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Archive for Januar 2010

oder fragen Sie Ihren Arzt oder Apother.“

Wer, wie ich, das Glück hat deutsches und russisches Fernsehen schauen zu können, der hat auch die Chance das Werbeangebot auf beiden Seiten vergleichen zu können und seine eigenen Schlüsse betreffs die Befindlichkeit der jeweiligen Bevölkerung daraus zu ziehen.

Beginnen wir mit dem deutschen öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Wer das Werbeangebot der deutschen öffentlich-rechtlichen Sender betrachtet, der wird in fast jedem zweiten Spot mit dem Hinweis „Zu Risiken und Nebenwirkungen lesen Sie die Packungsbeilage oder fragen Sie Ihren Arzt oder Apother.“ verabschiedet. Medikamentenwerbung jeglicher Couleur prasselt da auf den Zuschauer ein, für die Verbesserung des Zustandes der Kniegelenke, der Bekämpfung des Prädemenzsyndroms und der Verbesserung des Blutdrucks, abgerundet durch den Hinweis auf die kostenlos erhältliche Apothekenumschau. Fehlt eigentlich nur noch die Werbung für Treppenlifte und Rheumawäsche um das Bild abzurunden.

Was kann man daraus schließen?

Deutschland scheint nicht ein „Failed state“ zu sein, sondern sich eher auf dem Weg zum „Gerontostate“ zu bewegen.

Kommen wir nun zur Werbung im russischen Fernsehen. Junge Familien freuen sich über das neueste Jogurth von Danone, Importautos werden angeboten, inkl. Offroadfahrzeugen.  Rund um die Feiertage wird Werbung für leberschützende Medikamente gemacht und wer sich beim Essen ein wenig übernommen hat, dem hilft, so die Werbung, „Mesim“ von Berlin Chemie. Und weil es Erkältungszeit ist, deshalb wird der Zuschauer abschließend noch mit Werbung für Mittel gegen Erkältungen versorgt.

Das lokale Fernsehen rundet den Werbereigen mit Hinweisen auf Restaurants ab in denen man nicht nur seine Betriebsfeiern abhalten kann, sondern wo man auch mit so unerläßlichen Dingen wie Karaoke und Bauchtanz beglückt wird. Wer sich preisreduzierte Nerzmäntel im Haus der Offiziere kaufen will, der wird von den lokalen Werbeprofis ebenfalls nicht allein gelassen.

Von „Geronto“ keine Spur. Das ganze Land scheint eher auf dem „Trip zur Lebensfreude“ zu sein, frei nach dem Motto „Wir wissen zwar nicht wie es weitergeht, aber weitergehen wird es, das ist klar.“

Auf unserem Hof haben wir einen Kindergarten. Morgens kann man da die kleinen Natashas und Igors selbst bei kalten Temperaturen sehen wie sie im Schnee spielen und lärmen. Niemand würde ernsthaft auf die Idee kommen das fröhliche Lärmen der Kleinen unter irgendeinem Lärmschutzaspekt naserümpfend zu betrachten. Kinderlärm ist Teil des Alltagslärms und stört niemanden. Diese Art von Optimismus  und Kinderfreundlichkeit ist es letztlich auch, die  mir diese Land so sympathisch macht.

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Lohndumping bei einer Drogeriekette, osteuropäische Billigstarbeiter bei der Bahn, sog. „Werkverträge“ in der fleischverarbeitenden Industrie bei denen sich der Verdacht des Mißbrauchs der EU-Dienstleistungsrichtlinie aufdrängt, all das ist bisher bundesdeutscher Alltag geworden ohne daß die Politik dem Einhalt gebietet. Wie soll sie auch, sie war seinerzeit teils Wegbereiter dieser „Reformen“ und heute ist sie ist mit 7% MWSt für Hotelübernachtungen beschäfftigt. Da bleibt wenig Zeit sich um den Sektor Lohndumping zu kümmern, von der Einführung eines Mindestlohnes mal ganz zu schweigen.

