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Archive for Februar 2011

Seitdem ich wieder in Russland bin, hat sich mein Sinn für das was um mich herum passiert erheblich geschärft. Heute habe ich mal in einer Schlange getanden, genau gesagt in einer Milchschlange. Schlangestehen war in der alten Sowjetunion ein tagtägliches Phänomen und der oder die Leser/in die in der DDR einen Teil ihres Lebens zubringen „durften“ kennen den Ausdruck der „Sozialistischen Wartegemeinschaft“, einer hämischen Verbrämung der DDR-Mangelwirtschaft und des damit verbundenen Anstehens nach irgendwelchen Waren, noch genau.

Während meiner Kindheit habe ich einige Jahre auf dem Lande gewohnt. Na ja, ehrlich gesagt ich bin auch auf dem Lande geboren aber das ist eine andere Frage.

Damals wohnten wir in einem Dorf und Milch konnte man beim Nachbarn kaufen, der hatte einen Bauernhof , hatte ein paar Kühe im Stall, die das Glück hatten auch mal eine richtig grüne Weide kennzulernen und bezog noch keine EU-Subventionen. Heute wird Milch in der Regel im Supermarkt gekauft und was man da in PET-Flaschen oder Tetrapacks als „Milch“ angeboten bekommt hat nur wenig, wenn überhaupt, mit der Milch früherer Zeiten zutun.

Heute habe ich Milch im Hinterhof gekauft. Am Montag und am Freitag – also heute – kommt da in der Zeit von 8.30 bis etwa 10.30 ein Lkw aus einer der örtlichen Milchviehbetriebe hingefahren und die Milch wird aus dem grossen Tank direkt in einen Eimer umgefüllt und von da aus geht es in die mitgebrachten Gefäße. Meine Nachbarn sind gut ausgerüstet, Plastikbehälter kann man da bewundern, grosse Gläser mit Schraubverschluss in die man bis zu 3 Liter abfüllen kann und auch die gute Milchkanne alter Tage, aus Blech und emailliert oder in der Einfachausführung aus Aluminium und mit Deckel,  werden da angeschleppt.

Das Publikum, Hausfrauen oder die russischen Babuschkies (Omas), stehen da warten in einer Schlange mit Männern im Rentenalter und warten darauf dass sie an die Reihe kommen. In der Zwischenzeit kann man dem Schwatz aus der Nachbarschaft lauschen und bekommt so den neuesten „Buschfunk“ mit.

Die Milch kostet 20 Rubel pro Liter was einem Kaufpreis von 50 Cent etwa entspricht. Dass man dafür „richtige“ Milch bekommt und nicht ein „wesensgleiches Minus“ zur Milch, soll nur am Rande erwähnt werden. Dass man die Milch auch nicht trinken sollte ohne sie vorher abgekocht zu haben, steht auf einem anderen Blatte. Wer das nicht tut, bekommt längerandauernden Kontakt mit seiner Toilette zu spüren. Aber nach dem Abkochen ist diese Milch einfach unschlagbar. Oben drauf gibt es noch richtigen Rahm oder „Flott“ wie wir das zu meinen Kindheitstagen nannten.

Im Gegensatz dazu kann man Milch in Russland, wie auch in Deutschland, natürlich auch im Supermarkt kaufen. Was sich da in den Folienschläuchen, Terapacks und PET-Flaschen unter den „Wildesten“ Bezeichnungen verbirgt hat aber wohl nur in Ausnahmefällen etwas mit der Milch zutun von der ich eben noch erzählt habe.

Winzigklein und hellblau auf Grau wird da im Mikroschrift aufgezählt was in die „Milch der frommen Denkungsart“ vom Hersteller hineingepackt wurde, also etwa Kuhmilch – wer hätte das gedacht? Weiter kann man auf der Liste pflanzliches Eiweiss, m.a.W. Soja, finden. Dass Kühe zur Familie der Pflanzen gehören ist mir neu, aber, andere Länder, andere Sitten, vielleicht sind russische Kühe ja auch Pflanzen? Wer weiss das schon in einem Land das so viele Geheimnisse aufweist. Schließlich findet sich auch noch Milchpulver was zu dem Schluss führt, dass russische Kühe Pflanzen sind, deren Milch teils als Milch, teils als Sojabohne, teils in getrockneter Form als Milchpulver abgemolken wird.

Honi soit qui mal y pense“ würde da manchem einfallen. Tatsächlich aber sind russische Kühe eben zuvorderst Kühe und damit in der Familie der Tiere anzusiedeln. Und das Milchpulver hat seinen Ursprung in der Tatsache, dass Milchpulver nun einmal – trotz der dabei angewandten Arbeit – billiger ist als Frischmilch. Ein Neoliberaler Wirtschaftwissenschaftler mag mir das einmal sinnvoll – also ohne Ideologie und nur mittels Mathematik – begründen. Ich fürchte er wird es sehr sehr schwer haben.

