat. Daß die Bücher nicht unbedingt als Kinderliteratur durchgehen, das wissen wohl viele. Hier soll es weniger um Henry Miller gehen, als vielmehr einmal um „Silent days in Kiew“. Normalerweise ist Kiew im Sommer zwar nicht gerade ein beschaulicher Platz, aber ruhiger als sonst ist es schon. Große Teile der Bevölkerung sind in die Sommerfrische auf die Datscha oder an das Schwarze Meer auf die Krim gefahren. Zunehmend machen sich die Ukrainer auch auf ihre Nachbarn zu besuchen und fahren in die Türkei. Die ist, ganz nebenbei gesagt, auch erheblich billiger und der Service ist auch besser, wie selbst eingefleischte Patrioten zugeben.
Kiew ist schon ruhiger als sonst. Die Ruhe wird bis zum September dauern wenn die Schulferien enden und Normalität, d.h. Hektik, wieder in Kiew einkehrt. Die Ruhe von der hier die Rede sein soll, war die Ruhe, die uns gestern auf dem Vladimirski Markt erwartete. Normalerweise ist der Markt bereits an Wochentagen sehr belebt. Am Wochenende aber, der klassischen Einkaufszeit, fällt kaum noch eine Kopeke auf den Boden, so dicht drängen sich die Käufer. Im für Deutschland unüblichen Ölsardinengedränge kann man nicht nur die Nerven verlieren, manch einer soll hier auch schon so seiner Geldbörse verlustig gegangen sein. Aber das ist eine andere Geschichte. Gemüse und Obst kann man auf dem Markt ebenso einkaufen, wie man auch seine Kleiderbestände auffüllen kann oder sich mit Angelgerät, einer neuen Handtasche oder neuen Turnschuhen eindecken kann. Vieles davon ist aus China und beileibe nicht das Original das viele Aufkleber verkünden. D&G Erzeugnisse zu relativen Spottpreisen kann man da neben Adidas-Turnschuhen besichtigen, die mit dem Original nur den Namen gemeinsam haben. Dafür sind die Preise der „Fast-Erzeugnisse aus Herzogenaurach“ manchmal erstaunlich nah an den Originalen, die man auf der Hauptstraße Kiews, dem Khreschschatik in firmeneigenen Läden bestaunen kann, ohne daß diese jemals mit den Originalerzeugern in engeren Kontakt getreten sind.
Wie dem auch sei, gestern wollten wir eben auf diesen Markt. Gesagt getan, das Taxi hält am Markt, wir steigen aus und … stehen … vor verschlossenen Läden. Die Betreiber der Marktstände stehen in Gruppen zusammen und reden gedämpft miteinander. Eine Gruppe junger Männer hat sich mit großem Eifer auf einen Stand mit Sommerschuhen gestürzt. Das ist nicht eine Gruppe die einem unter ihnen beim Aussuchen von Sandaletten für die Liebste helfen will, es handelt sich um Mitarbeiter der Steuerpolizei die sich über den Marktstand hermacht um ihn einer genaueren Prüfung zu unterziehen und dabei vielleicht der einen oder anderen Art der „kreativen Buchführung“ auf die Spur zu kommen und ganz nebenbei Staatsmacht zu demonstrieren.
“Der Staat braucht Geld.”, verkündet einer der Geschäftsinhaber im Vorbeigehen. Wo der Staatshaushalt so hinfließt, das will ich mal lieber nicht erörtern. Da gibt es so manche Möglichkeit. 35.000 Grivna als Zuschuß für Abgeordnete vielleicht, oder eben 1.000 Grivna für Opfer der jüngsten Hochwasserkatastrophe im Westen der Ukraine. Oder Geld für ein teilbetriebenes Zollsystem, das schön bunt aussieht und Moderne symbolisieren soll, von den Angehörigen des Zolls aber so ausgestaltet ist, daß weiterhin die “individuelle Zollbetreuung” vorgezogen wird und von dem weiter unten zu reden sein wird.