Daß noch mehr geht als das Beispiel „Schlecker“ in Deutschland, zeigte heute die tägliche Sendung „Uchastok“ im ersten Programm des russischen Fernsehens. Die täglich ausgestrahlte Sendung befaßt sich u.a. mit Themen wie „Vorsicht beim Wohnungskauf – Schwarze Makler“ oder anderen rechtlich relevanten Themen. Im Laufe der Sendung treten jeweils Betroffene auf und Experten von Miliz, Staatsanwaltschaft und auch Mitglieder des russischen Parlaments, der Staatsduma waren schon Teilnehmer der Sendung. Das Thema heute „Der Lohn wird nicht gezahlt.“

Der Sendung zufolge hat bereits jeder dritte Russe Bekanntschaft mit dem Phänomen verzögerter Lohnzahlungen oder Nichtzahlung von Lohn gemacht.

Auf Grund eines teilweise mehr als löcherigen Rechtsstaatsverständnis gepaart mit lokalen unheilvollen Allianzen von „Asset-stripping-Managern“ mit Organen der Rechtspflege und der Verwaltung  stehen auch heute noch zahlreiche Bürger Russlands vor der Frage wie man an sein wohlverdientes Geld kommt.

Wie man an die Assets der nichtzahlenden Firmen kommt, das ist eine Frage, die auf der anderen Seite diejenigen umtreibt, die Betriebe ausschlachten und die Assets der Betriebe in andere Unternehmen verschieben.

Das Grundmuster wie so etwas geschieht ist in der überwiegenden Zahl der Fälle stets gleich. Das „auszunehmende Unternehmen“ wird von einer Gruppe von „Vertriebsunternehmen“ umgeben. Aufgabe dieser Vertriebsunternehmen ist es, die Erzeugnisse des Betriebes den man ausnehmen will, zu Dumpingpreisen zu erwerben, ohne daß allerdings auch Geld an die Herstellerfirma fließt. Die so an sich gebrachten Erzeugnisse werden zu Marktpreisen veräußert, der Hersteller sieht davon aber i.d.R. wenig bis gar nichts. Das Geld verbleibt unter den abenteuerlichsten Vorwänden bei den Vetriebsfirmen und deren Eignern. So geschehen zum Beispiel bei AvtoVAZ, in Deutschland besser bekannt als der Hersteller von LADA Autos.

Nur so ist es zu erklären, daß sich in kurzer Zeit erhebliches Vermögen in den Händen einiger ansammelt, in den Händen von Boris Beresowski z.B. einem ehemaligen Intimus von Präsident Jelzin.

Daß die Vertriebsgesellschaften in der einen oder anderen Form personell mit der Leitung des Herstellerbetriebes verknüpft ist, sei nur am Rande erwähnt, wundert aber sicher niemanden mehr.

Wenn der Herstellerbetrieb so im Laufe der Zeit vollkommen ausgehöhlt ist, kann man den Betrieb liquidieren oder in die Insolvenz gehen. Auf der Strecke bleiben dabei die Mitarbeiter, deren Löhne ins Bankrottnirvana gehen. Besonders schmerzhaft ist der so verursachte Untergang von Betrieben insbesondere dann, wenn es sich um einen Betrieb in einer sog. „Monostadt“ handelt, also einen Betrieb der schicksalsbestimmend für das Wohl und Wehe einer ganzen Stadt ist. Schließt der Betrieb, ist es auch um die Stadt geschehen. Die Leute? Was kümmern die Leute?

Mehr zum Thema findet man in dem m.E. hervorragend recherchierten und geschriebenen Buch „Betrogenes Russland“ des Authors Dirk Sager, das, obwohl schon vor vielen Jahren geschrieben, noch nichts an Wahrheitsgehalt eingebüßt hat.

