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Ein Beitrag des ZDF Magazins Frontal21! vom 13. September 2011 zeigt wieder einmal was ich bei meinen Einkäufen in Rußland schon länger vermutet habe. Rußland scheint nach Ansicht manch eines westlichen Industrieunternehmens der „Abfalleimer“  zu sein, mit dem man nach Belieben verfahren kann, alles nach dem Motto „Mit Rußland kann man’s machen.“

Wenn Waren nach Russland exportiert werden, dann kann man auch mal Fünfe gerade sein lassen. Ob giftiges Spielzeug aus China, abgelaufene Medikamente die umettiketiert werden und dann, oh Wunder wieder wirksam sind oder eben „aufgepumpte“ Hähnchen aus Deutschland, egal, ist eh nur für den Export  und gut genug für „die Russen“.

Worum geht es? Es geht darum daß eine deutsche Tochter des französischen Konzerns „Doux“, was übrigens „Süß“ heißt, die Guts-Gold GmbH aus Grimmen in Mecklenburg-Vorpommern, Hähnchen, die für den Export bestimmt waren, ein wenig gewichtsmäßig „gepimpt“ hatte, soll heißen, die Hähnchen wurden so mit Wasser behandelt dass sie selbst nach ihrem Ableben erstaunlicherweise noch an Gewicht „zunahmen“.

Das wundersam zunehmende Hähnchen kommt nicht nur in Rußland vor und es müssen auch nicht immer Hähnchen sein. Jedermann kennt das Problem. Man legt ein hinreichend großes Schnitzel z.B. in die Pfanne und das gute Stück dampft innerhalb weniger Minuten auf kaum mehr als Briefmarkengröße zusammen. Das Geheimnis ? Wasser. Und so eben auch bei diesen Hähnchen die ja „eh nur für den Export“ waren. Bei solch einer Nachbehandlung der Hähnchen handelt es sich um die Erschleichung von EU Subventionen. Die EU subventioniert den Export landwirtschaftlicher Produkte und für die Höhe der Subvention ist eben u.a. das Gewicht entscheidend.

Mal abgesehen davon, dass diese Subventionen den Steuerzahler Unmengen an Geld kosten, darauf will ich hier mal nur beschränkt eingehen, finde ich es eine ungeheure Schweinerei jeden „Rotz“ nach Rußland zu schicken mit dem Hinweis daß sei für „die gut genug.“ Sind „die“ Menschen zweiter Klasse? Meint man mit „denen“ mal kurz die „Schnelle Mark“ machen zu können?

Wer will noch Pensionsnachschlag?

Wer will noch Pensionsnachschlag?

Viele Menschen in Rußland haben heute noch einen Lebensstandard der weit unter dem ist was man in Deutschland darunter versteht.  Einkommen von umgerechnet 250 bis 300.- Euro monatlich sind in Regionen außerhalb der Ballungszentren Moskau und St. Petersburg keine Seltenheit. Daher achtet die russische Hausfrau zuerst einmal auf den Preis. Und Geflügel, insbesondere Importgeflügel ist oftmals billiger als Schweinefleisch oder gar erst Rindfleisch. Diese Einkommen erklärt auch die Popularität des Imports von Geflügelteilen aus den USA nach Rußland, die seinerzeit bei den Russen als „Noshki Busha“ – Bushs Beinchen – bekannt waren. Sie waren preiswert für die russische Hausfrau und all die, die in Rußland nicht an übervollem Geldbeutel litten. Und darum griff der russische Verbraucher zu.

Die subventionierten Importlebensmittel sind zudem oftmals auch noch billiger als einheimische Ware und machen es so russischen Produzenten schwer sich am Markt zu behaupten. Aber Gott sei Dank gibt es mittlerweile auch russische Geflügelproduzenten die dem Ansturm westlicher Waren stand halten. Die Geflügelfarm „Verkhni Volzhskij Ptitse Fabrika“ beliefert den Oblast Tver mit frischem und gefrorenem Geflügel und die dort produzierten Hähnchen heben sich geschmacklich positiv von dem ab, was dem russischen Verbraucher da sonst noch als „toter Broiler“ in den Tiefkühltruhen der örtlichen Supermärkte angeboten wird.

Rentnerin im Supermarkt

Rentnerin im Supermarkt

Wie dem auch sei, ich finde es eine Sauerei diejenigen die eh nicht soviel in der Tasche haben auch noch mit „gepimpten Hähnchen“ über den Tresen ziehen zu wollen. Was kann  man dagegen aus russischer Sicht tun? Nun, ich bin nicht die russische Regierung. Aber wenn ich das wäre was würde ich tun?

Ich würde den Landesoberveterinär, Herrn Anishshenko in die Spur setzen und von ihm ein völliges sofortiges Importverbot für EU Geflügel unter Hinweis auf die zweifelhaften Praktiken der „Doux“-Gruppe verhängen lassen. Dieses sofortige Einfuhrverbot würde ich auch umfassend mit Gründen im Westen kommunizieren.