Wareneingangsbücher werden mit chirurgischer Genauigkeit geprüft und der Warenbestand inventarisiert. Daß viele Waren ihren Weg auf den Kiewer Markt nur antreten können weil der ukrainische Zoll nicht nur einer der am schwersten Zufriedenzustellensten ist, sondern weil er auch nicht alle Waren zu Gesicht bekommt oder zu sehen bekommen will, das sei nur der Vollständigkeit halber am Rande erwähnt. Das elektronische Zollabfertigungssystem der Ukraine, das geschaffen wurde um die Zollabfertigung zu beschleunigen und transparenter machen soll, ist laut WEB Site der Regierung nur „teilweise in Betrieb“ genommen worden. Diese Teilinbetriebnahme ist sicher ein Teil der Tragödie, die dem Ukrainischen Staat jährliche Einnahmeausfälle beschert aber andererseits zur erstaunlichen – aber nicht offiziellen – Vermehrung des Einkommens der Zollmitarbeiter führt.
Wann die Herren vom Lvovsker Platz heute fertig sein werden, weiß keiner. Business heute, eher unwahrscheinlich. Das wissen auch die Mitarbeiter der Steuerbehörde und gehen ihrer Arbeit mit preußischer Gründlichkeit nach während die Einzelhändler sich im Gedanken schon mal ihre heutigen Einnahmen verabschieden.
Auf der anderen Seite des Marktes, dort wo man Obst, Gemüse und verwandte Erzeugnisse kaufen kann, herrscht fast „Business as usual“.
Selbst die mitleidsuchende Oma ist da, die bei meiner Annäherung hastig ein paar Geldscheine in ihre Jacke stopft um mir dann einen Plastikteller mit ein paar armseligen Münzen hinzuhalten. Daß diese, wie auch die anderen “armseligen Babushkas”, die man an den U-Bahnstationen zu sehen bekommt, sich ihren einträglichen Platz zum Betteln mit regelmäßigen Abgaben bei ihrem “Dach”, das ihnen “Schutz” bietet, erkaufen müssen, weiß so mancher nicht, der die “arme Babuschka” mit ein oder zwei Grivna zu unterstützen meint und dabei “seinen Beitrag” an das organisierte Verbrechen abführt.

Babuschka hat Business as usual, nachdem schnell noch ein paar Scheine in der Tasche verschwunden sind
Überwiegend importierte Erzeugnisse kann man auf dem Vladimirska Markt finden, Pfirsiche aus Griechenland, Tomaten aus Italien. Erzeugnisse aus der Ukraine gibt es zwar auch, aber sie sind in der Minderheit. Die EU wird es freuen, die heimischen Erzeuger weniger. Mit dem Beitritt der Ukraine zur WTO werden es die einheimischen Anbauer noch schwerer haben sich gegen ihre Kollegen aus dem Ausland zu behaupten. Aber der Beitritt am 6. Mai diesen Jahres wird offiziell als Erfolg gefeiert. Erfolg, für wen, wird man sich in Zukunft fragen müssen. Nun ja, eine der Grundfesten der WTO ist der unbehinderte Fluß von Kapital und auf den wird es eher ankommen als darauf Olga und Michail endlich verbilligte Autos zu verschaffen. Darauf mache sich dann jeder selbst seinen Reim im Zeitalter der Heuschrecken, die auch vor der Ukraine nicht haltmachen. Schnelles Geld ist das Ziel derer, die die Freiheit des Welthandels propagieren. Um nichts anderes geht es, alles andere ist Propaganda für die Massen.
Auf alle Fälle wird als eines der Resultate des WTO-Beitritts das Zollgesetzbuch der Ukraine anzupassen sein. So wie ich die Situation in der Ukraine kenne, wird es mit der Anpassung noch so einige Zeit dauern. Schließlich wird man sich Umgehungsmechanismen ausdenken müssen, die als solche nicht gleich auf den ersten Blick zu erkennen sind, aber den „Einkommenszuschuß für den Zoll“ weiterhin sicherstellen. Bis zu einer echten Reform wird also noch genug Wasser den Dnepr hinabfließen. Und für die Bevölkerung wird es wahrscheinlich auch nicht sonderlich besser werden.