P.S. Assetstripping ist doch wohl nur ein reines Problem von Drittweltstaaten und sog. „emerging market“-Ländern wie Russland z. B. Ganz so sicher wäre ich mir da nicht. Wir erinnern uns, auch in Deutschland gab es eine Privatisierungswelle im Rahmen der Treuhandanstalt. Und da konnte so mancher ein Schnäppchen machen. Was brauchte man dafür? Beziehungen, Beziehungen und Beziehungen. Und die verschafft man sich nun, z.B. mittels eines wohlklingenden bekannten Namens, wie Peter C. Adenauer z.B. Der ist der Großneffe des ersten Bundeskanzlers der Bundesrepublik Deutschland und seit langem in den USA ansässig.

Für den symbolischen Betrag von einer Mark kann man sich als ehemaliger Mitarbeiter der Treuhand in den Besitz eines Teils des ehemaligen DDR-Kombinates ROBOTRON bringen, ROBOTRON Projekt GmbH Dresden. Daß der Robotronteil auf einer gewinnversrechenden Immobilie gelegen ist, sei nur am Rande vermerkt.

Nach vielversprechender PR gründet man nach und nach Firmen um sich der unliebsamen Mitarbeiter bei Robotron Projekt GmbH zu entledigen, bzw.  den verbliebenen Mitarbeitern überhaupt keinen Lohn zu zahlen. Und vor dem Dresdener Arbeitsgericht behauptet man dann, daß die Nichtzahlung bzw. erheblich verspätete Gehaltszahlung „ortsüblich“ sei. Der Dresdner Arbeitsrichter sieht das anders.

Ja, so ist das in Deutschland. Und daraus lernen wir dass es bei dem Kosten für Lohnsklaven, entschuldigung, Mitarbeitern, noch erhebliches Einsparpotential gibt.  „Von der Sowjetunion lernen heißt, siegen lernen.“

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Wenn man in Russland ein Schild mit Hinweis auf „Service“ sieht, dann heißt es aufpassen. In der Regel ist der Angebotene „Service“ nur das Beseitigen von vorher künstlich aufgebauten Hindernissen, gegen Entgelt versteht sich. Daß es auch anders geht, zeigt folgendes Begebnis.

Geschafft, mehr als 80 Neujahrs- und Weihnachtskarten sind geschrieben und sollen auf den Weg zu ihren Empfängern.

Also ab aufs Hauptpostamt. Meist ist die russische Post alles andere als ein Hort von Zuvorkommenheit und Service. Aber es geht auch anders. Die Mitarbeiterin nimmt den Riesenstapel mit einem Lächeln entgegen und versieht fein säuberlich jeden Umschlag mit den notwendigen Briefmarken. Und am Ende bekomme ich auf Nachfrage noch schnell eine Kopie der Postgebührenliste ausgehändigt mit den Worten „Beehren Sie uns bald wieder“.

Das nenne ich mal Service. Danke liebe Post.

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„Einmal werden wir noch wach, heissa, dann ist Weihnachtstag.“ Das kennen doch wohl viele von uns. Wie haben wir uns als Kinder gefreut.

Weihnachtsbaum wie meine Enkelin ihn sieht

Weihnachtsbaum wie meine Enkelin ihn sieht

Nun ja, auch heute freuen sich die Kinder noch. In Russland aber können sich die Kleinsten gleich zweimal freuen. Erst wird Weihnachten nach dem geltenden Kalender gefeiert – obwohl, so ein Riesenfest wie im Westen ist es nicht –  und dann, weil es so schön ist, auch gleich noch einmal nach dem alten Kalender der bis zur Oktoberrevolution in Russland galt, also am 7. Januar nach heutigere Zeitrechnung.

Und damit auch alles im Lot bleibt gibt es das Fest zum Jahreswechsel auch gleich in zweifacher Ausführung, das Neue Jahr eben und das „Alte neue Jahr“, die Nacht vom 13. bis zum 14. Januar. Und damit die vom feiern ermattete Klasse der Werktätigen nicht zu sehr ausgepowert ist, werden die Tage vom Neujahr westlicher Prägung bis fast zum „Alten Neujahr“ zumindestens im öffentlichen Dienst als arbeitsfrei gegeben. Russland ist also paralysiert in dieser Zeit.