EU-Milchpulver, mit Steuergeldern der EU Steuerzahler subventioniert, findet seinen Weg auch nach Russland und letztlich in die Milch des Endverbrauchers. Und so bekommt der EU-Bauer Geld für Milch, der Verarbeiter eben dieser Milch Geld dafür dass er die Milch pulverisiert, der Grosshändler dafür dass er die Milch jenseits der EU-Aussengrenze „entsorgt“ und der russische Milchverarbeiter dadurch dass er das unsägliche Produkt der Milch zumischt, die schon entrahmt, pasteurisiert und sonstwie zu Tode behandelt worden ist und damit als Ausgangsprodukt nur noch annäherungsweise dem entspricht was man gemeinhin Milch nennt.

Für die betroffenen Kettenglieder die direkten Zugriff auf die Milch bis zu dem Zeitpunkt haben an dem sie dem Endkunden angedreht, sorry, verkauft natürlich, wird. Das ist eine 1a-Win-Win-Situation für die Erzeuger und Vermarkter, gesponsort mit Steuergeldern. Der Angemeierte dabei bleibt der Endkunde, der Milch wollte und sich eine milchähnliche weiße Flüssigkeit eingehandelt hat.

Aber der wird ja nicht nur auf die Schippe genommen wenn es denn um das „milchähnliche Minus im Plastikdarm“ an sich geht, der wird nochmals „zur Kasse gebeten“ wenn es denn um die Verpackung geht. Und das geht so.

Zu meinen Kindheitstagen – oh Gott schon wieder – gab es mal eine Kaffeefirma, die einen „guten Onkel“ in Anzug, mit Schnurbärtchen und einer Melone auf dem Kopf lächelnd durch afrikanische Kaffeplantagen gehen ließ. Da überzeugte er erst sich und dann hoffentlich später auch die Kunden davon, dass der angebotene Kaffee von hoher Qualität war. Tchibo, so hieß und heißt die Firma noch heute, kam eines Tages auf einen „genialen“ Einfall.  Anstatt 500 Gramm Kaffee in jede Tüte zu packen, füllte man ab sofort nur noch 450 Gramm in die Tüte, ließ den Preis unverändert und offerierte das Ganze als die „neue vorteilhafte“ Packung Kaffee.

Lag es daran dass damals DSDS noch nicht lief oder dass private TV-Sender einfach noch nicht auf dem Markt waren und daher das Gehirn der Masse noch nicht völlig mit Verblödung zugeschüttet wurde, das kann letztlich auf sich beruhen. Tatsache ist, dass die Käufer der „Vorteilspackung“ in Windeseile mitbekamen, dass man sie mittels einer „stillen“ 10%-igen Preiserhöhung über den Tisch ziehen wollte. Obwohl angepriesen wie gestriges abgestandenes Sauerbier kam der Verkauf des „Vorteils“ bei den Leuten einfach nicht an.

Sang- und klanglos stampfte Tchibo den „Vorteil“ ein und kehrte murrend zu „unvorteilhaften 500-Gramm Packung“ zurück, der Anschlag auf das Kundenportemonnaie war gescheitert.

Was hat das mit unserer russischen Milch zutun? Ganz einfach, wer im Supermarkt zu einer Milchpackung greift, der greift im allgemeinen mit dem Bewußtsein zu dass es ich hierbei um einen Liter, sprich 1000 Milliliter handelt. Dem ist in Russland aber bei weitem nicht so. Die Milchfirmen überbieten sich in dem Wettbewerb wer in eine 1-Literpackung wohl am wenigsten hinzupacken vermag. In kleiner Schrift kann man nach längerem Suchen finden, dass die vermeintliche 1-Liter-Verpackung eben 0,95 l oder 0,93 Liter oder ganz schlau 0,9 Liter enthält. Nur zwei Anbieter habe ich gefunden, die ihr Erzeugnis weiter „unvorteilhaft“ mit 1 Liter befüllen. Und das sind die Anbieter, die ich kaufe.

Auch andere Packungen hat es schon erwischt mit der „Preiserhöhung durch die Hintertür“. So kann man 450 Gramm Makaroni dort finden wo ehemals 500 Gramm waren, Kaffe wird auch schon einmal im 435 Gramm Glas verkauft und das ausgerechnet von einem Anbieter dessen Mutterkonzern sich im Westen befindet, m.a.W. „von der Sowjetunion lernen heisst verdienen – und den Kunden heimlich stiill und leise ausnehmen – lernen“.

„Wir? Preise erhöhen? Aber nicht doch.“ so kann man die Hersteller dann im Fernsehen hören wenn die Rede wieder einmal darauf kommt dass die Bevölkerung unzufrieden ist und der Ministerpräsident und ehemalige Präsident Putin wieder einmal vor laufenden Kameras „energische Schritte“ unternimmt um der Preistreiberei ein Ende zu setzen – zuletzt so geschehen bei der Frage der Regulierung der Benzinpreise am gestrigen Abend im Fernsehen.