Sollen sich doch die anderen Geflügelproduzenten bei der französischen Firma „Doux“ bedanken ür das Importverbot bedanken, unter dem dann alle zu EU Geflügelproduzenten zu leiden haben werden.  Ich bin sicher der EU-interne Druck und der Druck der Konkurrenten würde die Verantwortlichen bei „Doux“ und deren Töchtern schon hinreichend disziplinieren.

Ich bin mir leider weiterhin sicher dass eine EU interne Aufklärung der Vorfälle kaum zu einem brauchbaren Resultat führen wird. Zu gut ist die Vernetzung von Politik und Lobby auf allen Ebenen. Und falls nicht der Fall ist, dann braucht eine große Firma ja nur mal beiläufig auf den „Verlust von Arbeitsplätzen“ hinweisen um weiteres Vorgehen gegen sie im Keime zu ersticken. Man stelle sich das mal in einer Stadt wie Grimmen im strukturschwachen Meck-Pomm vor. Die Ergebnisse sind, bis hinauf zur Landesregierung vorhersagbar.

Aber es gäbe da eine, m.E. sehr viel wirkungsvollere Methode.

Im Mittelalter waren die Handwerker,  zu denen auch die Bäcker zählten, in gesonderten Zünften organisiert. Diese Zünfte beschränkten einerseits den Zugang zu bestimmten Berufen und schützen die Mitglieder so vor Konkurrenz. Andererseits wachten die Zünfte aber auch darüber, dass ihre Mitglieder die vereinbarten Mindeststandards bei Waren und Dienstleistungen einhielten. Im Falle von Verstößen versuchten sie erst zu einer innerzünftlichen Lösung zu kommen und falls dies nicht gelang, schleppten sie den Missetäter auch einmal vor die weltliche Gerichtsbarkeit.

Die weltlichen Richter wandten zu jener Zeit oftmals das Recht der jeweiligen Stadt an in der die inkriminierte Handlung stattgefunden hatte. Im Falle eines Bäckers der seine Kunden dadurch zu übervorteilen suchte, daß er entweder minderwertiges Brot verkaufte oder Brot das nicht das geforderte Gewicht aufwies, in solch einem Falle gab es im Mittelalter die sog. „Bäckertaufe„. Unter „Bäckertaufe“ hat man folgende Strafe – verkürzt – zu verstehen. Der Deliquent wurde in einen kleinen an einem Kran hängenden Käfig gesperrt und dann wurde dieser Käfig nebst Inhalt entweder in einen Fluß, oder in eine Kloake getaucht. Jedermann kann sich vorstellen, daß das Verlangen der so Behandelten an erneuten Betrügereien zumindest auf absehbare Zeit ziemlich reduziert war. Nun, wir sind nicht mehr im Mittelalter, Gott sei Dank, oder leider, je nach Gesichtspunkt. Solche Strafen fallen also in unserem Fall aus. (Obwohl … könnte ich mir auch ganz gut als „Bankertaufe“ vorstellen, aber ok, das ist ein anderes Thema)

Aber werden wir realitätsnaher. Man stelle sich einmal vor, der russische Generalstaatsanwalt nähme sich dieser Sache ernsthaft an. Man stelle sich weiter vor, es käme gar zur Beantragung eines internationalen Haftbefehls gegen die Geschäftsleitung von „Doux“ und eine Fahndungsausschreibung über Interpol. Man stelle sich schließlich einmal vor, einer der Manager von Doux würde tatsächlich irgendwo bei einem Auslandsaufenthalt, z.B. beim Urlaub in der Türkei, verhaftet werden und an Rußland ausgeliefert werden. Das erstaunte Gesicht eines solchen Mitarbeiters möchte ich sehen, wenn er sich anstatt in dem bisher gewohnten Fünf-Sterne-Feriendomizil plötzlich in der „Lubjanka“ oder der „Matroskaya Tyshina“ wiederfindet und die „russische Gastfreundschaft der besonderen Art“ für zwei bis drei Monate Untersuchungshaft in Anspruch nehmen „darf“. Ich bin mir sicher, das hätte einen anhaltend nachhaltigen pädagogischen Effekt auf den unmittelbar Betroffenen als auch auf eventuelle Nachahmungswillige. Wer daran zweifelt möge mal den Ex-Oligarchen Chodorkovski fragen.

Das wäre Verbraucherschutz in Hochpotenz und das nicht nur im Interesse russischer Verbraucher, sondern auch im letztlichen Interesse derer die mit ihren Steuergeldern zweifelhafte EU Subventionen finanzieren.

In diesem Sinne

Auf dem Dachboden …

oder im Keller findet man beim Herumkramen das eine oder andere dass man fast vergessen hat und das unverdient ein trauriges Dasein fristet. So etwas passierte auch meinem Bericht über eine schon vor längerer Zeit erfolgte Fahrt von Russland in die Ukraine.

Ich finde den Artikel immer noch ganz nett und deshalb will ich ihn niemandem vorenthalten. Und deshalb wird er hier verlinkt. Wer wissen will wie das „gutnachbarschaftliche Verhältnis“ der beiden Staaten in der Praxis aussieht, wer sich hinter dem „Specialagent“ an der russisch-ukrainischen Grenze verbirgt und wie es so mit der Ausschilderung der Strassen in der russischen und ukrainischen Region (ich hasse das Wort ‚Provinz‘ … so herablassend) verhält, der ist bei diesem Artikel richtig.