Wer Post aus dem Ausland erwartet hat Pech gehabt, der Zoll feiert und da ist nicht dran zu rühren, sorry. Aber Lebensmittelschäfte und überhaupt der privatunternehmerische Sektor sieht das Ganze gelassen, Neujahrsurlaub? Ich höre wohl nicht richtig. Business ist angesagt, diese umsatzstarke Zeit überläßt man doch nicht der Konkurrenz. Nach Angaben russischer Wirtschaftsfachleute entstehen dem Land durch den „Zwangsurlaub“ erhebliche finanzielle Einbußen im Millionenhöhe.

Leeres Kuchenregal im Supermarkt

Ok, bringen wir es hinter uns, noch einmal „Feiern bis der Arzt kommt“ und dann kommt endlich wieder der Alltag zum Tragen bis … zum Valentinstag am 14. Februar. Das ist zwar kein gesetzlicher Feiertag aber wehe dem der diesen Tag, den wir den Amerikanern zu verdanken haben, vergißt. Schlimmer ist dann nur noch das Vergessen des Frauentages. Der steht uns aber erst am 8. März bevor.  Zuvor müssen wir nur noch den „Tag der Vaterlandsverteidiger“ am 23. Februar, die russische Variante des Männertages, überleben.

Aber das schaffen wir auch noch.

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„Von der Sowjetunion lernen heißt siegen lernen.“ Diesen alten Schnack von Erich Honecker kennt der eine oder andere vielleicht noch. Ok, Erich wollte das dann zum Schluß seiner Amtszeit nicht mehr so genau wissen, zumal die Siegreichen sich zu Schritten entschlossen hatten, die sein eigenes Weltbild völlig ins Wanken brachten.

Aber andere können vielleicht noch von den Praktiken im verbliebenen Rest der ruhmreichen Sowjetunion lernen. Mit dem Untergang der UdSSR und der sie tragenden Parteistrukturen ging auch ein anderes Relikt des real existierenden Sozialismus über Bord, die Gewerkschaften, die in der UdSSR eher ein Dasein als Tourismusbüro und Sozialvorsorgeverein fristeten. Was da heute als Gewerkschaft in Rußland figuriert hat auch in den wenigsten Fällen etwas mit Wahrung der Rechte der Werktätigen zutun.

Jeglicher effizienten Mitarbeiterkontrolle beraubt, konnten sich Betriebsdirektoren eine „Politik nach Gutsherrenart“ leisten. Mißliebige Mitarbeiter wurden „entsorgt“ und der Rest bekam seinen Lohn oftmals erst nach Monaten. Die ausgeplünderten Hüllen der ehemaligen Betriebe blieben zurück und unermeßlicher Reichtum sammelte sich in den Händen Weniger, so u.a. auch in denen des im Westen zutiefst bedauerten Chodorkovski. M.a.W. es herrschte „wilder Westen“ im „wilden Osten“.

Auch heute sonnen sich die abhängig Beschäftigten nicht gerade in der sozialen Hängematte. Aber einiges ist schon besser geworden. Einige Unternehmer beginnen zu begreifen dass nur motivierte Mitarbeiter zu guten Ergebnissen führen und das „Hire-und-Fire“ vergangener Tage geht mehr und mehr zurück. Allerdings sind die Verhältnisse immer noch nicht annähernd an denen, derer sich Arbeitnehmer (noch) im Westen erfreuen.

Daher nachfolgend einige Anregungen wie man den Betrieb im Westen noch optimieren könnte, ungeachtet des Versuchs feste Mitarbeiter durch sog. „Leiharbeiter“ zu ersetzen.

  • Brenne die Filialen Deiner Konkurrenz durch angeheuerte Gruppen nieder.
  • Bedrohe die Belegschaft Deiner Konkurrenz durch angeworbene Schlägertruppen.
  • Laß mißliebige Journalisten „kaltstellen“ (Ach nein, sorry, das geht ja schon in Deutschland wie das Beispiel des ehemaligen ZDF-Chefredakteurs zeigt).