Man sieht also, Russland ist garnicht so verschieden von Deutschland. Auch hier hat die EU dem Verbraucher dadurch „Hilfe“ angedeihen lassen, dass man die Packungsgrößen freigab, alles natürlich nur weil man „das Beste für den Verbraucher“ wolle, oder hieß es „das Beste VOM Verbraucher“, nämlich dessen Geld? Dass man so Preiserhöhungen auch heimlich still und leise beflügelte mag nur am Rande erwähnt werden.

Im Gegensatz zu Russland haben zumindest deutsche Händler die Verpflichtung die Warenmengenangabe noch in 100 Gramm oder in 1 KG oder Preis per 1 Liter neben den eigentlichen Verkaufspreis zu schreiben. Wenn manchmal auch ein wenig klein geraten, so findet man diese Angabe und kann so die Preise bestens vergleichen, ein Fakt der in Russland fehlt und einen deshalb dazu zwingt den Taschenrechner im Laden zu bemühen. Da aber selbst jedes einfache Mobiltelefon heute einen Taschenrechner enthält ist das also kein grosses Problem.

Zudem kann der Kunde jetzt in Russland nicht nur Erzeugnisse kaufen die ihren Ursprung „irgendwo in Milch haben“, sondern die Freiheit hat ihm auch die Möglichkeit eröffent sich jetzt mit Ware mit „Zusatznutzen“  einzudecken. Darunter versteht man Lebensmittel die nicht nur zur täglichen Deckung des Nahrungsbedarfs da sind, sondern die darüber hinaus auch noch einen tatsächlichen oder meist vorgegauckelten Zusatznutzen aufweisen sollen. Das sind die Lebensmittel die vollmundig damit beworben werden dass sie „das Immunsystem stärken“, deren Bifobakterien (bitte was???) rechts- oder linksdrehende Milchsäure aufweisen und die darüber hinaus vielleicht sogar Salsa tanzen können.

Diesem allzu offensichtlich blösinnigen Treiben hat die EU zwar einen Riegel vorgeschoben und der „Gute Onkel“ im westlichen Werbefernsehen tönt nun nur noch dass das beworbene Produkt „möglicherweise“ das Immunsystem – auf welchem Wege auch immer – stärke. Aber in Russland hat der „Immunstärker“ noch freie Bahn.

Und last but not least hat der Bio-Wahn Russland erreicht. Nun schon seit langem gibt es in Russland die biologisch-aktiven Nahrungsergänzungsmittel die seinerzeit ein Hype in Deutschland waren bis selbst dem Letzten klar war dass hier viel Geld für wenig „Ergänzung“ gefordert wurde.

Im Kühlregal kann man jetzt im russischen Supermarkt auch „Bio-Milch“ finden, 0,9 Liter genau gesagt für 150 % des Preises der für einen Liter „Nicht-Bio“ zu zahlen ist.

Liebe Leute, um es klar zu sagen, wer sowohl in Deutschland als auch in Russland mehr Zeit auf der Schulbank als auf der Sonnenbank verbracht hat und dabei die Biologieunterrichtsstunde nicht dadurch „aufgelockert“ hat dass er nur SMS an den Nachbar in der Bank vor einem versendet oder sich durch das Menü seines Handys gehangelt hat, oder wer sein Hirn selbst als deutscher  RTL 2 Zuschauer nicht vollständig mit DSDS, oder in Russland als TNT-Zuschauer nicht vollständig mit „Dom2“ zugekleistert hat und damit des normalen Denkens nicht mehr fähig ist, selbst dem muß sich seinen Restgehirnzellen offenbaren, dass Milch, welche auch immer, ja auch der Soja-„Milch“, in jedem Fall ein „biologisches Produkt“ ist, na ja, jedenfalls sein sollte. Denn diese Milch stammt von Kühen oder eben aus Sojabohnen und ist nicht von Grund auf mittels „naturidentischer“ Ausgangsmaterialien „designed“ worden – das hoffe ich wenigstens. Bei Käse bin ich mir da seit der als „Analogkäse“ verbrämten undefinierbaren Masse nicht mehr sicher. Übrigens im Wort „Analogkäse“ steckt das Wort „log“, also die Vergangenheitsform von „lügen“, ist das schon einmal jemandem aufgefallen?

Zusammefassend kann man also sagen, dass  der Aufdruck „Biomilch“ eben genau soviel Informationsnährwert enthält wie die Bezeichnung eines „Weißen Schimmels“ oder eines „schwarzen Rappen“, m.a.W. es handelt sich um eine Tautologie, macht sich aber prima und lenkt zudem von den fehlenden 0,10 Liter Inhalt ab.

Mit dem Bewußtsein was „Gutes“ für sich selbst und seine Familie getan zu haben und eben nicht nur Milch, sondern „Bio-Milch“ gekauft zu haben, kann man sich dann bequem in die Schlange an der Supermarktkasse einreihen. Und damit wären wir wieder beim Ausgangspunkt, nämlichbeim Thema  „in der Schlange stehen in Russland“. Und das soll es auch gewesen sein für heute.

Euch allen einen schönen Tag und machts gut, bis bald wenn es wieder was zu berichten gibt aus dem „Reich des Bösen“.

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