Viel Spass beim Lesen, ach ja und von Seite zu Seite geht es meist über den Link unten auf den Seiten oder oben im Kopf, wo die einzelnen Kapitel aufgelistet sind.

Ende einer Dienstfahrt, Explorer auf dem Schrottplatz

Ende einer Dienstfahrt

„Tausend mal berührt, tausend mal ist nichts passiert“, diese Zeile aus dem Lied „1000 und 1 Nacht“ von Klaus Lage kennt der eine oder die andere sicher. Klaus Lage zählt zu den Sängern die ich gerne höre, aber das nur am Rande.

Sicher habt Ihr auch schon Sachen so oft gemacht daß Ihr meint das könne man auch im Schlaf erledigen. Die Sache von der ich berichten möchte, die sollte man besser nicht „im Schlaf“ machen, es handelt sich um das „Führen eines Kraftfahrzeugs“ wie es im amtlichen deutschen Sprachgebrauch heißt.

Dem Brauch, mit offenen Augen zu fahren und aufzupassen, hatte ich mich wie immer angeschlossen, als ich am 4. Juli 2011 in der russischen Stadt Tver, wie schon so oft, über die Überführungsbrücke fahren wollte, die die Südvorstadt und das Stadtzentrum verbindet und dabei die Bahngleise der Bahnstrecke Moskau – St. Petersburg überbrückt. Aber an diesem Tag gegen 18.13 sollte alles anders werden.

Die Brücke hat in jeder Richtung zwei Fahrspuren und als ordnungsgemäßer Verkehrsteilnehmer fuhr ich mit Tempo 50 auf meiner rechten Fahrspur Richtung „Südstadt“. „Unverhofft kommt oft“ so lautet das Sprichwort und genauso unverhofft kam das was dann passierte.

Das letzte was ich bewußt sah, war, daß „etwas Graues“ von vorn links auf mein Auto zugeschossen kam. Bremsen? Keine Chance. Dann kam der Aufprall, das Fliegen in den Sicherheitsgurt, dann hatte der Airbag seinen Auftritt.  Wie lange ich danach in meinem Auto gesessen habe bis ich Schmerzen fühlen und einen klaren Gedanken fassen konnte, ich habe keine Ahnung. Irgendwann war es jedenfalls soweit. Mein rechter Fuß schmerzte höllisch und nur langsam kam mir zu Bewußtsein daß mir jetzt einer in mein Auto reingerauscht war.

Ford Explorer nach Stillstand auf der Südbrücke in Tver

Mein Auto nach Stillstand auf der Südbrücke in Tver

Der Wagen hatte einen „ordentlichen Hieb“ abbekommen und das Öffnen der Tür war mehr als mühsam. Von den umstehenden Gaffern kam jedenfalls niemand auf die Idee mal zu helfen. Wie mir ein guter Freund in Deutschland, ein Arzt sagte, gilt das auch für Deutschland, ist also keine Besonderheit der Russen. Schön wäre es aber trotzdem gewesen wenn mir jemand geholfen hätte.

Hilfe nahte dann bald, gefühlt „bald“. Das russische THW (Technisches Hilfswerk), das hier „Ministerium für Zivilverteidigung, Notfälle und die Beseitigung der Folgen von Naturkatastrophen“ heißt, war ebenso zur Stelle wie die örtliche Polizei und zwei Rettungswagen.  Die Mitarbeiter des „MCHS“ ließen sich nicht lange bitten und mit kräftigem Ruck wurde die durch den Aufprall verzogene Tür fachgerecht aufgemacht. Da keine weitere Gefahr bestand, bat mich einer der Mitarbeiter auf dem Sitz zu bleiben. (Was die Mitarbeiter des MCHS sonst noch machen außer verbeulte Fahrzeuge zu öffnen kann man hier sehen).

Die Unfallfahrzeuge

Die Unfallfahrzeuge

Andere Mitarbeiter des „MCHS“ hatten sich in der Zwischenzeit um die Fahrerin des Fahrzeugs bemüht, die mir in mein Auto gefahren war, ein junges Mädchen von 21 Jahren wie ich später erfuhr. Sie war mit Vaters Wagen unterwegs gewesen. Im Gegensatz zu mir hatte sie sich der „guten alten russischen Sitte“ angeschlossen, den Sicherheitsgurt als „irgend etwas das eben im Auto ist, dem man aber keine besondere Aufmerksamkeit widmen müsse“ zu betrachten, m.a.W. sie hatte den Sicherheitsgurt nicht angelegt. Als ich später an Ihrem Fahrzeug gestützt durch einen Rettungssanitäter vorbeihumpelte, konnte ich sehen, daß der Gurt noch fein säuberlich aufgerollt an der sog. „B-Säule“ hing, während ihr Airbag blutverschmiert war.