Bei intensiver Recherche vor Ort würden da sicher noch einige „Optimierungsmöglichkeiten“ zutage treten.

Um es klar zu sagen: niemand bestreitet des Recht eines Unternehmers Gewinne zu machen. Davon lebt unser Wirtschaftssystem. Aber mit legalen aber nicht legitimen Mitteln die Mitarbeiter um ihren nicht gerade himmelhohen Lohn zu bringen, das ist etwas ganz anderes. Und solch Gebahren auch noch als „üblich“ zu verbrähmen, das setzt dem Ganzen nur noch die Krone auf.

Was ist die Folge solch „unternehmerischen Handelns“?

Minimallöhne werden dann irgendwann staatlich „aufgestockt“ aus … richtig, unser aller Steuern. Der Staat wird damit zur Geisel und Beute einer kleinen Gruppe von „Schleckern“ und „Möchtegern-Schleckern“. Das Shampoo im Schleckerladen wird dann immer noch billig sein, aber unter Hinzurechnung von Steuern und Abgaben am Ende des Monats verdammt teuer.

Ob sich solch ein „Geiz-ist-geil“-verhalten lohnt? Das muss jeder selbst für sich beantworten. Vielleicht überlegen wir mal jeder für sich und stellen uns die Frage „Muß ich wirklich bei Schlecker kaufen?“

Meine persönliche Antwort darauf jedenfalls im Moment „Schlecker – nein danke“.  Ich will wo ich es denn kann, keine Lohnsklavenverhältnisse subventionieren. Zumal mich das „Billig“ von heute morgen ziemlich „teuer“ zustehen kommen kann.

Das Einzige was mich im Moment jedenfalls beruhigt: Die Schlecker und Co. können nur dort in Ruhe ihr fragwürdiges Süppchen kochen wo es keine Öffentlichkeit gibt.  Wird aber etwas ruchbar dann heißt es schnellstens „Zurückrudern“. Ich bin gespannt was sich die Firma Schlecker dazu einfallen läßt. Wie wäre es mit „Sorry, war nur ein Spaß“?

P.S. jetzt weiß ich auch wofür der Name „MENIAR“ steht, nein, nicht „Menschen in Arbeit“, sondern „Menschen in Armut“.

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15 Grad minus, der Schnee knirscht unter den Sohlen. Nun ist es wieder geschafft, das Weihnachtsfest westlicher Lesart haben wir überstanden. Gestern war Jahreswechsel und Freunde kamen am Abend zu Besuch. Um 22.00 Uhr Ortszeit haben alle die Neujahrsansprache von Angela Merkel über sich ergehen lassen, wobei die Mehrheit der Anwesenden Gott sei Dank nicht sprachkundig war. Gefolgt wurde die Kanzlerin  von der Neujahrsansprache von Präsident Medwedew um Mitternacht. Welche Ansprache gehaltvoller war lasse ich mal offen. Beide nahmen sich nicht allzu viel in ihren Unbestimmtheiten im Sinne von „Pro Bonum Contra Malum“.

Um 0.00 Uhr wurde auf das Neue Jahr getrunken. Es gab Gans, Salate, Brötchen mit rotem Kaviar, m.a.W. ein ganz normales russisches Neujahrsfest. Bis um 2.00 Uhr nachts wurde getafelt, dann brachen unsere Freunde auf. Gleich darauf klingelte es allerdings erneut und die Nachbarn vom Stockwerk über uns trafen ein. Das ging dann bis 5.00 morgens.

So spannende Fragen wie „Die heutige Jugend ist auch nicht mehr das was wir mal waren.“ wurden diskutiert und natürlich noch das eine oder andere Fläschchen geleert.

Am Ende der Debatte war man sich einig daß wir früher auch nicht besser gewesen sind und so war die Ehre der Jugend wieder hergestellt.

