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Archive for the ‘Der Kopfschüttler der Woche’ Category

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Der nachfolgende Artikel ist sehr lang geraten, sorry, ich meinte soviel sagen zu müssen.  Und jetzt kommen sicher die Kommentare von der einen oder anderen Seite. Ok, holt Euch einen Kaffee, lest Euch das Ganze durch und dann …die Diskussion ist eröffnet.

Seit Monaten sitzen sie nun in Untersuchungshaft in Rußland. Von den drei Frauen aus der Gruppe „Pussy Riots“ ist die Rede. Die drei Frauen hatten eine „Performance“ im Altarraum der Christi Erlöser Kathedrale in Moskau veranstaltet und sich dabei im Rahmen eines Punk-Gebetes mit dem Titel „Heilige Jungfrau Maria befreie uns von Putin“ filmen lassen. Die Aktion wurde nach wenigen Minuten von Sicherheitsleuten beendet und die Frauen an die frische Luft gesetzt. Das Video wurde nachbearbeitet, der passende Text und die Musik unterlegt und ab ging es damit in das Netz wo man es heute in vielfältiger Form finden kann.

Kaum jemand hätte Notiz von den provokanten Performances der Gruppe genommen. Schon vor einiger Zeit hatten die Aktivistinnen ähnliche Veranstaltungen durchgezogen, mal in der Moskauer U-Bahn, mal auf der ehemaligen Hinrichtungsstätte auf dem Roten Platz. Dort hatten sie im Rahmen einer Performance den weltbewegenden Satz „Aufstand in Russland – Putin hat sich in die Hose gepißt“ zu Besten gegeben. Die Weltrevolution brach dadurch nicht aus. Auch die Atmosphäre des Kairoer Tahir Platzes wollte sich einfach nicht einstellen und einen „wilden Tag“ wollte offensichtlich auch niemand „mit starken Frauen“ verbringen. M. a. W. soviel Action und so wenig Resultate. Da musste schon stärkeres Geschütz heran.

Man fand es, wie man meinte, in der Christi-Erlöser-Kathedrale und der Publizierung des Videos im Netz. So hatte man selbst sich in eine breitere Öffentlichkeit begeben und wartete offensichtlich auf Antwort. Die ließ auch nicht lange auf sich warten. Zu den Konsumenten der Videos gehörten, man staune, auch die „rechtswahrenden Organe“ wie sie in Russland genannt werden. Kein Wunder daß sich eben diese Organe der Sache annahmen und in der Folgezeit drei der fünf Performancekünstlerinnen verhafteten. Die sitzen jetzt seit fünf Monaten in U-Haft mit der Begründung daß für sie Fluchtgefahr bestünde. Diese Annahme erscheint nicht ganz abwegig zu sein. Dafür spricht die Tatsache daß sich zwei weitere Beteiligte an der Kirchenaktion der Verhaftung dadurch entzogen daß sie sich absetzten wie weiland Lenin in die finnische Schilfhütte.

Mittlerweile gab es in der Sache einen Voruntersuchungstermin in dem die U-Haft der drei Frauen bis maximal Januar 2013 ausgedehnt wurde. Am 30. Juli war der erste Verhandlungstermin in Sachen „Pussy Riot“ der zumindest von der westlichen Öffentlichkeit mit einem breiten Angebot an Kommentaren begleitet wurde. Kein Wunder daher daß neben anderen Medien sich auch das grüne Haus- und Hofblatt der fleischgewordenen Empörung Claudia Roth, ihrer Osteuropaexpertenkollegin Marie-Louise Beck und des männlichen Pendants zur jederzeitigen Empörung, Volker Beck, also die TAZ, ihren Senf zum Thema absondern musste, diesmal an einem Tag sogar mit zwei Artikeln. Zeit sich mindestens einen der Artikel unter der Überschrift „Unverschämt vor Gericht“ genauer anzuschauen.

Bereits der erste Absatz lässt denjenigen stutzen der sich nicht auf die Lektüre des Zentralorgans der alternativen Besserverdiener beschränkt. Heißt es bei anderen Gazetten noch daß sich die Bemühungen von „Pussy Riot“ gegen Putin richten, so u.a. „Die Zeit“  die das Thema unter „Punk gegen Putin“ abhandelt, so kann der staunende Leser der TAZ nicht nur lernen daß der russische Staat gemeinsam mit der Kirche jetzt gegen die Freiheit der Kunst kämpft. Darüber hinaus kann man zumindest am Vormittag des 30. Juli – quasi als netten Nebeneffekt – auch noch lernen daß der Autor Klaus-Helge Donath zwar auf Kriegsfuß mit dem Genitiv steht, dafür aber dem Dativ hochleben lässt. Er schreibt nämlich, daß der Prozeß gegen Pussy Riot beginne „wegen einem Auftritt in der Kathedrale.“

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Am Nachmittag hatte das TAZ Qualitätssicherungsteam den Mangel an Genitiv beseitigt, denn es heißt „Der Prozess gegen die russische Band Pussy Riot beginnt – wegen eines Auftritts in einer Kathedrale. Staat und Kirche kämpfen vereint gegen die Freiheit der Kunst.“ Wenigstens der Genitiv ist gerettet. Im weiteren Verlauf mag sich der Eindruck eines schnell aus anderen Publikationen zusammengeguttenbergten Artikels nicht zu zerstreuen Denn dort heißt es der Prozess beginne am Montag „vor dem Moskauer Bezirksgericht.“ Wer Moskau im Gegensatz zum TAZ Autor auch nur annähernd kennt, dem drängt sich unmittelbar die Frage auf welches der zahllosen Bezirksgerichte in Moskau wohl gemeint sein könne. Schließlich besteht sowohl Moskau, als auch andere größere Städte Russlands i.d.R. aus nicht nur einem Bezirk. Moskau hat zehn Bezirke wie man sogar als TAZ Schreiber mittels Wikipedia hätte feststellen können. Und jeder Bezirk hat sein Gericht. Aber haben wir Verständnis, schließlich ist die Zeit knapp, morgen wird dem Leser eh wieder eine andere Sau angeboten die durch das Dorf getrieben wird. Wer wird da schon kleinlich sein? Der Verfasser des TAZ Artikels wähnt die Verhandlung vor DEM Moskauer Bezirksgericht als schlechtes Omen. Schließlich habe DIESES Gericht schon den früheren Oligarchen und Eigentümer des Yukos-Konzerns Chodorkowski zu mehreren Jahren Lagerhaft verurteilt. Wenigstens hier nähert sich der Verfasser teilweise Russland an. Russland ist bekannt dafür daß es eine ausgesprochene Aberglaubenskultur hat. So soll man, wenn man dem bösen Blick entkommen will dreimal über die linke Schulter spucken, nun ja, und der Autor glaubt eben an Omen.

Falsch ist daß das Gericht sich der Sache annimmt die schon M. Chodorkowski verurteilt habe. Chodorkowski wurde von einem Richter verurteilt während die Verhandlung gegen „Pussy Riot“ von einer Richterin geleitet wird. Noch weniger Ahnung weist der Autor auf, wenn er die Lagerhaft Chodorkovskis anspricht. Hier offenbart sich, neben anderem, ein eklatanter Mangel an Wissen um den russischen Strafvollzug. Hätte der Verfasser wenigstens da Grundkenntnisse aufzuweisen, dann wüsste er, daß es im Bereich des russischen Strafvollzuges verschiedene Bezeichnungen für Haftanstalten gibt. Unter dem Begriff „Tjürma“ versteht man i.a. Strafvollzugsanstalten die in Städten angesiedelt sind. Unter „Lager“, die Strafgefangenen selber sprechen dabei von „der Zone“, versteht man i.d.R. Haftanstalten außerhalb Städten und Siedlungen. Der Begriff ist aus der Stalinzeit und dem damit verbundenen Begriff des „GULAG“ – Gosudarstvennoe upravlenie lagera“ / staatliche Lagerverwaltung – bekannt. Und so soll der der Ausdruck „Lager“ ja wohl auch wirken. Man stelle sich nur vor, die Frauen bei Holzfäll- oder Kanalbauarbeiten im hüfthohen Schnee bei mindestens minus zwanzig Grad. Gekleidet in schwarze oder blaue Steppjacken, die die Kälte nur mühsam abwehren können. Ab und zu übertönt das Heulen eines Wolfes das Brausen des üblichen Schneesturms in der Taiga wo gerade die Abendsonne untergeht. Die Assoziation an „Soweit die Füße tragen“ oder Heinz Günther Konsalik und sein Buch „Die Verdammten der Taiga“ drängt sich auf.

Erwähnt werden muß im Artikel natürlich daß der seinerzeitige Prozeß gegen Chodorkowski rechtsstaatlichen Verfahren Hohn sprach. Klar ist danach nämlich auch, daß der unterschwellige Grundsatz zu gelten hat „einmal rechtsstaatswidrig, immer rechtsstaatswidrig“.

Was soll man von den massenhaft herumlaufenden KGB-Schergen im ehemaligen „Reich des Bösen“ auch anders erwarten? Das Wort von den „Stalinistischen Schauprozessen“ fehlt bei der Beurteilung der Situation vielleicht noch? Immerhin hatte das Gericht vorgehabt die Verhandlung im Internet per Stream zu übertragen. Aber kaum war das gesagt, da tönte aus dem Westen bereits „Stalins Schauprozeß“.

Die  anschließende Verhandlung die auf Antrag der Anklage nicht im Internet übertragen wurde muß dann wohl ein „Moskauer Geheimprozess“ sein. Allerdings wurden die Verfechter der „Seht mal Stalin ist nicht tot“-Linie enttäuscht. Immerhin gab es so etwas wie eine Textzusammenfassung im Netz, allerdings auf Russisch. 

Zuzugeben ist daß Verfahrensakten von rund dreitausend Seiten und eine mehr als kurz bemessene Frist zur Aufarbeitung der Akten durch die Verteidigung nicht gerade dafür sprechen daß hier eine Rechtsstaatsorgie gefeiert werden soll. Ich weiß nicht wie man die Situation beschreiben soll.

Manchmal denke ich die beste antirussische Propaganda wird wohl absichtlich oder unabsichtlich immer noch in Russland selbst gemacht.

Vollends absurd wird es im Artikel wenn der Kremlastrologe im TAZ Schreiber durchkommt und er die Causa Pussy Riot mit der Abrechnung Putins mit den unbeugsamen Oligarchen vergleicht. Er verkennt nämlich den grundlegenden Charakter beider Phänomene und deren Bedeutung für Russland. Beim Kampf gegen die Oligarchen handelt es sich um den Kampf gegen eine Gruppe von Leuten die sich maßlos bereicherten indem sie entweder den Verkauf von herrenlosem Vermögen mit unbekanntem Wert an Leute, die kein Geld besitzen organisierten, oder selbst in den Genuß der so verscherbelten Staatsassets Russlands kamen. Bei Pussy Riot hingegen handelt es sich um eine kleine Gruppe die den Begriff der „Kunst“ nutzen um ihre eigenen politischen Ziele unter das Volk bringen zu können. Dabei sind sie auch gewillt traditionelle in der Bevölkerung weitestgehend anerkannte Regeln wie z.B. die Unantastbarkeit von Sakralstätten zu brechen.