Merke: Auch in Russland müssen ALLE Fahrzeuginsassen, auch Kinder, mit geeigneten Gurten gesichert werden. Das Nichtanlegen des Sicherheitsgurtes wird als Ordnungswidrigkeit geahndet und ist bußgeldbewehrt, wenn, ja wenn und soweit ein Polizist das machen will. Trotzdem sieht man es immer wieder, daß Mutti oder Oma auf dem Beifahrersitz sitzen, angegurtet oder nicht ist in diesem Falle ziemlich egal, und den „lieben Sohn“ oder die „süße kleine Enkelin“ auf dem Schoß zu sitzen haben, damit der Nachwuchs die Fahrt verbessert durch gute Rundumsicht auch recht genießen kann.

Daß Mutti oder Oma dabei ihre hoffnungsvollen Sprößlinge unfreiwillig dazu nutzen die oft überalterten  Autos russischer Bauart, aber nicht nur die, auch moderne Autos westlicher Fertigung, nachträglich mit „einem unfreiwilligen Airbag oder einem unfreiwilligen Zusatzairbag nachzurüsten“, das erschließt sich diesen Leuten wohl nicht. Entweder wissen sie nicht daß gerade der Beifahrersitz der besonders gefährdete Sitz in Autos ist, oder sie ignorieren einfach die Gefahr in die sie ihre Kinder und Enkel bringen wenn die nicht fachgerecht gesichert im Auto angegurtet mitfahren.

Meine Enkelin sträubte sich anfangs auch gegen den Kindersitz und das Angurten, aber seitdem sie weiß daß Rennfahrer sich auch angurten, seitdem bewirkt der Hinweis auf Michael Schumacher Wunder. Ohne Murren erklettert sie den Kindersitz und „macht den Schumacher“ und weist den Opa darauf hin auch „den Schumacher“ zu machen.

Der Rest ist schnell erzählt. Ein Rettungssanitäter stützte mich, während ich mittels Krücken – die ich aus Deutschland zu gänzlich anderen Zwecken mitgebracht und im Kofferraum dabei hatte – zum Rettungswagen humpelte. Mein rechtes Bein wurde provisorisch geschient und auf ging es mit Blaulicht und Martinshorn ins Krankenhaus Nummer 6 der Stadt Tver. Dort ab in die Notaufnahme, dann Röntgen, eben das ganze Programm, gekrönt vom Eingipsen. Zwar wollte man mich da behalten, aber ich winkte ab, ein Fehler wie sich bald herausstellen sollte. Aber das ist eine andere Geschichte.

Blick aus dem Rettungswagen auf der Fahrt nach Moskau

Blick aus dem Rettungswagen

Dann Anruf beim ADAC in München. Ich bin nicht nur Mitglied des ADAC, sondern habe auch den Auslandsschutzbrief des ADAC, eine durchaus lohnende Geldanlage wie sich jetzt herausstellte. Mit Hilfe des ADAC, der den ganzen Transport sehr professionell organisierte, wurde ich am 5. August 2011 mittels russischem Rettungswagen von Tver zum Moskauer Flughafen Domodedovo verfrachtet wobei sich mein Rettungswagenfahrer an einen mit Blaulicht vorbeifahrende Polizeiwagen hängte und so die Fahrtzeit verkürzte.

Gut verpflegt geht es nach BerlinMit der Lufthansa ging es nach Berlin Tegel wo mich der Arbeiter-Samariter-Bund erwartete. Fahrt über die Autobahn und rund 2 Stunden später war ich zurück in Leipzig.

Was habe ich aus der Sache gelernt?

  • Erstens, das russische Motto „Gib die Straße für Raser frei“ hilft jedenfalls dann nicht, wenn der Raser auf Dich zukommt.
  • Zweitens: Der Sicherheitsgurt ist kein „Spaßartikel“ und ist auch dann anzulegen wenn man mal wieder „wenig Zeit“ hat.
  • Drittens: Ins „Reich des Bösen“ und auch in das sonstige Ausland nicht ohne Auslandsschutzbrief des ADAC.
  • Viertens: Nach Russland mit einem Kleinwagen? Wer es mag, bitte sehr, ich fahre da aber nur Geländewagen oder Autos der Marke Saab oder Volvo.
  • Fünftens: Eine Unfallversicherung hätte ich vorher abschließen sollen. Hinterher ist man schlauer.

Bedanken möchte ich mich an dieser Stelle bei all den Leuten in Russland und Deutschland, die mir geholfen haben, als da wären zu nennen:

  • Die Mitarbeiter des MCHS Russlands die mich aus meinem Auto holten;
  • Die Polizisten der Verkehrspolizei die die Unfallstelle absicherten und die, die am nächsten Tag zwecks Aufnahme des Protokolls zu mir kamen ;
  • Die Mitarbeiter des russischen Krankenhauses Nummer 6 in Tver die sich rührend um mich und mein geschundenes Bein gekümmert haben und alles taten was in ihrer Macht stand;
  • Die Mitarbeiter des ADAC die meine Rückholung organisiert haben;
  • Die russischen Rettungssanitäter die mich nach Domodedovo transportierten;
  • Die Mitarbeiter des russischen Zolls und der Passkontrolle am Flughafen Domodedovo, die alles unbürokratisch abwickelten und die mir versicherten „daß nicht alle so fahren in Rußland“ und mich baten „ich möge das Land in guter Erinnerung behalten und wiederkommen“;
  • Die Mitarbeiter der Flughafenklinik Domodedovo die mich schließlich bis zum Flugzeug brachten;
  • Die Mitarbeiter der Lufthansa die sich sowohl im Wartebereich in Domodedovo als auch an Bord aufmerksam um mich kümmerten;
  • Die Sanitäter des Arbeiter-Samariter-Bundes die mich nach Leipzig brachten und nicht zu vergessen natürlich
  • meine Lieben in Tver, meine Liebste die nach kurz zuvor erfolgter Entlassung aus dem Krankenhaus Nummer 4 selbst an Krücken ging und trotzdem kochte, backte, briet und was sonst so nötig war, unser Sohn, der Arbeit, Einkaufen, Wohnung saubermachen und sein Break-Dance Training irgendwie so arrangierte, daß niemand zu kurz kam, unsere Tochter, die das Abschleppen sofort organisierte und alle Behördengänge erledigte und all meinen russischen und deutschen Freunden die mir jeden Wunsch von den Lippen ablesen und alles tun um meine Lage zu erleichtern.

Nachtrag:

Das junge Mädchen verstarb am Tag nach dem Unfall im Krankenhaus, ein Schicksal das der angelegte Gurt vielleicht hätte abwenden können.

Wenn ich wieder per Auto „gen Osten“ unterwegs sein werde, dann mit dem? Oder mit dem ? Oder gar mit dem? Vielleicht doch eher wieder mit einem Explorer? Mit dem auf keinen Fall. Vielleicht mit dem. Oder vielleicht gleich was Richtiges um im Zweifel den Unfallort als „Sieger“ zu verlassen.

Die lange „Kinoversion“ für den der mehr zum Ganzen wissen will findet sich hier.

Seitdem ich wieder in Russland bin, hat sich mein Sinn für das was um mich herum passiert erheblich geschärft. Heute habe ich mal in einer Schlange getanden, genau gesagt in einer Milchschlange. Schlangestehen war in der alten Sowjetunion ein tagtägliches Phänomen und der oder die Leser/in die in der DDR einen Teil ihres Lebens zubringen „durften“ kennen den Ausdruck der „Sozialistischen Wartegemeinschaft“, einer hämischen Verbrämung der DDR-Mangelwirtschaft und des damit verbundenen Anstehens nach irgendwelchen Waren, noch genau.

Während meiner Kindheit habe ich einige Jahre auf dem Lande gewohnt. Na ja, ehrlich gesagt ich bin auch auf dem Lande geboren aber das ist eine andere Frage.

Damals wohnten wir in einem Dorf und Milch konnte man beim Nachbarn kaufen, der hatte einen Bauernhof , hatte ein paar Kühe im Stall, die das Glück hatten auch mal eine richtig grüne Weide kennzulernen und bezog noch keine EU-Subventionen. Heute wird Milch in der Regel im Supermarkt gekauft und was man da in PET-Flaschen oder Tetrapacks als „Milch“ angeboten bekommt hat nur wenig, wenn überhaupt, mit der Milch früherer Zeiten zutun.

Heute habe ich Milch im Hinterhof gekauft. Am Montag und am Freitag – also heute – kommt da in der Zeit von 8.30 bis etwa 10.30 ein Lkw aus einer der örtlichen Milchviehbetriebe hingefahren und die Milch wird aus dem grossen Tank direkt in einen Eimer umgefüllt und von da aus geht es in die mitgebrachten Gefäße. Meine Nachbarn sind gut ausgerüstet, Plastikbehälter kann man da bewundern, grosse Gläser mit Schraubverschluss in die man bis zu 3 Liter abfüllen kann und auch die gute Milchkanne alter Tage, aus Blech und emailliert oder in der Einfachausführung aus Aluminium und mit Deckel,  werden da angeschleppt.

Das Publikum, Hausfrauen oder die russischen Babuschkies (Omas), stehen da warten in einer Schlange mit Männern im Rentenalter und warten darauf dass sie an die Reihe kommen. In der Zwischenzeit kann man dem Schwatz aus der Nachbarschaft lauschen und bekommt so den neuesten „Buschfunk“ mit.

Die Milch kostet 20 Rubel pro Liter was einem Kaufpreis von 50 Cent etwa entspricht. Dass man dafür „richtige“ Milch bekommt und nicht ein „wesensgleiches Minus“ zur Milch, soll nur am Rande erwähnt werden. Dass man die Milch auch nicht trinken sollte ohne sie vorher abgekocht zu haben, steht auf einem anderen Blatte. Wer das nicht tut, bekommt längerandauernden Kontakt mit seiner Toilette zu spüren. Aber nach dem Abkochen ist diese Milch einfach unschlagbar. Oben drauf gibt es noch richtigen Rahm oder „Flott“ wie wir das zu meinen Kindheitstagen nannten.