Bettzeit, Aufstehen so gegen 12.00 Uhr, gefühlte 16.00 Uhr. Dann die Feststellung getroffen daß man noch das eine oder andere benötigt. Wohl dem der in Rußland ist, denn Ladenöffnungszeiten deutscher Lesart gibt es hier nicht. Es gibt sogar Läden mit 24-Stunden-Betrieb und niemand muß an die Tankstelle fahren um Brot zu kaufen.

Ob die Mitarbeiter, vornehmlich Mitarbeiterinnen, das auch so sehen wage ich mal zu bezweifeln, aber mir soll es recht sein. Ich brauche:

  • Jogurth
  • Butter
  • Ofenreiniger
  • Mineralwasser
  • und last but not least ein Fläschchen für die anstehende Nachfeier.

Also auf in den Supermarkt. Wo gestern nicht mal eine Kopeke fallen konnte, so dicht drängte man sich, da waren heute die Mitarbeiterinnen des Supermarktes fast in der Überzahl und zwei Gruppen von Kunden konnte man auszumachen.

Einerseits die Hausfrauen die noch irgendwas einkaufen mußten und andererseits die Vertreter der Gattung „Tote Seelen“ die schon der Schriftsteller Gogol zu beschreiben wußte. Unter dieser Gruppe hat man die zu verstehen, die den gestrigen Tag sehr erfolg- und folgenreich hinter sich gebracht hatten und die jetzt im Supermarkt standen und den Eindruck machten daß sie selber nicht wußten was sie hier eigentlich sollten.

Die Regale mit Mineralwasser, Tomatensaft und allerlei sauren Milcherzeugnissen wiesen schwere Spuren von Warenmangel auf, das Wort „Defizit“, eines der ersten russischen Worte die ich gelernt hatte, kam mir in den Sinn.

Ich zählte mich mal zur Gruppe der Hausfrauen und Hausmänner die mittels Einkaufszettel ihre Einkäufe erledigten und nach kurzer Zeit stand ich wieder vor der Tür des Ladens. Ab nach hause. Um 20.00 geht es zu Freunden für die Neujahrsfeier, Teil zwei.

Soviel zu den hiesigen Festivitäten. Aber nun noch kurz zur russischen Jugend im allgemeinen und meiner Enkelin im besonderen. Die hatten wir nämlich für einige Tage bedingt durch ihre Erkältung zu Gast. Sie konnte nicht in den Kindergarten und das blieb dann nur die Pension „Opa und Oma“.

Viel habe ich gelernt in diesen Tagen.  Zunächst einmal ist da das Märchen vom Mascha und den Bären und die Geschichte vom dicken fetten Pfannkuchen der allen davon rannte bis ihn ein Fuchs überlistete und auffraß.  Zum Abschluß gab es noch die Geschichte vom Rübenernten, bei dem der Opa die Rübe ausrupfen soll, es aber nicht schafft. Also zieht Oma am Opa der wieder an der Rübe zieht. Als das nicht fruchtet, hilft der Hofhund. Der zieht nämlich an der Oma, die wiederum am Opa zieht, der seinerzeit versucht die Rübe auszurupfen.  Ich will es kurz machen. Einige weitere Beteiligte betreten noch die Bühne und ziehen mit an der Rübe. Als endlich das kleine Mädchen mithilft, da kann die widerspenstige Rübe besiegt werden.

So vervollständige ich allmählich den Schatz der russische Märchen, meine Enkelin hält mich da auf dem neuesten Stand. Aber auch in anderen Dingen bin ich dank der Enkelin mit ihren vier Jahren und ihrem nicht enden wollenden Redeschwall up to date.

Als wir neulich durch die Stadt fuhren wollte sie mir unbedingt das neueste Lied vorsingen das sie gelernt hatte. Ich war nicht schlecht erstaunt als es da aus dem Kindersitz hinter mir ertönte „Verschwinde, mach die Tür zu, ich habe jetzt einen anderen.“

Ob die heutige Jugend vielleicht doch ein wenig frühreif ist ?

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