Wenn der Autor schreibt daß Putin die nationale Führungsfigur zu sein habe, kann schon froh sein dass der Schreiber ihn nicht zum „Führer“ macht. Und von diesem „Führer“ ist bekannt, daß er durch Wahlmanipulationen und öffentliche Proteste in Russland angeschlagen sei. Selbst dem wohlmeinensten Verteidiger Russlands hat zwischenzeitlich gedämmert daß die Präsidentschaftswahl in Anlehnung an die seinerzeit in Russland propagierte „gelenkte Demokratie“ als „gelenkte Wahl bezeichnet werden kann. Und das ist noch eine freundliche Umschreibung. Inwieweit das „Wahlen lenken“ allerdings zu einem anderen Präsidenten als Putin geführt haben würde möchte ich einmal offen lassen. Belege für die abenteuerliche Behauptung daß Putin – bei der Mehrheit der Bevölkerung – angeschlagen sei, muß der Verfasser nicht bringen. Profanes Faktensammeln – früher Recherche genannt und im Film über Watergate, „Die Unbestechlichen“, mit Robert Redford und Dustin Hoffman gezeigt – ist nicht mehr en vogue. Warum sich also damit belasten? Der Name Putin, vielleicht noch ergänzt mit der Bezeichnung „KGB-Agent“ allein muß ausreichen um eine Gänsehaut zu erzeugen und ersetzt so Fakten.

Schön zu wissen ist weiterhin, wenn der TAZ Schreiber erkannt hat, daß das russische Volk Putin nicht mehr blindlings folge. Diese Erkenntnis des TAZ Redakteurs lässt nämlich in dankenswerter Offenheit Rückschlüsse auf sein Bild „der Russen“ (die es so nicht gibt) zu. Es handelt sich dabei offenbar um eine wüste Mischung aus „neuem Russen“ a la Prochorov, gepaart mit bettelnden Babuschkis vor den Moskauer Metroeingängen, abschließend garniert mit einem „kleinen Schuß“ treidelnder Wolgaschiffer, die im ewigen Joch Schiffe wolgaaufwärts schleppen müssen und dabei ihre melancholischen Lieder singen.

Im Gegensatz zu diesem Bild „des Russen“ kann derjenige der sich mit Russland ein wenig mehr auskennt und Russland nicht mit dem Aufenthalt in den beiden Metropolen Moskau und St. Petersburg allein verwechselt, viele Initiativen benennen in denen sich Bürger bereits zusammen geschlossen haben um ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen. Genannt sei hier beispielhaft die Bewegung der „Blauen Eimer“  und der Protest gegen die Abholzung des Waldes von Khimki in dessen Gefolge der Bürgermeister Juri Luschkow seinen Posten unter Angabe anderer Gründe verlor. Und hätte sich der Verfasser wirklich Gedanken um die Protestbewegung in Russland gemacht, dann wäre ihm dieser Artikel vielleicht in die Hand gefallen  und er hätte gesehen daß die Mehrheit der in Russland Protestierenden sich eher für ein Russland als demokratischen Rechtsstaat interessieren als für die Ablösung Putins.

Weiter geht die rauschende Fahrt durch den TAZ Artikel. Unter der Zwischenunterschrift „Vorwurf:’Rowdytum“ und „konfessioneller Hass’ wird zunächst einmal aufgeführt daß das Gesetz für „Rowdytum“ eine Strafe von „maximal“ sieben Jahren vorsieht. Die sieben Jahre Haft, genannt in Absatz zwei des Artikel 213 des StGB Russlands, müssen für wohl fast alle westlichen Journalisten so faszinierend gewesen sein, daß man kaum einen westlichen Artikel findet in dem nicht auf das maximale Strafmaß hingewiesen wird. Insoweit kann man auch ein landläufiges Russlandklischee bedienen das man wie folgt zusammenfassen kann: „Arme friedlich demonstrierende Mädchen werden zu sieben Jahren Lagerhaft verurteilt.“ Heimlich still und leise übersieht man absichtlich oder unabsichtlich daß es sich um die maximale Strafe für Rowdytum gemäß Artikel 231 Abs. 2 des StGB der Russischen Föderation handelt. Andere im Absatz 1 vorgesehene Strafen sind Geldstrafen, Arbeitsleistung bis zu vierhundertachtzig Stunden und andere Strafen. Der Schreiber verkennt schließlich, daß der Vorwurf des Schürens „konfessionellen Hasses“ den Tatbestand des „Rowdytums“ nicht zusätzlich verschärft, sondern bereits Bestandteil des allgemeinen Tatbestandes des Artikel 231 Abs 1 Zif. B) des StGB der Russischen Föderation ist.

„Google – und auch Wikipedia – ist dein Freund.“ möchte man dem Schreiber zurufen. Und weiter geht es mit dem Bedienen billigster Klischees Rußland betreffend wenn er schreibt, daß die Mitglieder von „Pussy Riot“ Wollmasken getragen hätten, die schon im Krimkrieg von den Engländern getragen worden sein sollen und in diesem Krieg habe sich die Rückständigkeit Russlands erstmals deutlich offenbart. Wie rückständig muß daher das Land auch heute noch sein wenn es entsprechend hart auf die Wahrnehmung „künstlerischer Freiheiten“ in einer der Hauptkirchen regiert? Welchen Maßstab der Verfassen anlegt und warum ein Land so „rückständig“ ist, wenn es denn „rückständig“ ist, auf diese Frage kommt der Verfasser nicht. Was gibt es Schöneres als wenn man alte weitverbreitete Vorurteile über Russland seiner geneigten Leserschaft nur deshalb schnell und umfassend bedienen kann weil man erstens selbst frei von „störendem Hintergrundwissen“ aber statt dessen mit „gesundem Halbwissen“ versehen ist und zweitens darauf bauen kann daß das beim Lesepublikum ebenfalls der Fall sein wird.

Zur Rückständigkeit Russlands sei anzumerken, daß Rußland, wie andere Staaten auch, ein säkularer Staat ist in dem Glaubensbekenntnisfreiheit gilt. Artikel 28 der Verfassung der Russischen Föderation  Jedem wird die Gewissensfreiheit und die Glaubensbekenntnisfreiheit garantiert einschließlich des Rechts, sich allein oder gemeinsam mit anderen zu einer beliebigen Religion zu bekennen oder sich zu keiner zu bekennen, religiöse und andere Überzeugungen frei zu wählen, zu haben und zu verbreiten sowie nach ihnen zu handeln. Und dieses Recht steht den Gläubigen zu und beinhaltet auch daß sie es nicht hinnehmen müssen wenn ihre Kirche als Schauplatz von „Kunst“ missbraucht werden soll. Das sollten vor allem die beherzigen, die an anderer Stelle sich vehement für freie Religionsausübung einsetzen und den klassischen Satz prägen „Religiöse Positionen verdienen auch dann Schutz der Rechtsordnung, wenn sie meine Position nicht respektieren.“

Fahren wir fort in der Argumentation des Artikels so kommt schnell wieder der KGB ins Spiel. von dem man weiß natürlich weiß daß Putin dort seinerzeit gearbeitet hat. Wenn man jetzt noch kurz nachweisen kann dass auch der Metropolit, also quasi das russisch-orthodoxe Pendant des Papstes beim KGB war, dann haben wir ein unschätzbares Argument für den Fall gefunden, daß sich praktizierende Gläubige, deren Glauben man teilen mag oder nicht, sich gegen die „Zwangsmissionierung“ a la „Pussy Riot“ in der Christi-Erlöser-Kathedrale wenden. Man nimmt einfach das Totschlagsargument der „KGB-Leute“ ungeachtet der Frage ob die KGB-Eigenschaft hier eine Rolle spielt oder nicht. Dann ist jedenfalls das Handeln von „Pussy Riot“ in einer Kirche gerechtfertigt, oder etwa nicht? Gut zu wissen ist es in diesem Zusammenhang natürlich auch, wenn die Frauen im Nachhinein beteuern einen Kampf gegen die führen zu wollen, die den wahren Glauben verzerren. Bedauerlich nur dass im ganzen „Gebet“ in dem die Mutter Gottes gebeten wird Russland von Putin zu erlösen, sich kein Hinweis auf die glaubensreformatorischen Hintergründe findet.

Bedauerlich ist weiterhin, daß die Frauen ihre Hilfe bei der Bewahrung des wahren Glaubens erst später nach Abschluß ihrer Performance erklären und hinzufügen daß die Performance nichts mit religiösem Hass zutun habe. Das nehme ich ihnen sogar ab. Hochachtung vor dem verfassungsmäßig garantierten Recht der Gläubigen sieht jedenfalls anders aus.

Gut ist auch der folgende verkürzte Absatz. Er beschreibt worum es eigentlich geht: „Ob sie – die Teilnehmer an der Performance – mit einer so scharfen Reaktion von Kreml und Kirche gerechnet haben? … Zumindest sind sie jetzt populär und in aller Munde.“ Und genau darum geht es, in aller Munde sein. Und wie erreicht man das im Zeitalter der medialen Überfütterung? Durch Provokation. Nur sollte man sich dann nicht wundern wenn die herbeiprovozierte „Antwort“ auch kommt. Weiter geht es im Artikel wenn es denn da heißt sie, d.h. die Mitglieder von „Pussy Riot“ wollten mittels ihrer Performance die Gesellschaft auf die „komplizierten Beziehungen zwischen sakralem und säkulärem Raum, zwischen Kunst und Religion, Kunst und Recht aufmerksam machen. Und um diese nachgeschobene und durch nichts belegbare Behauptung mit einem Anschein von Seriosität zu versehen wird der Deus ex machina des „bekannten Kunstkritikers“ bemüht. Der versteht, im Gegensatz zum gemeinen Pöbel mit seinen rückständigen Ansichten zu dem was Kunst ist, etwas von „wahrer“ Kunst. Und deshalb ist sein Urteil bei der Frage ob es sich bei der fragwürdigen Darbietung in der Kathedrale um Kunst handele oder einfach nur – wie weiter vorn im Artikel auch behauptet – nur um einen Spuk handelte, das nicht Urteil das man weder anzuzweifeln hat und das deshalb auch allein selig machend ist.

Die deutsche Öffentlichkeit ist in ihrer Meinung zu „Pussy Riot“ offenbar geteilt auch wenn die Stimmen derer die eine differenzierte Betrachtung vorziehen in Deutschland weniger zu hören sind. Während sich Stimmen mit „Free Pussy Riot“ im Netz verlautbaren lassen, gibt es auch gegensätzliche Ansichten. So heißt es z.B. in einem Kommentar im Spiegel:

„Ich finde das rigorose Vorgehen gegen die Damen vollkommen in Ordnung! Erst „todesmutig“ einen auf großen Provokateur machen, jetzt aber die ganze Weltpresse behelligen, wie gemein man doch zu ihnen sei. … Hätten die Mädels Ihr peinlich pubertär-dekadentes Happening einmal nicht in einer christlichen Kirche, sondern in der Kaaba in Mekka oder einem sonstigen muslimischen Heiligtum durchgezogen – dann säßen sie jetzt auch nicht in U-Haft (oder besser gesagt: das was von Ihnen übrig wäre). Sorry, aber jenseits des Am-deutschen-Gutmenschen-Wesen-soll-die-Welt-genesen-Universums gibt es noch Länder, Völker und Gesellschaften, die noch Grenzen kennen. Man stelle sich das vor … „

Nun, soweit muß man vielleicht nicht gehen. Kommen wir aber zu einem ganz einfach Punkt. Wer mit Gruseln an die Strafen des russischen Strafgesetzbuches für diese Fälle denkt, der sei auf zweierlei hingewiesen. Erstens, Rußland steht mit den Regelungen – obwohl allzu gummiartig gefasst, nicht allein. Wer sich da informieren möchte, dem sei das bundesdeutsche StGB ans Herz gelegt und da insbesondere § 166 StGB.