Im Gegensatz dazu kann man Milch in Russland, wie auch in Deutschland, natürlich auch im Supermarkt kaufen. Was sich da in den Folienschläuchen, Terapacks und PET-Flaschen unter den „Wildesten“ Bezeichnungen verbirgt hat aber wohl nur in Ausnahmefällen etwas mit der Milch zutun von der ich eben noch erzählt habe.

Winzigklein und hellblau auf Grau wird da im Mikroschrift aufgezählt was in die „Milch der frommen Denkungsart“ vom Hersteller hineingepackt wurde, also etwa Kuhmilch – wer hätte das gedacht? Weiter kann man auf der Liste pflanzliches Eiweiss, m.a.W. Soja, finden. Dass Kühe zur Familie der Pflanzen gehören ist mir neu, aber, andere Länder, andere Sitten, vielleicht sind russische Kühe ja auch Pflanzen? Wer weiss das schon in einem Land das so viele Geheimnisse aufweist. Schließlich findet sich auch noch Milchpulver was zu dem Schluss führt, dass russische Kühe Pflanzen sind, deren Milch teils als Milch, teils als Sojabohne, teils in getrockneter Form als Milchpulver abgemolken wird.

Honi soit qui mal y pense“ würde da manchem einfallen. Tatsächlich aber sind russische Kühe eben zuvorderst Kühe und damit in der Familie der Tiere anzusiedeln. Und das Milchpulver hat seinen Ursprung in der Tatsache, dass Milchpulver nun einmal – trotz der dabei angewandten Arbeit – billiger ist als Frischmilch. Ein Neoliberaler Wirtschaftwissenschaftler mag mir das einmal sinnvoll – also ohne Ideologie und nur mittels Mathematik – begründen. Ich fürchte er wird es sehr sehr schwer haben.

EU-Milchpulver, mit Steuergeldern der EU Steuerzahler subventioniert, findet seinen Weg auch nach Russland und letztlich in die Milch des Endverbrauchers. Und so bekommt der EU-Bauer Geld für Milch, der Verarbeiter eben dieser Milch Geld dafür dass er die Milch pulverisiert, der Grosshändler dafür dass er die Milch jenseits der EU-Aussengrenze „entsorgt“ und der russische Milchverarbeiter dadurch dass er das unsägliche Produkt der Milch zumischt, die schon entrahmt, pasteurisiert und sonstwie zu Tode behandelt worden ist und damit als Ausgangsprodukt nur noch annäherungsweise dem entspricht was man gemeinhin Milch nennt.

Für die betroffenen Kettenglieder die direkten Zugriff auf die Milch bis zu dem Zeitpunkt haben an dem sie dem Endkunden angedreht, sorry, verkauft natürlich, wird. Das ist eine 1a-Win-Win-Situation für die Erzeuger und Vermarkter, gesponsort mit Steuergeldern. Der Angemeierte dabei bleibt der Endkunde, der Milch wollte und sich eine milchähnliche weiße Flüssigkeit eingehandelt hat.

Aber der wird ja nicht nur auf die Schippe genommen wenn es denn um das „milchähnliche Minus im Plastikdarm“ an sich geht, der wird nochmals „zur Kasse gebeten“ wenn es denn um die Verpackung geht. Und das geht so.

Zu meinen Kindheitstagen – oh Gott schon wieder – gab es mal eine Kaffeefirma, die einen „guten Onkel“ in Anzug, mit Schnurbärtchen und einer Melone auf dem Kopf lächelnd durch afrikanische Kaffeplantagen gehen ließ. Da überzeugte er erst sich und dann hoffentlich später auch die Kunden davon, dass der angebotene Kaffee von hoher Qualität war. Tchibo, so hieß und heißt die Firma noch heute, kam eines Tages auf einen „genialen“ Einfall.  Anstatt 500 Gramm Kaffee in jede Tüte zu packen, füllte man ab sofort nur noch 450 Gramm in die Tüte, ließ den Preis unverändert und offerierte das Ganze als die „neue vorteilhafte“ Packung Kaffee.

Lag es daran dass damals DSDS noch nicht lief oder dass private TV-Sender einfach noch nicht auf dem Markt waren und daher das Gehirn der Masse noch nicht völlig mit Verblödung zugeschüttet wurde, das kann letztlich auf sich beruhen. Tatsache ist, dass die Käufer der „Vorteilspackung“ in Windeseile mitbekamen, dass man sie mittels einer „stillen“ 10%-igen Preiserhöhung über den Tisch ziehen wollte. Obwohl angepriesen wie gestriges abgestandenes Sauerbier kam der Verkauf des „Vorteils“ bei den Leuten einfach nicht an.

Sang- und klanglos stampfte Tchibo den „Vorteil“ ein und kehrte murrend zu „unvorteilhaften 500-Gramm Packung“ zurück, der Anschlag auf das Kundenportemonnaie war gescheitert.