Zurück zum Markt. An einem Stand der einem Uzbeken gehört, decken wir uns mit Gewürzen für die Küche ein. In Plastikcontainern sind da alle die Dinge aufgereiht, die den Duft von 100 und einer Nacht entstehen lassen. Fachkundig erklärt uns der junge Mann welche Gewürze an welches Gericht gehören und füllt die Gewürze in kleine Plastikbeutel ab. Am Ende zahlen wir umgerechnet vier Euro für unsere Sammlung. Seit fast einem Jahr sei er hier, erklärt uns der Mann aus Andijan. Er werde noch ein paar Monate bleiben und dann zurückkehren nach Usbekistan. Heimat sei eben Heimat. Ob das mit der Ausländerfeindlichkeit zutun habe, dem Menschen mit anderer Hautfarbe und anderem Aussehen in der Ukraine zum Opfer fallen, das frage ich nicht.
Im Juli hatte der ukrainische Innenminister Yuri Lutsenko sich über eine, seiner Ansicht nach erhöhte Quote an Ausländern – meist chinesischer Herkunft – die eine Arbeitserlaubnis in der Ukraine erhalten habe, geäußert. Warum das so sei wollte der Innenminister seinerzeit wissen um hinzuzufügen „Sind unsere Arbeitskräfte nicht gut genug?“ Falls jemand nach China fahren wolle, solle er sich ein Ticket kaufen und in den Ferien dorthin fahren. Der Innenminister, sichtlich besorgt über einen Anstieg der Kriminalität unter Emigranten, will sich verstärkt diesem Problem zuwenden. Das ist seine Aufgabe und auch gut so. Falsch verstanden allerdings kann eine solche Äußerung recht schnell zur Rechtfertigung derer führen, die glauben „das Gesetz in eigene Hand nehmen zu müssen“. So soll es im Jahr 2008 bisher rund 200 Übergriffe auf Ausländer gegeben haben, darunter die Tötung eines palästinischen Studenten am 19. Juni in Kiew, ein Kongolese wurde am 9. Juni getötet und ein Nigerianer am 29. Mai.
Sind die Ukrainer deshalb ausländerfeindlicher als die Deutschen? Ich habe da meine Zweifel wenn ich an die brennenden Häuser in Rostock seinerzeit denke in denen sich Vietnamesen vor dem randalierenden Mob verbarrikadiert hatten. Und den Besuch verschiedener Orte in Brandenburg oder den Besuch von Berlin-Marzahn würde ich einem Kongolesen noch weniger anraten als den Besuch von Kiew.
Aber nicht nur über Nachdenkliches ist aus Kiew zu berichten. Der Sommer hat seine guten Seiten in Kiew. Die Stadt stöhnt zwar unter der Hitze, als Ausgleich gehen aber viele Kiewer – und Kiewerinnen – sommerlich leichtbekleidet durch die Stadt was manchmal zu „erstaunlich erfreulichen tiefen Einsichten in die Ukraine als solche“ führt. Die Zurückgebliebenen, die nicht aus der Stadt gefahren sind, bevölkern die Straßencafes, von denen es zunehmend mehr in Kiew gibt. Die Kinder nutzen die Fontänen am Maidan als Ersatzfreibäder und die ganz Abgehärteten pfeifen auf den Zustand des Dnepr, der die Stadt in linksseitige und rechtsseitige Bestandteile der Stadt aufteilt, und stürzen sich zur Abkühlung in die mehr als zweifelhaften Fluten. Eis- und Getränkeverkäufer haben Hochsaison.
Wir harren inzwischen mit den Kiewern in der Stadt aus und setzen uns an die Hauptverkehrsstraße Kiews um bei einem kühlen Bier einer unserer Lieblingsbeschäftigungen nachzugehen, „Leute stieren“.
So warten wir auf die Ersatzlichtmaschine, die unser Auto, das in Zhytomir seinen Geist aufgegeben hat, wieder flott machen soll. Am Dienstag oder Mittwoch soll es endlich soweit sein. Ich bin gespannt wann wir endlich den „richtigen Urlaub“ antreten können. Bis dahin gehe ich erst mal auf die Terasse.