§ 166 Beschimpfung von Bekenntnissen, Religionsgesellschaften und Weltanschauungsvereinigungen

(1) Wer öffentlich oder durch Verbreiten von Schriften (§ 11 Abs. 3) den Inhalt des religiösen oder weltanschaulichen Bekenntnisses anderer in einer Weise beschimpft, die geeignet ist, den öffentlichen Frieden zu stören, wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.

(2) Ebenso wird bestraft, wer öffentlich oder durch Verbreiten von Schriften (§ 11 Abs. 3) eine im Inland bestehende Kirche oder andere Religionsgesellschaft oder Weltanschauungsvereinigung, ihre Einrichtungen oder Gebräuche in einer Weise beschimpft, die geeignet ist, den öffentlichen Frieden zu stören.

Eine gute Zusammenfassung zum Problem der Beschimpfung weltanschaulicher Bekenntnisse die manche ja auch in Deutschland verschärfen möchten ,gibt es hier.

Und zweitens, ein wenig mehr Gelassenheit von allen Seiten wäre nicht fehl am Platze. Ja, die Gruppe hat sich unkonventioneller Mittel bedient. Ja, insgesamt halte ich es für fraglich welchen „Kunstbegriff“ die Gruppe hat wenn ich mir die Aktion der Vorläufergruppe „Woina“ = „Krieg“ anschaue. Im auf Youtube befindlichen Video „Der Leiter der Kunstgruppe „Woina“ antwortet auf Fragen von REN TV“ hat die Gruppe ein Video ins Netz gestellt. In diesem Video kann man ab Sekunde 46 sehen wie eine „Kunstaktion“ der Gruppe des nachts abläuft. Da wird schlicht ein Polizeifahrzeug in St. Petersburg umgeworfen. Welch erhabene Kunst, da bleibt mir die Spucke weg.

Bei uns im Westen, der im Gegensatz zu Russland ja unverhältnismäßig viel demokratischer ist, kann man regelmäßig nach dem 1. Mai in Berlin Kreuzberg oder anlässlich von Auseinandersetzungen im Hamburger Schanzenviertel ähnliche „Kunstaktionen“. Die werden dann ab und zu durch deutsche Gericht ein undemokratischerweise als das bezeichnet was es ist, Sachbeschädigung gepaart mit Landfriedensbruch. Aber hier sind wir ja in Russland. Und da ist wenigstens aus der Sichtweise einiger westlicher Zeitgenossen offensichtlich alles erlaubt was sich gegen die Regierenden richtet. Denn wer es noch nicht weiß, Russland ist noch unterentwickelt und bedarf der vorsichtigen und behutsamen Begleitung durch Berufene auf dem Weg in die Demokratie westlicher Prägung. Dazu gehört wohl auch daß es stillhalten sollte wenn „Künstler“ sich an Polizeifahrzeugen zu schaffen mache, ist ja schließlich Kunst, also etwas Höheres das sich dem gemeinen Pöbel mit seinem beschränkten Horizont nicht unmittelbar erschließt.

Weiter heißt es in einem Kommentar in einem Forum zu Russland:

„Eine Riot Grrrl Band, die sich Pussy Riot (Fotzen Randale) nennt, soll jetzt …auch noch was vom Christentum halten? Erzähl das einem anderen. Und hier werden Leute, die in der Kirche Theater machen, genauso bestraft, auch wenn deren Aktionen sich nicht gegen die Kirche richten. Diese verrückten Hühner brauchen sich nicht zu beschweren. Nirgendwo auf der Welt wurde eine Revolutionärin verschont, nur weil sie ein kleines Kind hatte. Die Pussy Riots heulen doch nur rum, obwohl allen klar ist, dass alles eine billige Promo für ihre Band ist. Ich würde mich als Anarchist eher schämen, dass die debilste Yellow Press im Westen einen abfeiert. Pussy Riot ist eine peinliche Poser-Band und mehr nicht. Aber die russischen Anarchos sind ja genauso peinlich…“ … Und ich habe kein Problem damit, dass die Gesetze in Russland härter sind. … “

Vielleicht ein wenig hart, aber so ist Vox Populi in Deutschland. Von Anti-Putin ist bei denen die sich intensiver mit Russland befassen, Land und Leute kennen und vielleicht sogar dort wohnen wenig zu hören. Wer hätte das gedacht? Moderatere Töne im Forum klingen dann so:

„Das es für solch einen blöden Unfug eine Strafe geben muss, da braucht man glaube ich, nicht drüber diskutieren. Egal, ob man da russische oder mitteleuropäische Maßstäbe ansetzt. Aber 3-4 Wochen Sozialarbeit in einer Kirche oder einem kirchlichen Alten- oder Kinderheim sind da in meinen Augen angemessener als 8 Wochen Untersuchungshaft mit was immer dann auch noch kommen mag (2.500 Rubel Strafe bis 5 Jahre Kolonie). Aber wie … schon sagte: Wenn man schon u.U. die Strafe nicht abschreckend genug machen kann (ohne das sich darüber dann jemand ordentlich aufregen kann), dann macht man das eben mit der (künstlich verlängerten?) Untersuchungshaft. Obwohl DAFÜR eigentlich so gut wie kein Grund existiert.“

 „Es ist eindeutig, WAS die Damen da in der Kirche getan haben. Da muss niemand monatelang Nachforschungen betreiben oder Zeugen befragen, da es eindeutige Videoaufnahmen gibt. Wie dieses (traurige) Schauspiel nun rechtlich zu werten ist, dass ist eine andere Frage. Aber es besteht auf jeden Fall keine Begründung, warum man die Damen in Untersuchungshaft behält, weil eben keine langwierige Untersuchung notwendig ist. Und selbst wenn eine längere Untersuchung notwendig WÄRE, dann besteht wohl kaum Fluchtgefahr (könnte man mit einem Hausarrest lösen) und auch keine Verdunklungsgefahr. Den „Putin muss weg“-Gesang empfinde ich ebenfalls als absolut harmlos. Das ganze in einer Kirche zu machen und noch dies als eine Art Gebet darzustellen, das ist ziemlich geschmacklos und sollte nicht gänzlich straffrei bleiben. Allerdings sollte da eine Geldstrafe mit 5-stelligem Rubelbetrag und 4 Wochen Arbeit in einem kirchlichen Kinderheim vollkommen ausreichend sein.“

Gut gefallen hat mir das russische t-Shirt. Dort ist kurz gesagt die Lösung auf den Punkt gebracht wenn es heißt

„Gott wird sie richten und nicht das Moskauer Stadtgericht“.

Nachtrag:

Ob Putin sich hat von der öffentlichen Meinung beeindrucken lassen (halte ich für sehr unwahrscheinlich, man denke an den zweiten Tschetschenienkrieg der auch trotz weltweiter Proteste lief) oder sich einfach ein lästiges Problem vom Halse schaffen wollte, all das kann auf sich beruhen.

In einem Artikel der russischen Nachrichtenagentur RIA Nowosti anläßlich des Besuches von Präsident Putin in London heißt es zur Causa „Pussy Riot“ daß Präsident Putin eine harte Bestrafung der Mitglieder der Punkband weder für sinnvoll noch für wünschenswert halte. Weiter äußerte sich Putin in dem Artikel wie folgt „Oder wenn sie – die Mitglieder von Pussy Riot – im Kaukasus  eine muslimische Sakralstätte entweiht hätten, dann wären nicht einmal in der Lage gewesen sein, um sie inUntersuchungshaft zu nehmen.“

„Dennoch, ich denke nicht, dass sie hart dafür bestraft werden sollten“, sagte der Präsident weiter. „Ich hoffe, sie ziehen gewisse Schlüsse. Dennoch ist es Sache des Gerichts die endgültige Entscheidung zu treffen „, sagte er.

Mit den Worten des früheren sowjetischen Botschafters der UdSSR Pjetr Abrassimov könnte man sagen „Ende gut, alles gut“

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Ein Beitrag des ZDF Magazins Frontal21! vom 13. September 2011 zeigt wieder einmal was ich bei meinen Einkäufen in Rußland schon länger vermutet habe. Rußland scheint nach Ansicht manch eines westlichen Industrieunternehmens der „Abfalleimer“  zu sein, mit dem man nach Belieben verfahren kann, alles nach dem Motto „Mit Rußland kann man’s machen.“

Wenn Waren nach Russland exportiert werden, dann kann man auch mal Fünfe gerade sein lassen. Ob giftiges Spielzeug aus China, abgelaufene Medikamente die umettiketiert werden und dann, oh Wunder wieder wirksam sind oder eben „aufgepumpte“ Hähnchen aus Deutschland, egal, ist eh nur für den Export  und gut genug für „die Russen“.

Worum geht es? Es geht darum daß eine deutsche Tochter des französischen Konzerns „Doux“, was übrigens „Süß“ heißt, die Guts-Gold GmbH aus Grimmen in Mecklenburg-Vorpommern, Hähnchen, die für den Export bestimmt waren, ein wenig gewichtsmäßig „gepimpt“ hatte, soll heißen, die Hähnchen wurden so mit Wasser behandelt dass sie selbst nach ihrem Ableben erstaunlicherweise noch an Gewicht „zunahmen“.

Das wundersam zunehmende Hähnchen kommt nicht nur in Rußland vor und es müssen auch nicht immer Hähnchen sein. Jedermann kennt das Problem. Man legt ein hinreichend großes Schnitzel z.B. in die Pfanne und das gute Stück dampft innerhalb weniger Minuten auf kaum mehr als Briefmarkengröße zusammen. Das Geheimnis ? Wasser. Und so eben auch bei diesen Hähnchen die ja „eh nur für den Export“ waren. Bei solch einer Nachbehandlung der Hähnchen handelt es sich um die Erschleichung von EU Subventionen. Die EU subventioniert den Export landwirtschaftlicher Produkte und für die Höhe der Subvention ist eben u.a. das Gewicht entscheidend.

Mal abgesehen davon, dass diese Subventionen den Steuerzahler Unmengen an Geld kosten, darauf will ich hier mal nur beschränkt eingehen, finde ich es eine ungeheure Schweinerei jeden „Rotz“ nach Rußland zu schicken mit dem Hinweis daß sei für „die gut genug.“ Sind „die“ Menschen zweiter Klasse? Meint man mit „denen“ mal kurz die „Schnelle Mark“ machen zu können?