Was hat das mit unserer russischen Milch zutun? Ganz einfach, wer im Supermarkt zu einer Milchpackung greift, der greift im allgemeinen mit dem Bewußtsein zu dass es ich hierbei um einen Liter, sprich 1000 Milliliter handelt. Dem ist in Russland aber bei weitem nicht so. Die Milchfirmen überbieten sich in dem Wettbewerb wer in eine 1-Literpackung wohl am wenigsten hinzupacken vermag. In kleiner Schrift kann man nach längerem Suchen finden, dass die vermeintliche 1-Liter-Verpackung eben 0,95 l oder 0,93 Liter oder ganz schlau 0,9 Liter enthält. Nur zwei Anbieter habe ich gefunden, die ihr Erzeugnis weiter „unvorteilhaft“ mit 1 Liter befüllen. Und das sind die Anbieter, die ich kaufe.

Auch andere Packungen hat es schon erwischt mit der „Preiserhöhung durch die Hintertür“. So kann man 450 Gramm Makaroni dort finden wo ehemals 500 Gramm waren, Kaffe wird auch schon einmal im 435 Gramm Glas verkauft und das ausgerechnet von einem Anbieter dessen Mutterkonzern sich im Westen befindet, m.a.W. „von der Sowjetunion lernen heisst verdienen – und den Kunden heimlich stiill und leise ausnehmen – lernen“.

„Wir? Preise erhöhen? Aber nicht doch.“ so kann man die Hersteller dann im Fernsehen hören wenn die Rede wieder einmal darauf kommt dass die Bevölkerung unzufrieden ist und der Ministerpräsident und ehemalige Präsident Putin wieder einmal vor laufenden Kameras „energische Schritte“ unternimmt um der Preistreiberei ein Ende zu setzen – zuletzt so geschehen bei der Frage der Regulierung der Benzinpreise am gestrigen Abend im Fernsehen.

Man sieht also, Russland ist garnicht so verschieden von Deutschland. Auch hier hat die EU dem Verbraucher dadurch „Hilfe“ angedeihen lassen, dass man die Packungsgrößen freigab, alles natürlich nur weil man „das Beste für den Verbraucher“ wolle, oder hieß es „das Beste VOM Verbraucher“, nämlich dessen Geld? Dass man so Preiserhöhungen auch heimlich still und leise beflügelte mag nur am Rande erwähnt werden.

Im Gegensatz zu Russland haben zumindest deutsche Händler die Verpflichtung die Warenmengenangabe noch in 100 Gramm oder in 1 KG oder Preis per 1 Liter neben den eigentlichen Verkaufspreis zu schreiben. Wenn manchmal auch ein wenig klein geraten, so findet man diese Angabe und kann so die Preise bestens vergleichen, ein Fakt der in Russland fehlt und einen deshalb dazu zwingt den Taschenrechner im Laden zu bemühen. Da aber selbst jedes einfache Mobiltelefon heute einen Taschenrechner enthält ist das also kein grosses Problem.

Zudem kann der Kunde jetzt in Russland nicht nur Erzeugnisse kaufen die ihren Ursprung „irgendwo in Milch haben“, sondern die Freiheit hat ihm auch die Möglichkeit eröffent sich jetzt mit Ware mit „Zusatznutzen“  einzudecken. Darunter versteht man Lebensmittel die nicht nur zur täglichen Deckung des Nahrungsbedarfs da sind, sondern die darüber hinaus auch noch einen tatsächlichen oder meist vorgegauckelten Zusatznutzen aufweisen sollen. Das sind die Lebensmittel die vollmundig damit beworben werden dass sie „das Immunsystem stärken“, deren Bifobakterien (bitte was???) rechts- oder linksdrehende Milchsäure aufweisen und die darüber hinaus vielleicht sogar Salsa tanzen können.

Diesem allzu offensichtlich blösinnigen Treiben hat die EU zwar einen Riegel vorgeschoben und der „Gute Onkel“ im westlichen Werbefernsehen tönt nun nur noch dass das beworbene Produkt „möglicherweise“ das Immunsystem – auf welchem Wege auch immer – stärke. Aber in Russland hat der „Immunstärker“ noch freie Bahn.

Und last but not least hat der Bio-Wahn Russland erreicht. Nun schon seit langem gibt es in Russland die biologisch-aktiven Nahrungsergänzungsmittel die seinerzeit ein Hype in Deutschland waren bis selbst dem Letzten klar war dass hier viel Geld für wenig „Ergänzung“ gefordert wurde.

Im Kühlregal kann man jetzt im russischen Supermarkt auch „Bio-Milch“ finden, 0,9 Liter genau gesagt für 150 % des Preises der für einen Liter „Nicht-Bio“ zu zahlen ist.

Liebe Leute, um es klar zu sagen, wer sowohl in Deutschland als auch in Russland mehr Zeit auf der Schulbank als auf der Sonnenbank verbracht hat und dabei die Biologieunterrichtsstunde nicht dadurch „aufgelockert“ hat dass er nur SMS an den Nachbar in der Bank vor einem versendet oder sich durch das Menü seines Handys gehangelt hat, oder wer sein Hirn selbst als deutscher  RTL 2 Zuschauer nicht vollständig mit DSDS, oder in Russland als TNT-Zuschauer nicht vollständig mit „Dom2“ zugekleistert hat und damit des normalen Denkens nicht mehr fähig ist, selbst dem muß sich seinen Restgehirnzellen offenbaren, dass Milch, welche auch immer, ja auch der Soja-„Milch“, in jedem Fall ein „biologisches Produkt“ ist, na ja, jedenfalls sein sollte. Denn diese Milch stammt von Kühen oder eben aus Sojabohnen und ist nicht von Grund auf mittels „naturidentischer“ Ausgangsmaterialien „designed“ worden – das hoffe ich wenigstens. Bei Käse bin ich mir da seit der als „Analogkäse“ verbrämten undefinierbaren Masse nicht mehr sicher. Übrigens im Wort „Analogkäse“ steckt das Wort „log“, also die Vergangenheitsform von „lügen“, ist das schon einmal jemandem aufgefallen?