Wer will noch Pensionsnachschlag?

Wer will noch Pensionsnachschlag?

Viele Menschen in Rußland haben heute noch einen Lebensstandard der weit unter dem ist was man in Deutschland darunter versteht.  Einkommen von umgerechnet 250 bis 300.- Euro monatlich sind in Regionen außerhalb der Ballungszentren Moskau und St. Petersburg keine Seltenheit. Daher achtet die russische Hausfrau zuerst einmal auf den Preis. Und Geflügel, insbesondere Importgeflügel ist oftmals billiger als Schweinefleisch oder gar erst Rindfleisch. Diese Einkommen erklärt auch die Popularität des Imports von Geflügelteilen aus den USA nach Rußland, die seinerzeit bei den Russen als „Noshki Busha“ – Bushs Beinchen – bekannt waren. Sie waren preiswert für die russische Hausfrau und all die, die in Rußland nicht an übervollem Geldbeutel litten. Und darum griff der russische Verbraucher zu.

Die subventionierten Importlebensmittel sind zudem oftmals auch noch billiger als einheimische Ware und machen es so russischen Produzenten schwer sich am Markt zu behaupten. Aber Gott sei Dank gibt es mittlerweile auch russische Geflügelproduzenten die dem Ansturm westlicher Waren stand halten. Die Geflügelfarm „Verkhni Volzhskij Ptitse Fabrika“ beliefert den Oblast Tver mit frischem und gefrorenem Geflügel und die dort produzierten Hähnchen heben sich geschmacklich positiv von dem ab, was dem russischen Verbraucher da sonst noch als „toter Broiler“ in den Tiefkühltruhen der örtlichen Supermärkte angeboten wird.

Rentnerin im Supermarkt

Rentnerin im Supermarkt

Wie dem auch sei, ich finde es eine Sauerei diejenigen die eh nicht soviel in der Tasche haben auch noch mit „gepimpten Hähnchen“ über den Tresen ziehen zu wollen. Was kann  man dagegen aus russischer Sicht tun? Nun, ich bin nicht die russische Regierung. Aber wenn ich das wäre was würde ich tun?

Ich würde den Landesoberveterinär, Herrn Anishshenko in die Spur setzen und von ihm ein völliges sofortiges Importverbot für EU Geflügel unter Hinweis auf die zweifelhaften Praktiken der „Doux“-Gruppe verhängen lassen. Dieses sofortige Einfuhrverbot würde ich auch umfassend mit Gründen im Westen kommunizieren.

Sollen sich doch die anderen Geflügelproduzenten bei der französischen Firma „Doux“ bedanken ür das Importverbot bedanken, unter dem dann alle zu EU Geflügelproduzenten zu leiden haben werden.  Ich bin sicher der EU-interne Druck und der Druck der Konkurrenten würde die Verantwortlichen bei „Doux“ und deren Töchtern schon hinreichend disziplinieren.

Ich bin mir leider weiterhin sicher dass eine EU interne Aufklärung der Vorfälle kaum zu einem brauchbaren Resultat führen wird. Zu gut ist die Vernetzung von Politik und Lobby auf allen Ebenen. Und falls nicht der Fall ist, dann braucht eine große Firma ja nur mal beiläufig auf den „Verlust von Arbeitsplätzen“ hinweisen um weiteres Vorgehen gegen sie im Keime zu ersticken. Man stelle sich das mal in einer Stadt wie Grimmen im strukturschwachen Meck-Pomm vor. Die Ergebnisse sind, bis hinauf zur Landesregierung vorhersagbar.

Aber es gäbe da eine, m.E. sehr viel wirkungsvollere Methode.

Im Mittelalter waren die Handwerker,  zu denen auch die Bäcker zählten, in gesonderten Zünften organisiert. Diese Zünfte beschränkten einerseits den Zugang zu bestimmten Berufen und schützen die Mitglieder so vor Konkurrenz. Andererseits wachten die Zünfte aber auch darüber, dass ihre Mitglieder die vereinbarten Mindeststandards bei Waren und Dienstleistungen einhielten. Im Falle von Verstößen versuchten sie erst zu einer innerzünftlichen Lösung zu kommen und falls dies nicht gelang, schleppten sie den Missetäter auch einmal vor die weltliche Gerichtsbarkeit.

Die weltlichen Richter wandten zu jener Zeit oftmals das Recht der jeweiligen Stadt an in der die inkriminierte Handlung stattgefunden hatte. Im Falle eines Bäckers der seine Kunden dadurch zu übervorteilen suchte, daß er entweder minderwertiges Brot verkaufte oder Brot das nicht das geforderte Gewicht aufwies, in solch einem Falle gab es im Mittelalter die sog. „Bäckertaufe„. Unter „Bäckertaufe“ hat man folgende Strafe – verkürzt – zu verstehen. Der Deliquent wurde in einen kleinen an einem Kran hängenden Käfig gesperrt und dann wurde dieser Käfig nebst Inhalt entweder in einen Fluß, oder in eine Kloake getaucht. Jedermann kann sich vorstellen, daß das Verlangen der so Behandelten an erneuten Betrügereien zumindest auf absehbare Zeit ziemlich reduziert war. Nun, wir sind nicht mehr im Mittelalter, Gott sei Dank, oder leider, je nach Gesichtspunkt. Solche Strafen fallen also in unserem Fall aus. (Obwohl … könnte ich mir auch ganz gut als „Bankertaufe“ vorstellen, aber ok, das ist ein anderes Thema)

Aber werden wir realitätsnaher. Man stelle sich einmal vor, der russische Generalstaatsanwalt nähme sich dieser Sache ernsthaft an. Man stelle sich weiter vor, es käme gar zur Beantragung eines internationalen Haftbefehls gegen die Geschäftsleitung von „Doux“ und eine Fahndungsausschreibung über Interpol. Man stelle sich schließlich einmal vor, einer der Manager von Doux würde tatsächlich irgendwo bei einem Auslandsaufenthalt, z.B. beim Urlaub in der Türkei, verhaftet werden und an Rußland ausgeliefert werden. Das erstaunte Gesicht eines solchen Mitarbeiters möchte ich sehen, wenn er sich anstatt in dem bisher gewohnten Fünf-Sterne-Feriendomizil plötzlich in der „Lubjanka“ oder der „Matroskaya Tyshina“ wiederfindet und die „russische Gastfreundschaft der besonderen Art“ für zwei bis drei Monate Untersuchungshaft in Anspruch nehmen „darf“. Ich bin mir sicher, das hätte einen anhaltend nachhaltigen pädagogischen Effekt auf den unmittelbar Betroffenen als auch auf eventuelle Nachahmungswillige. Wer daran zweifelt möge mal den Ex-Oligarchen Chodorkovski fragen.

Das wäre Verbraucherschutz in Hochpotenz und das nicht nur im Interesse russischer Verbraucher, sondern auch im letztlichen Interesse derer die mit ihren Steuergeldern zweifelhafte EU Subventionen finanzieren.

In diesem Sinne

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Kurz vor meiner Abreise nach Russland, von wo ich hoffe Euch mit vielen Neuigkeiten aus und über Rußland unterhalten zu können, möchte ich kurz noch einen Blog-Eintrag machen um mir den Ärger von der Seele zu schreiben.

Es geht wieder einmal um das allseits beliebte Thema „Service“ und „Kunde“ oder wie man in IT Kreisen sagt „CRM“ – Customer Relation Management, ein Terminus Technicus der schon erahnen läßt dass es hier weniger um den Kunden als vielmehr um das Management geht.

Und was hat das alles mit Rußland zutun, könnte der geneigte Leser fragen. Gut, ich will es kurz machen. In der Regel sollte der Zeitgenosse der nach Russland fährt um alles einen weiten Bogen machen auf dem lauthals mit „Service“ geworben wird. Meist handelt es sich bei den dabei angebotenen – meist zweifelhaften – Diensten um die Beseitigung von Hindernissen, die eben jener „Service“ oder nahe Stellen erst geschaffen haben um sie dann mittels pekuniärer Umverteilung zu beseitigen.

Ein blendendes Beispiel dafür liefert der Zoll in Tver. Wer sich mit dem Zoll dort auseinandersetzen muss, der hat jetzt zwar schon bessere Karten als sagen wir mal vor etwa zwei Jahren, aber toll ist es immer noch nicht. Wer zum „Zoll“ will um etwa die zeitweilige Einfuhr seines Kfz zu verlängern, der muss erst über eine „Servicegesellschaft“ die so wesentliche Dinge macht wie Kopien anfertigen, geheimnisvolle Formulare zu verfertigen und letztlich den „Türöffner“ zum Zoll zu spielen. Ohne die „Servicegesellschaft“ läuft nichts und kein Zöllner wird einen beachten geschweige denn die zeitweilige Einfuhr des Autos verlängern.

Die „Servicegesellschaft“ ist auch der Herr des zweifelhaften Zoll-Lagers in das man sein Kfz zum Zwecke der Verlängerung „einlagern“ muß für so ca. 1 – 2 Stunden. dass dafür ein kompletter Zoll-Lager-Tag anschließend auf der Rechnung auftaucht soll nur der guten Ordnung halber erwähnt werden. Ich habe mich mittlerweile an das Prozedere gewöhnt, maule zwar innerlich noch immer für bloße „Luftnummern“ am Ende so um die 100.- Euro gezahlt zu haben aber, anders geht es nicht, in Tver jedenfalls nicht.

Zollhof Tver

Zollhof Tver

Dass der gleiche Zoll, es gibt nur einen Zoll in Russland, auch wenn die Mitarbeiter immer das Gegenteil gebetsmühlenartig erzählen wollen, dass eben jener Zoll im russischen Teil von Karelien direkt für die Bürger erreichbar ist und die Verlängerung der Einfuhrerlaubnis innerhalb von max. 2 Stunden erhältlich ist für den Betrag von rund 20.- Euro sein nur am Rande erwähnt.

Dass Service auch anders geht zeigt ein anderes Beispiel. Ort der Handlung diesmal St. Petersburg vor ca. 12 Jahren. Es ist Sommer, ich habe, wie so oft, die falsche Kleidung mit und zerfließe förmlich in der Sonne. Im Kaufhaus „Gostini Dvor“ am Nevski finde ich ein kurzärmeliges Hemd, dunkles Grün mit einer dazu passenden Krawatte. mein Entschluss steht fest, das Hemd muß es sein. gesagt, getan, rein in den Laden. Das „Gostini Dvor“ war damals an viele einzelne Händler vermietet, jeder hatte seinen kleinen Bereich gemietet und sich dort einen Laden eingerichtet.

Einer jungen Verkäuferin versuche ich klarzumachen was ich möchte. Sie nimmt kurz Maß und verschwindet dann mit einem vielsagenden Lächeln im Lager. Als sie kurz darauf zurückkommt erklärt sie mir dass das Hemd in meiner Größe leider nicht vorrätig sei, sie aber, um sicher zu gehen nochmals das Hemd auf der Schaufensterpuppe in Augenschein nehmen will. Und wirklich, die Schaufensterpuppe trägt „mein Hemd“. Ob ich auch ein Hemd aus der Auslage nehmen würde fragt sie mich, aber klar. Ob sie noch so eine Krawatte hätte wie die Schaufensterpuppe trüge, die passe nämlich ganz hervorragend dazu.

Das sei nun wirklich kein Problem erwidert sie, wenn schon das Hemd verkauft werden könne dann die Krawatte erst recht. Und in einigen Minuten ist der Deal komplett. Ich verlasse, gut gelaunt und gleich mit dem Hemd bekleidet das „Gostini Dvor“-Kaufhaus.

Das Smolny Kloster in St. Petersburg

Das Smolny Kloster in St. Petersburg

Seitdem war ich noch das eine oder andere mal in dem Geschäft das sich auf englische Herrenkleidung spezialisiert hatte. Die Bedienung war – wie immer – fabelhaft, die Qualität gut und so habe ich so manches Stück dort erworben. Dann habe ich das Geschäft aber aus den Augen verloren, leider.

Als ich vor ca. 2 Jahren wieder in St. Petersburg war, führte mich mein Weg wieder ins „Gostini Dvor“ auf der Suche nach „meinem Geschäft“. Um  es kurz zu machen, „mein Geschäft“ gibt es nicht mehr erzählte man mir. Wenige Jahre nach meinem letzten Besuch übergab der Senior-Chef das Geschäft an seinen Sohn. Der hatte eine Auslandsausbildung, einen MBA aus Amerika und viele neue Marketing-Ideen. Nur eines hatte er nicht, Ahnung vom Geschäft. Wer einen MBA amerikanischer Prägung hat, muß sich der in die Niederungen des alltäglichen Geschäfts mit den Kunden begeben? Wohl eher nicht, er, der Anghörige der „Wirtschaftswissenschaftselite“ braucht das nicht.

Und diese Manko war dann auch der letzte Nagel im Sarg des Geschäftes. M.a.W. was der Senior lang und liebevoll aufgebaut hatte, hatte der MBA-Schnösel in 2-fix-3 in die Grütze gefahren. Eine ehemalige Mitarbeiterin erzählte mir das klägliche Ende eines ehemals blühenden Geschäfts. Schade.

Das alles scheint wenig mit Deutschland gemein zu haben, wirklich? Heißt es nicht „Von der Sowjetunion lernen heißt siegen lernen“? Oder hieß es etwa „siechen lernen“? Egal, hier die Story wie man in Deutschland Unternehmen in die Grütze führt.

Einen „Kundenservice“ der besonderen Art durfte ich gestern genießen, aber wenn ich ehrlich bin, ich hätte auf diese Art übelsten „realsozialistischen Services“ gern verzichten können. Und das ging so.

Wer längere zeit außer Landes sein wird, der hat das eine oder andere Telefonat zu führen und die eine oder andere Email zu schreiben. Gut ist dabei der dran, der an einen kundenorientierten Internetserviceprovider (ISP) gekommen ist und dessen Internetdienste er nutzen kann. Ob mein ISP  zu dieser Art zu rechnen ist, ehrlich gesagt daran habe ich nach dem heutigen Tag mehr als erhebliche Zweifel.

Ich will meine Stammbuchhandlung anrufen um kurz zu erfahren ob ein bestimmtes Buch erhältlich ist. Das Buch möchte ich noch vor der Abreise kaufen um es dann mitzunehmen. Mein bisheriges Verfahren Bücher über AMAZON zu kaufen – meist gebrauchte Bücher – hat seit der Affäre „Wikileaks“ in der Amazon in vorauseilendem Gehorsam die WEB Site von Wikileaks vom Server nahm, gelitten.

Ich nutze Amazon zur Zeit nur als Bücherkatalog und kann anderen das auch nur dringenst ans Herz legen. Der örtliche Buchhandel wird sich freuen und zugleich tut man ja auch etwas für die lokale Wirtschaft. Ok, soweit abgeschweift, also, ich nehme also den Telefonhörer in die Hand und wähle, eine Nummer in meiner Heimatstadt, also nichts Atemberaubendes an sich. Und was höre ich da? „Der gewählte Dienst ist z.Z. nicht verfügbar“ nuschelt da eine Digitalfrau. Wie bitte? Was ist nicht verfügbar? Dazu muß man wissen dass die Telefonnummern der „Kunden“ meines ISP – der PrimaCom Leipzig – oder sollte ich eher „Callcenter-und Voicemail-System-Geiseln“ sagen, gar kein „richtiges“ Telefon im klassischen Sinne haben auch wenn der Vertrag von Telefonleistungen spricht. Tatsächlich hat der Kunde ein Voice-over-IP-Telefon das so ähnlich funktioniert wie der sattsam bekannte Internet-Service „Skype“. D.h. die Daten werden auf einem Kabel bis zum Endkunden geliefert, Fernsehen, Internet Telefon, alles aus einer Hand. Eigentlich ist das ganz praktisch wenn es denn funktioniert, und an jenem „wenn“ gebricht es und zwar nicht nur ein wenig, sondern ganz erheblich.

Die WEB Site der PrimaCom

Die WEB Site der PrimaCom

Da zumal mein Internetzugang, wie häufiger in letzter Zeit,  heute wieder eine „berauschende Geschwindigkeit“ aufweist und ich jedes ankommende Bit mit Vor- und Nachnamen kennenlernen kann und mit Handschlag auf meinem Rechner begrüßen kann, denke ich dass es an der Zeit ist sich mal „eben“ an den technischen Service der „PrimaCom Leipzig“ zu wenden, soll ja wohl kein großer Akt sein, denke ich. Weit gefehlt, wie sich etwa 90 Minuten später herausstellen wird.

Mein erster Anruf bei der „PrimaCom Leipzig“ ist von Erfolg gekrönt. Eine nette Frau hat zwar Verständnis für mein Anliegen, kann mir aber nicht helfen da der technische Service über eine völlig separate Telefonnummer erreichbar sei wie sie mir erklärt. Also flugs die Telefonnummer „01805 11 31 11“ angerufen und damit nimmt das Unglück seinen Lauf.

Im Laufe der nächsten Minuten werde ich – einem Neugeborenen gleichgestellt – darüber aufgeklärt dass ich mit der „1“ zu … „schon vergessen“ komme, Fragen zu … „ebenfalls vergessen“… werden nach drücken der Taste „2“ beantwortet und den technischen Service könne man ebenfalls erreichen, nach Drücken der Taste „3“.

Noch wohlgelaunt drücke ich die Taste „3“ nur um zu hören „dass zur Zeit alle Plätze belegt seien“ ich aber umgehend an den nächsten freien Platz verbunden werde. Wer sich solch eine Tortur schon einmal angetan hat, der weiß wovon ich rede. Gut dass ich ein schnurloses Telefon mein eigen nennen kann. So kann ich es mitnehmen und mich anderen Dingen widmen die auch noch der Erledigung harren, und sei es der Gang zur Toilette.

Der Toilettengang wird mir mittels der gebetsmühlenartig vorgetragenen Worte der digitalen Mitarbeiterin  verschönert in denen sie nicht müde wird mir zu sagen dass ich „umgehend“ auf den nächsten freien Platz verbunden werde.

Bin ich froh dass wenigstens mein Toilettenplatz frei ist und ich mich so ohne weitere Probleme mit ihm verbinden kann, nicht auszudenken was passieren würde wenn er genau so abgeschottet wäre wie der „PrimaCom Service“.

Nach 5 Minuten hat sich – auf der Telefonleitung – nicht atemberaubend Neues ergeben, das Digitalgeleier fährt im einem fort von „umgehend“ und „verbinden“ zu faseln. Mir soll es recht sein, 5 Minuten ist o.K.. Als sich nach 10 Minuten die Situation unverändert darstellt und Frau „Digital“ mir nichts Neues zu erzählen weiß, werde ich unruhig. Soll am Ende außer dem Chef, dem Nachtwächter – ach nein, der nicht, der wurde letztens durch eine vollautomatische Alarmanlage ersetzt – und dem Buchhalter etwa gar kein Service bei der PrimaCom angesiedelt sein?

Wer schon einmal von „global aufgestellten Unternehmen“ wie z. B. der Bahn gehört hat, der wird sich erinnern, dass solche Unternehmen sich mehr und mehr „verschlanken“ um sich auf das „Kerngeschäft“ zu konzentrieren. Manche, wie z.B. Rüdiger Grube von der Bahn nehmen dazu auch das Wort vom „Brot-und-Buttergeschäft“ in den Mund wobei mir sich angesichts der Bahnpreise aber leider eher der Vergleich mit Champagner-und-Kaviar aufdrängt, das weniger im Hinblick auf den Service aber umso mehr was die Preise der Bahn angeht. Aber das ist ein eigenes Thema und soll daher hier nicht vertieft werden.

Kehren wir zurück zum „Service“ der „PrimaCom“ und fragen uns was bei einem ISP wohl „Brot und Butter“ ist. Der ungehinderte Zugriff des Kunden auf den technischen Service um eine Störung melden zu können ist es jedenfalls nicht, denn wir schreiben Minute Nummer 25 in der Frau Digital immer noch nichts Erhellendes bewerkstelligen konnte. Dass jede Minute in der „Heißen Servicelinie“ 9 Cents kostet erwähne ich mal so am Rand. In der Zwischenzeit hat sich ein Betrag von zwei Euro fünfundzwanzig angehäuft der mal „eben so“ ohne erkennbares Resultat seitens „PrimaCom“ in Rechnung gestellt werden wird.

Ernsthafte Zweifel haben mich mittlerweile nicht nur dahingehend ereilt ob es überhaupt einen „PrimaCom“-eigenen Service gibt. Wer die Call-Center-Branche nur ein wenig kennt, der weiß, dass „deutsche Anrufe“ zunehmend nicht nur aus Deutschland kommen, sondern auch aus Großbritannien oder dem Sorgenkind Irland, das einst als „wirtschaftliches Wunderkind“ gepriesen nun der EU und der Zentralbank Sorgen machen.

Ob deutsche Call-Center-Agents mittlerweile auch aus Callcentern auf Papua-Neuguinea ihren Standardspruch vom „Wie kann ich Ihnen helfen?“ abseiern weiß ich nicht, kann mir letztlich aber auch egal sein in Minute 35, und damit beim Kostenstand von drei Euro fünfzehn.

Das einzig Menschenähnliche was die Leitung par tout nicht freigeben zu wollen scheint ist Frau Digital die immer noch rezitiert daß der nächste freiwerdende Platz umgehend meiner sein werde.

Mich beschleichen arge Zweifel ob es überhaupt je, und wenn ja wann, freiwerdende Plätze geben wird. Vielleicht sollte ich mal irgendwo versuchen einen Bon irgendwo zu ziehen, so wie neulich auf dem Ordnungsamt in meiner Heimatstadt. Da hat das ganz gut geklappt. Oder vielleicht erfolgt die Abfertigung hier nach Voranmeldung? Via WEB Site, so wie auch auf dem Ordnungsamt? Telefonische Voranmeldung kann ich jedenfalls ausschließen. Auf der WEB Site der „PrimaCom Leipzig“ gibt es jedenfalls weder einen „Bon-Automaten“ noch eine Vorabreservierungsmöglichkeit, das Telefon hatten wir ja schon ausgeschlossen. Das ist ja fest in der Hand der tibetanisch vor sich hinmurmelnden Frau Digital, die unablässig weiterhin ihr „umgehendes“ Mantra freier Plätze verkündet.

Nach insgesamt 56 Minuten hat „PrimaCom Leipzig“ gewonnen – vorläufig. Ich gebe auf. Mein Internet schleicht weiterhin, das Telefon ist unbenutzbar, weil, wie wir alle wissen oder uns zumindest schemenhaft erinnern, der besagte Service nicht vorhanden sei. Dass mich mittlerweile erste Mordgedanken ankommen wird mir der eine oder andere sicher nachsehen.

Vor meinem geistigen Auge sehe ich schon die Schlagzeile in meiner Heimatzeitung

„Callcentergeisel schlägt zurück – 2 Schwerverletzte in Callcenter“

und daher hier der fiktive Bericht:

Leipzig, den 18. Dezember 2011

Nachdem der Kleinunternehmer Heinz W. erfolglos 56 Minuten in einer Hotlinewarteschleife verbrachte und dabei einen Gesamtbetrag von fünf Euro und vier Cent verbrannte, schlug die Callcenter-Geisel zurück. Ausgerüstet mit einer Pumpgun, einer Axt, einer Machete und einem Sturmgewehr AK-47 stürmte er in das Callcenter der „PrimaCom Leipzig“ um sich für die außergewöhnlich schnelle Bearbeitung seiner Bitte nach einer Entstörung seines Internetanschlusses auf seine Art zu bedanken.

Der ihm entgegentretende 1-Euro-Wachdienst-Praktikant wurde von Heinz W. kurzerhand mit dem Gewehrkolben in einen Kurzschlaf versetzt.

Mit den Worten „Jetzt ist die Zeit der Dekabristen gekommen.“ stürmte er sodann in das Büro der „PrimaCom“ Geschäftsleitung und bearbeitete die Büroeinrichtung mittels seiner Pump-Gun wobei er fortwährend etwas von einem „Tankerkönig“ und dem Liedermacher Hannes Wader schrie.

Erst nachdem Spezialeinsatzkräfte der Bundespolizei den Eindringling mittels Elektroschocker kampfunfähig gemacht hatten entspannte sich die Situation. Heinz W. wurde nach kurzem Klinikaufenthalt dem Haftrichter zum Erlass eines Haftbefehls vorgeführt. Der Richter entließ den Beschuldigten bis zum Beginn einer eventuellen Hauptverhandlung mit der Auflage sich umgehend einen neuen Internetserviceprovider zu suchen. Wie weiterhin zu erfahren war, wird die Anklage auf „versuchten groben Unfug mit möglicherweise angedachter Körperverletzung“ erhoben werden. Da der zuständige Haftrichter selber in der letzten Woche 2 Stunden und 45 Minuten in Hotlinewarteschleifen anderer Anbieter zugebracht haben soll, ist eher mit einer Einstellung des Verfahrens gegen Zahlung einer Geldbuße an den „Callcenter-Opfer-Fonds“ zu rechnen. Präsident des Opferfonds ist der weithin bekannte Journalist Gernot Hassknecht vom Sender Al Jazeera, der mit seinen sachkundigen, objektiven und dezidierten Gastkommentaren in der „Heute-Show“ ein weites Publikum erreicht.

Genug der Satire. Was bleibt?

Es ist Sonntag, der 19. Dezember 2010. Der technische Service der „PrimaCom Leipzig“ hat sich ins wohlverdiente Wochenende verdrückt. Ab 22.00 sind alle Schotten dicht erfährt man unter 01805 … „Next start Monday“, neuer Start, neues Glück und … Geld in die Kassen der PrimaCom.

Was bleibt weiterhin? Verbranntes Geld und irgendwie das Geschmäckle von Betrug (§ 263 StGB) oder Ähnlichem. Jedenfalls über den Tisch gezogen fühlt man sich in jedem Fall. Wenn es täglich nur 10 Kunden so geht wie mir, dann sind das schon mal 50 Euro for nothing, mal 220 Arbeitstage = 11.000.- Euro im Jahr, Geld das mit einer Luftnummer generiert wird.

Ok, das ist nicht ganz die Preisklasse derer die ihr Geld seinerzeit der Lehmanns Bank anvertraut haben und heute den Satz „Sie haben das Geld, wir die Erfahrung – morgen ist es anders herum“ mit ganz anderen Augen betrachten, aber immerhin. Wer den Pfennig nicht ehrt, das wußte schon meine oben zitierte Großmutter, der sei des Talers erst recht nicht wert.

Man kann ruhigen Gewissens davon ausgehen, daß die Dunkelziffer der in einer Hotlineschleife „Ertrinkenden“ erheblich höher ist. Kein schlechter Zuverdienst für die „PrimaCom Leipzig“, und so einfach.

Vielleicht sollte ich auch einfach eine Hotline aufmachen. Schon das Herunterbeten von „wenn Sie … dann drücken Sie …“ durch eine Maschinenstimme bringt mal locker so eben 27 bis 36 Cent. Geht man dann davon aus, daß es Zeitgenossen gibt die dem Ganzen nicht so schnell folgen können, dann kann man von einer erheblichen Anzahl von „Mehrfachwählern“ ausgehen, also weiteres „Money for nothing“. Wenn man dann die Anrufenden irgendwann auch noch auf „Tüt-Tüt“, also eine abgestorbene Verbindung setzt, so wie es mir heute auch noch passierte, dann sollte es doch mit dem Teufel zugehen wenn man nicht zu Günter Jauch gehen muß um Millionär zu werden, sondern wenn man einfach nur die Roboterstimme das Geld einsammeln läßt.

Ich weiß, wir alle sind Menschen und wir alle machen Fehler, irgendwo habe ich diesen Satz schon einmal gehört und vielleicht sogar selbst gesagt. Niemand ist unfehlbar, selbst der Papst soll da – entgegen seinen eigenen Ansichten – keine Ausnahme sein. Und so sehe ich im Geiste schon schon das vorsorglich aus „liebevoll zusammengestellten Textbausteinen“ erstellte Entschuldigungsschreiben vor mir.

Das sieht dann in etwa so aus:

Geschäftsleitung der PrimaCom Leipzig

Adresse blah blah

Herrn

Heinz W.

…..

Sehr geehrter Herr W.

Wir bedauern zutiefst daß es Unstimmigkeiten und kurzzeitige Schwierigkeiten gab unseren technischen Service in angemessener Zeit zu erreichen.

Kommentar: „Wir bedauern“?

Ja höre ich recht? Nichts bedauert Ihr, nicht einen Jota. Ihr habt das sog. Kundenbetreuungssystem genau so gemacht. Und dabei habt Ihr Unmengen von Gehirnschmalz darauf verwendet daß der Kunde im Zweifel erst einmal zahlt und eben keinen realen Mitarbeiter ans andere Ende der Telefonleitung bekommt, ungeachtet der Tatsache ob sein Problem gelöst wird oder nicht.

Wenn Ihr etwas „bedauert“ dann wahrscheinlich nur die Tatsache daß diese Milchkuh „Hotline“ in nicht allzu weiter Ferne per Gesetz geschlachtet werden wird (wenn und soweit Eure Lobbyisten nicht vorher noch ein paar „Mövenpicker“ umkaufen .. äh umstimmen können).

Unser Unternehmen bemüht sich stets und stetig unseren hochqualifizierten und nach ISO 9000 zertifizierten technischen Kundendienst zu verbessern. Daher werden zwecks Qualitätssicherung auch mit Zustimmung des Kunden Telefonmitschnitte erstellt, an Hand derer unsere Mitarbeiter fortwährend geschult werden. Sicher gibt es hier noch Potentiale die Herausforderung der Qualität zu verbessern.

Kommentar: Ihr schneidet Telefonate mit und teilt das auch am Anfang der Ansage Eures Blech-Trottels mit, wie schön. Aber der Kunde muß „Nein“ dazu sagen wenn er nicht will, daß er ein zufälliges Unterrichtsmaterial für die Ausbildung geringentlohnter Callcenter Mitarbeiter wird. Sagt er das nicht wird eben aufgenommen. Was würdet Ihr sagen wenn man Eure Telefonate, die der Geschäftsleitung z.B. aufnehmen würde und das nur unterbinden würde wenn Ihr bei jedem Telefonat einzeln widersprecht?

So, fortwährende Ausbildung laßt Ihr Euren Mitarbeitern angedeihen? Sehr gut, nur hat das Fortwährende seinen Grund nicht in Eurer vermeintlichen Sucht nach stetiger Verbesserung (Kaizen) sondern ist der Tatsache geschuldet, daß Mitarbeiter in prekären Arbeitsverhältnissen eben häufig die Stelle wechseln, m.a.W. wer mehr zahlt bekommt mich. So einfach ist das. Es handelt sich daher bei Euch auch nicht um eine Qualitätsoffensive sondern um das immer wiederkehrende Neuanlernen von neuen geringentlohnten Mitarbeitern.

Ob Sie sich bemühen Ihren technischen Service „stets“ a jour zu halten kann ebenfalls auf sich beruhen. Jeder angehende Jurist spätestens im dritten Semester, der nicht nur ein guter Jurist ist sondern darüber hinaus auch sonst mit mäßigem Verstand begabt ist, wird Euch sagen was der Ausdruck „steten Bemühens“ in Wirklichkeit bedeutet.

Ich denke Ihr habt auch so etwas wie eine Personalabteilung – sorry, Human Ressource Management heißt das ja heute. Euer Human Ressourcer wird Euch dann nämlich erklären, daß unter Eingeweihten die Formulierung des „steten Bemühens“ nicht mehr und nicht weniger bedeutet als daß der Kandidat es einfach nicht packt, m.a.W. es sich um eine Flasche handelt derer es sich schnellstens zu entledigen gilt. Nichts anderes kann für Euren „stets und stetig“ qualifizierten sog. Service gelten und mit ihm die dafür verantwortlichen Mitarbeiter, dabei zuvörderst die Mitarbeiter der Geschäftsleitung.

Es gibt noch Potentiale um die Herausforderungen der Qualität anzugehen? Wenn mich etwas stört, und das merkt Euch sehr sehr gut, dann ist es das „unverdaute“ Übernehmen anglo-amerikanischer „Blasensprache“. Ihr habt keine Herausforderungen vor Euch, sondern Ihr habt – und da liebe ich die ungebügelte Sprache meiner Großmutter, Gott hab sie selig – massive Probleme. Und die solltet Ihr schleunigst angehen.

Ach was, stimmt gar nicht, Ihr habt keine Qualitätsprobleme. Ein Problem mit der Qualität setzt nämlich voraus, daß Ihr überhaupt eine Qualität habt. Wer den Kunden aber so im Regen stehen läßt, dem wird man schwerlich „Qualität“ als in dem Unternehmen existierend zubilligen können.

Warum erinnert mich alles bei Euch zunehmend an die Partei-Bonzen-Sprache des ehemaligen Ostblocks. Wo immer man da seinerzeit hinsah, da schallte einem die Parole von der „Stetigen Vervollkommnung der Lebens- und andere Verhältnisse, sowie der Vervollkommnung des Angebots an Konsumgütern“ entgegen.

Was hieß dieser SED-Sprech in Wirklichkeit? Jemand der in der DDR seinerzeit gelebt hat oder der tieferen Einblick in die Lebensverhältnisse in der DDR hatte, der wußte, daß man kaum etwas „vervollkommnen“ kann was nicht da ist. Nur in der Propaganda konnte man das. Mit den hinlänglich bekannten Resultaten des 9. November 1989 als selbst dem Letzten klar wurde daß der Kaiser keine neuen Kleider hatte, sondern schlicht nackt war.

Und so seid Ihr mit Eurem Blasensprech und Neudeutsch 1a-Nachfolger der SED und DDR-Propaganda, nur eben „freier und marktwirtschaftlicher“.

Zertifiziert seid Ihr auch? Na toll. Aber das interessiert mich nur am Rande wenn überhaupt. Ergänzend sei angemerkt, daß unter Zertifizierungsexperten bekannt ist, daß eine Zertifizierung nach ISO 9000 wie sie immer wieder ölgötzenartig einem Mantra gleich vorgetragen wird, nichts, aber auch rein gar nichts über die Qualität eines Produktes oder einer Dienstleistung aussagt. ISO 9000, ebenso oft wie falsch zitiert, bietet nämlich nur eine Gewähr dafür, daß der Prozess zur Erbringung der Dienstleistung oder Herstellung eines Produktes umfassend dokumentiert wird. M.a.W. mittels ISO 9000 kann man auch Schwimmwesten aus Stahlbeton mit Zusatzbleibehang zertifizieren soweit nur der Herstellungsprozess minutiös dokumentiert ist. Ob solche Schwimmwesten sinnvoll sind wage ich zu bezweifeln.

Das weitere Blah Blah Eurer Briefe, die Ihr wahrscheinlich nach Feierabend brüllend vor Lachen von kleinen Gruppen ausarbeiten laßt, erspare ich mir. Von dem Kakao durch den Ihr uns zieht muß ich ja nicht auch noch saufen, das wäre zuviel der Ehre.

Nur eine Bemerkung sei mir noch zum Abschluß gestattet. Ja, Euer Mittwettbewerb ist kaum besser als Ihr, viele sind sogar noch schlimmer. Aber wir, die Kunden, halten Euren Laden, und damit auch die Gehälter des einfachen Mitarbeiters bis zum sog. „Leistungsträger“ – aus was besteht eigentlich dessen Leistung? Aus einem funktioniorenden technischen Service jedenfalls nicht – am Laufen.

Ihr könnt Euch viel erlauben, aber lange machen das viele jedenfalls dann nicht mit, wenn es alternative Angebote gibt. Vielleicht wird es die nicht gleich morgen geben. Aber ich würde mich nicht darauf verlassen, daß es sie überhaupt nicht geben wird.

Ich für meinen Teil habe daraus nur gelernt. Gelernt habe ich, daß der alte russische Spruch „Der Geizige zahlt zweimal“ auch heute noch seine Berechtigung hat. Ja, Qualität – und nicht vorgespiegelte Qualität – hat seinen Preis. Wir werden nicht alles für lau bekommen.

„There is no free lunch on earth“ bewahrheitet sich. Und der Satz daß der der „mit Erdnüssen zahlt  Affen als Mitarbeiter bekommt“, auch dieser Satz ist richtig.

Ich für meinen Teil werde die nutzlosen Aufwendungen für Hotline-Telefonate jedenfalls von der Rechnung abziehen, inkl. einer Bearbeitungspauschale, denn es ist meine Zeit die sich PrimaCom Leipzig so mir nichts Dir nichts unter den Nagel reißt.

In diesem Sinne schon einmal einen schönen 4. Advent.

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Ich kann es nicht mehr hören. Wenn Nachrichten aus Russland in westlichen Medien kolportiert werden, sorry, in der Regel würde ich das was da in den Medien erscheint kaum als Bericht qualifizieren können, dann ist es die ewige Leier.
Zusammenfassend kann man sagen, „Russland das Land des Bösen“.
Meist sind es „Berichte“ von Journalisten, die sich im Zweifel mal für einige Tage hinaustrauen aus dem „kuscheligen Moskau“, das sich in nichts mehr von einer westlichen Großstadt unterscheidet. Wenn sie heimkehren hören sich ihre Berichte eher an wie die Berichte aus WW II, weniger als Berichte über ein Land das sich noch immer unter schwierigsten Bedingungen bemüht die wichtigsten Probleme wie Arbeitslosigkeit, Armut, innere Konflikte und den Aufbau der Wirtschaft in den Griff zu bekommen.Ok, ich gebe zu, recherchieren ist aufwendig und teuer und die und die Redaktionsschlußzeiten gilt es einzuhalten.
Kaum einen Unterschied zu diesen Berichten macht da auch ein Bericht in „SPIEGEL Online“ von heute. Unter der Überschrift „Wie der Kreml Moskaus größten Strippenzieher abserviert“ schreibt der SPIEGEL über die Probleme des Moskauer Bürgermeisters Luschkow und seiner Frau Elena Baturina.
Schöner noch jedoch als der Artikel, der im Ton „gemäßigter Kremlastrologie“ gehalten ist, sind mitunter die Kommentare der in der Regel von jeglicher Sachkenntnis befreiten Leserschaft.. In den Kommentaren zu dem Artikel fand sich auch der von mir nachstehende verkürzte Kommentar. Verborgen unter seiner selbstverordneten „Bewußtseinsburka“ schreibt der Kommentator über den russischen Premierminister Putin in bester „Kalter-Kriegs-Manier“:
„Sofort jedoch war mir aufgrund seiner Visage klar, daß Putin ein Verbrecher ist. Ich hab‘ das allen meinen russischen Bekannten gesagt, daß Putin ein gefährlicher Mann ist. … „
Oh Gott, was war das denn? Ja, Putin ist ein gefährlicher Mann, gefährlich für all die, die noch immer meinen Russland als „Private Schatzkiste“ nutzen zu können und sich zu bereichern wie immer sie es auch wollen. Genau für die ist er gefährlich. Er ist auch gefährlich für die, die Demokratie mit „Chaos und Anarchie“ verwechseln.
Jeder macht was er willNicht gefährlich ist er für die, die am weiteren Aufbau Russlands interessiert sind. Nicht gefährlich ist er für „Ivan Ivanovich“ Normalrusse. Die Konsololidierung Russlands nach den zügellosen sog. „demokratischen“ Jahren der Jelzinära, die Überwachung und im Zweifel Abberufung der sich selbst als ungezügelte Herrscher verstehenden Gouverneure, prokatives Handeln wie z.B. beim Konflikt um Südossetien, der letztliche Aufstieg Russlands in die G8-Gruppe, all das sind Resultate der Putin-Präsidentschaft und eines Premierministers Putin.
Fragt man mal einen Normalbürger in der russischen Provinz was er von Putin hält, so werden die Antworten unterschiedlich ausfallen. In der Mehrheit aber wird man positive Antworten hören. Ja, der Stern Putins ist auch nicht frei von Flecken und Makeln. Als jemand der fast ständig in Russland (nicht in Moskau!!!) ist, weiß ich wovon ich rede.Er ist auch kein „lupenreiner Demokrat“ und ja, er vertritt eine offensive Aussenpolitik Russlands. Und wie würde der Berliner OB sagen? „Und das ist gut so.“
Das macht ihn mir im Gegensatz zu „aussitzenden“ Regierungschefs auch sehr sympathisch. Er mag auch falsche Entscheidungen treffen, aber er trifft sie wenigstens und wartet nicht auf „NRW-Wahlen“ um dann mit einem entschiedenen „Möglicherweise, schaun ma ma“ usw. usf. im gehabten Trott weiterzumachen.
Nach meiner Einschätzung war und ist Putin bei allen seinen Mängeln „der richtige Mann zur richtigen Zeit am richtigen Platz“, eine Einschätzung, die ich angesichts der derzeitigen deutschen Gelbs-Shwarzen Koalition über Kanzlerin Merkel nicht sagen könnte. In Russland gibt es sogar ein Lied über Putin. Man mag darüber aus westlicher Sicht lächeln. Aber kennt hier irgendjemand einen Song der heißen könnte „Ich will ne Frau wie Merkel??“
Christi-Erloeser-kathedrale in MoskauAuch der Moskauer Bürgermeister Luschkow hat seine Meriten um den Aufbau Moskaus. Dazu zählt u.a. der Wiederaufbau der Christi-Erlöserkathedrale. Der Nachdruck der dabei beim Spendensammeln innerhalb der Moskauer Business-Community gemacht wurde zählt zwar kaum zu den Glanzstücken demokratischen Verhaltens, aber, die Kathedrale steht wieder.
Luschkow hat zahlreiche Fehler gemacht, so u.a. seine Liäson mit dem Künstler Zereteli, den Schöpfer der gigantischen Statue Peters des Großen, die die Moskauer spöttisch „Terminator“ nennen. Der "Terminator", die Statue Peters des Grossen am Ufer der MoskvaDer entscheidende Fehler Luschkows heißt wohl „Baturina-Connection“. Luschkow ist jetzt wohl eher ein Relikt des „Nachwende-Russlands“. Und von diesen Relikten gibt es noch mehr als genug, leider. Die jetzige „Fürsorge“ des Kemls verstehe ich daher nur allzu gut. „The times they are a changing“, sang schon Bob Dylan. Es wird Zeit dass Moskau von einem Mann Medvedews geleitet wird und der sich ernsthaft den drängenden Problemen Moskaus stellt. Dazu zählen der Bau erschwinglichen Wohnraums und nicht zuletzt der überquellende Autoverkehr der Moskaus Straßen verstopft.

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Über das Einkaufen in Russland habe ich schon desöfteren geschrieben. Das traditionelle Einkaufen in Läden alter Prägung, die man heute in größeren Städten nur noch selten findet, geht wie folgt vor sich:

Man geht zum Tresen, sagt der Verkäuferin was man benötigt, die holt die Ware, wiegt sie ggf. ab und nennt den Preis. Den schreibt man sich auf ein kleines Stück Papier das man meist in einem Zettelkasten findet. Hat man alles zusammen – zumindest in dieser Abteilung – geht man entweder in eine andere Abteilung wo sich das Spiel wiederholt, oder man geht zur Kasse.Abakus, Russian computer

Dort sagt man erst aus welcher Abteilung man kommt und liest dann die Preise vor, die die Kassierin dann in  die Kasse eintippt. Mit dem Bon geht man zurück zur Verkäuferin, die prüft alles und gibt einem dann die Waren. Soweit, so gut. Mittlerweile gibt es aber zumindest in den größeren Städten Läden westlicher Prägung mit Einkaufswagen und das Prozedere folgt dem auch bei uns bekannten Muster.

Im Supermarkt meines geringsten Mißtrauens habe ich mich mittlerweile in die Feinheiten des russischen Einkaufs eingearbeitet.

Da ist zunächst die Krux mit der Packungsgröße. Früher habe ich frohgemut alles in den Einkaufswagen gelegt. Heute schaue ich zunächst einmal auf die Angabe der Packungsgröße. Packungen denen man gut und gern einen Inhalt von einem Liter zutraut erweisen sich in der Praxis als 950 Mililiter-Packungen, so z.B. bei Milch und Fruchtsaft. Wie allgemein bekannt, macht Kleinvieh ja auch Mist. Hier 50 Mililiter weniger und dort 30 Gramm weniger … Wer denkt „typisch Russland, eben Betrüger und Mafiosi“, dem sei ein Blick auf die Verhältnisse in Deutschland ans Herz gelegt. Da sieht es nämlich auch nicht rosiger aus.

Immer wieder aber schaue ich in die Regale um Neues zu entdecken und ab und zu gelingt das auch. Da gab es schon Wodka im aluversiegelten Plastikbecher für die denen das Aufschrauben einer Flasche zu langatmig war. Mittlerweile sind solche Eskapaden Teil der Vergangenheit. Aber das findige russische Unternehmertum erschließt immer wieder Marktlücken die es zu stopfen gilt.

Gab es schon vor langen Jahren die Überraschungseier einer bekannten Marke, so gibt es jetzt das „spezielle Überraschungsei der russischen Art“. Damit ist nicht die russische Firma gemeint, die eine russische Variante des westlichen Überraschungseis auf den Markt bringt. Handgranatenattrappe für die lieben KleinenGemeint ist eine Fabrik die die Bonbons den kleinen Kunden in der Verpackungsform einer Handgranate anbietet. Das Wunderwerk ist für rund zwei Euro zu haben und beinhaltet neben Süßigkeiten auch einen Spielzeugsoldaten zum Zusammensetzen für den Nachwuchs. Das Erzeugnis nennt sich „SpezNas“, was soviel wie „Spezialtruppe“ bedeutet.

Nun ist das Verhältnis der Bevölkerung zur Armee hier ein ganz anderes als in Deutschland. Zahlreiche Ehrentage für die Angehörigen der Streitkräfte, so der Tag der Luftlandetruppen z.B. der im August begangen wird, gehören zum normalen Alltag. Auch öffentliche Paraden werden ohne die in Deutschland gewohnte Scheu veranstaltet.

Aber ob man deswegen auch gleich Handgranatenattrappen im Supermarkt verkaufen muß die jeden Flughafen innerhalb von Minuten zum Chaoshaufen werden lassen können? Ich habe da meine Zweifel.

P.S. Es gibt zumindest in der ukrainischen Hauptstadt Kiew auch Salzstreuer in Handgranatenform im Angebot, aus denen man, nach „Abzug des Sicherungsstiftes“ Salz streuen kann, wirklich sehr sehr komisch, oder nicht?Salzstreuer-Handgranate aus Kiew

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So manch einer hat ein Postbankkonto oder eine Postbankcard. Mit Hilfe dieser Karte kann man an Postbankautomaten gebührenfrei Geld abheben. Die Prozedur ist bekannt, Karte einschieben, Zugangscode eingeben, Geld abheben. Das war es.

Zusätzlich kann man auch seinen Kontostand abfragen, wie praktisch. Postbankautomat AuswahlmenueAber da war der Programmierer wohl weniger sorgfältig und zu meinem Erstaunen, die Prozedur eine andere.

Karte rein, soweit so gut. Dann erscheint ein Auswahlmenue. Also flugs „Kontostand“ ausgewählt, Knopf gedrückt und …

Wer jetzt erwartet dass der Automat seine Informationen nur nach Eingabe der Zugangsnummer preisgibt, der hat sich geirrt. Der Automat, von unstillbarem Mitteilungsbedürfnis getrieben, zeigt den Kontostand auch ohne eine solche Schutzmassnahme an. Datenschutz ? Fehlanzeige. Hoffentlich fällt meine Karte nicht einmal Dritten in die Hand.

Und so sieht das in der Praxis aus:

Postbankautomat sehr mitteilungsbeduertig

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Ich bin Leser der sog. „Joe-Liste„, der Liste für „Junge Osteuropa Experten“. Na ja, mit dem Jungsein habe ich mit meinen fast 58 Jahren so meine Schwierigkeiten. Desungeachtet ist die Liste aber ein wertvoller Bestandteil meiner Arbeit. Viele Neuigkeiten und Tipps kann man hier finden. Zunehmend finden sich neben Stellenangeboten ebenfalls „Praktikumsstellen“. Ehrlich gesagt kann ich das Wort „Praktikum“ schon nicht mehr hören oder lesen. Zumeist verbirgt sich hier das Angebot „mal eben ein wenig zu malochen“, entweder für eine „Aufwandsentschädigung“, wenn es sie denn gibt, oder zunehmend auch einfach „für lau“,“nada“,“nichego“, m.a.W. für Nix.

Ich kann verstehen, dass insbesondere kleinere Firmen ihren Mitarbeitern in den Anfängen keine Riesengehälter zahlen können. Ich verstehe auch, dass Praktika einen Einstieg in die Berufswelt bieten können, wobei die Betonung auf „können“ gelegt wird. Insbesondere das damit verbundene Networking kann im weiteren Verlauf der Karriere-Entwicklung hilfreich sein, muß es aber nicht zwangsläufig. Demzufolge wäre es schön wenn dem „Praktikanten“ wenigstens eine Anerkennungsvergütung für seine Arbeit gezahlt würde.

Denn um die Erbringung von Arbeitsleistung, nicht um Kenntnisvermittlung, dem eigentlichen Ziel eines Praktikums, handelt es sich in der Regel. „Wirkliche Praktikanten“ werden hingegen unter die Obhut eines internen Mentors gestellt, der dem Praktikanten etwas beibringt. Jedenfalls sollte das so sein.

Aber, wie man sieht, kann man vorab seine eigenen Anforderungen an den „Praktikanten“ ins Uferlose treiben, während man sich selbst mehr als bedeckt hält. Hier ist also das ach so vorteilhafte Angebot:

Marketing and Business Development Intern(ship) in Bucharest

Deadline: April 16, 2010

Romanian-German expat services company City Compass is offering an
internship in Bucharest, Romania. Applicants should have excellent
English communications skills, and be highly motivated to work in the
service industry. The internship is open to current university
students and graduates alike for a period of 4-12 months. For current
students, only those in their second year (for three-year programs)
and in their third (for four-year programs) will be considered;
exceptions may be made for outstanding students with a recommendation
from their program director.

Applicants with previous experience working/living abroad, or who
have studied business, web design, or a related field are strongly
encouraged to apply. The intern will develop their skills in a
dynamic, young company in a developing economy in Eastern Europe.
This offers interns the opportunity to take on responsibilities and
learn skills that are usually only offered to employees in Western
Europe: working on projects with clients from international
corporations, the creation of new marketing strategies, and the
chance to meet and network with highly influential people are a few
of the fringe benefits of interning with City Compass in Bucharest.

Requirements:

Applicant must be a university graduate or student in business,
marketing, economics, Eastern European studies, IT&C, or related
field. Excellent written and spoken English are required; German or
Romanian language skills are a bonus but are not essential.
Applicants with foreign experience are strongly preferred. The ideal
applicant is a very dependable ‚people person‘ who is adept at
networking.

Responsibilities:

Must be able to work effectively with a wide variety of Romanian and
international clients; will handle basic content management for
website (experience preferred but not required), marketing materials,
and bi-weekly newsletter; secretarial tasks including expedient and
professional email response, filing, telephone answering, etc;
organisational assistance with the company’s services including
workshops, tours, and events; Sales activities with incentives also
available.

Compensation:

This internship does not offer compensation. Students must be grantees
(Leonardo, Erasmus, etc.), or have adequate provisions to cover the
entire length of the internship. Verification of this status must be
submitted when an official offer for the position is accepted.
Assistance in finding accommodations and transport are available.
There are, however, sales incentives as well as financial support with
Romanian language classes.

To Apply (Deadline April 16, 2010):

Interested students should send a description of their internship
requirements (Leonardo, Erasmus, or other programme specifics), a CV
(including a detailed description of their current area of study) and
a short motivation letter to…

Um es richtig zu verstehen, niemand will sinnvolle Praktika madig machen. Aber ein Praktikum sollte gewissen Mindestanforderungen genügen. Dazu zählt nach meiner Ansicht u.a.

  • Eine angemessene Entlohnung
  • Ein Praktikaplan (was soll er Praktikant erlernen? Wer ist der tägliche Ansprechpartner?)

Bei Praktika im Ausland:

  • Wer trägt die An- und Abreisekosten und die Unterkunftskosten?
  • Krankenversicherung
  • Visakosten und und und ..

In vielen „Praktikaangeboten“ sehe ich solche Minimalerfordernisse nicht erwähnt. Da wird nur von den Anforderungen an den Bewerber geredet. Ein Praktikum als Überbrückung zwischen Studium und angestrebtem Berufseinstieg mag sinnvoll sein. Ich als künftiger Arbeitgeber aber würde nachhaken.

  1. Wo hat er / sie gearbeitet?
  2. Wie sah der Praktikumsplan aus?
  3. Was kam bei dem Praktikum raus? was wurde gelehrt und gelernt?
  4. Wer war der Mentor?
  5. Und, was hat er / sie als Entlohnung bekommen?

Würde sich bei mir ein „unbezahlter Praktikant“ von ehedem vorstellen gäbe es für mich nur zwei Sachen zu prüfen:

Erstens:  Kann der Bewerber ökonomisch denken? Offensichtlich nicht allzu sehr, denn er „verschenkt“ seine eigene Arbeitsleistung.

Und Zweitens: Wieso sollte ich ihm ein höheres Gehalt zahlen? Er / sie hat doch schon so bewiesen dass man mit wenig auskommen kann und wohl auch zufrieden zu sein scheint. Falls nicht, muß er ja nicht bei mir anfangen. Die Liste der „Zero-Salary-Willigen“ füllt sich unter den Bedingungen der Krise sicher auch so schnell genug um einen Dummen zu finden der für „lau“ malochen wird.

Das klingt bösartig, soll aber nur auf Folgendes hinweisen: Wer „für lau praktiziert“ ebnet den Weg den Firmen, die im Zweifel bei ihren Arbeitskräften wieder und wieder auf „Praktikanten“ zurückgreifen werden. Warum sollten sie es nicht tun? War doch erfolgreich das Modell „unbezahlter Mitarbeiter“. Na dann, weiter so.

Und last but not least sollte sich der „Zero-Budget-Praktikant“ die Frage stellen, ob er / sie nicht gerade seinen möglichen Arbeitsplatz vernichtet hat, nämlich den, den die Firma in Zukunft immer wieder „für lau“ mit wechselnden „Praktikanten“ besetzt. Wer das nicht will und sich nicht in die Reihe der „Ewigen Praktikanten“ einreihen will, dem sei geraten diese Art von „Angeboten“ in Zukunft zu ignorieren. Sonst gehört er / sie bald nicht zur „Generation Praktikum„, sondern zur „Generation Prekär„.

Wie heißt es doch so schön in der Welt des Vertriebs?

„Jeden Morgen steht ein Dummer auf, man muß ihn nur finden“.

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