Zusammefassend kann man also sagen, dass  der Aufdruck „Biomilch“ eben genau soviel Informationsnährwert enthält wie die Bezeichnung eines „Weißen Schimmels“ oder eines „schwarzen Rappen“, m.a.W. es handelt sich um eine Tautologie, macht sich aber prima und lenkt zudem von den fehlenden 0,10 Liter Inhalt ab.

Mit dem Bewußtsein was „Gutes“ für sich selbst und seine Familie getan zu haben und eben nicht nur Milch, sondern „Bio-Milch“ gekauft zu haben, kann man sich dann bequem in die Schlange an der Supermarktkasse einreihen. Und damit wären wir wieder beim Ausgangspunkt, nämlichbeim Thema  „in der Schlange stehen in Russland“. Und das soll es auch gewesen sein für heute.

Euch allen einen schönen Tag und machts gut, bis bald wenn es wieder was zu berichten gibt aus dem „Reich des Bösen“.

Das Jahr ist fast um und ich bin unterwegs ins „Reich des Bösen“ wie mal jemand Russland genannt hat. Na ja, ich denke anders darüber aber das wissen meine Leser ja längst.

Was hat das Jahr gebracht? Eine Bewertung will ich nicht vornehmen an dieser Stelle. Einen Jahresrückblick gibt es im Januar wenn wir alle Feste hinter uns haben:

  • 24 – 26. Dezember 2010 Weihnachtsfest nach westlichem Ritus,
  • 31. Dezember / 1. Januar 2011 (ich befürchte auch der 2. Januar 2011) der Jahreswechsel,
  • 7. Januar 2011 (???) orthodoxe Weihnachten,
  • 14. Januar 2011 „altes Neujahr“,
  • 19. Januar 2011 Taufe Christi,

und damit ist der Monat fast rum.

Ich möchte mich nur bei allen meinen Lesern bedanken, für die treue Leserschaft auch wenn der Blog oft „stillstand“.

Für die Anregungen und die Kommentare. Bleibt mir nur noch allen ein gesegnetes Weihnachtsfest und einen Guten Rutsch ins Neue Jahr zu wünschen, oder wie man in Russland sagt:

С Рождеством Христовым и С Новым годом

Power to "Dedushka Moroz"

Power to "Dedushka Moroz"

Ab und zu werde ich gefragt wie denn alles mit Russland anfing. Also will ich die Gelegenheit nutzen und einen kurzen Abriss der Ereignisse geben.

Im harten Winter 1977 / 78 buddelte die Bundeswehr in Schleswig-Holstein die Autofahrer aus, die Inseln in der Nordsee waren abgeschnitten und ganz Deutschland fror. Genau zu der Zeit fragte mich eine Bekannte ob ich nicht mal über den Jahreswechsel mit nach Russland fahren wolle. Die geplante Fahrtroute umfasst Moskau und die Städte des „Goldenen Ringes“ Yaroslavl und Rostov Veliki. Kurz entschlossen stimme ich zu und auf geht es ins „land of the evil“.

Wenige Tage später Anflug auf Moskau und die Stewardess erwähnt dass es „unten“ minus 26 Grad hat. Im Geiste friert die ganze Gruppe schon mal am Sessel fest. Dann aussteigen, der Wind fegt winzig kleine Schneeflöckchen waagerecht über das Flugfeld.

Ein diffuses Licht herrscht. Es ist hell aber niemand könnte sagen von wo die Helligkeit kommt. Am Ende der Treppe steht eine kleine Frau, Angehörige der Grenztruppen wie ich heute weiß. Sie ist dick vermummt aber irgendwie lächelt sie verschmitzt trotz der Kälte. Am Grenzschalter noch die Frage „Nummer flieg?“ Der Grenzbeamte will wohl die Flugnummer wissen, ich gebe ihm das Ticket.

Koffer holen, rein in den Bus, die Fenster sind vereist und Moskau zeigt sich nur wenn man für einen Moment ein „Loch ins Eis“ macht mit dem Feuerzeug.

Kreml im Winter

Kreml im Winter

Ankunft im Hotel, einchecken, am Abend Fahrt mit der Metro auf den „Roten Platz“, ohne ein Wort Russisch zu können. Irgendwie schaffen wir es und stehen schließlich vor dem Lenin-Mausoleum an dem die Wache gerade wechselt. Mit Stechschritt und dem Gewehr mit Bajonett auf der Hand balancierend kommen sie daher. Die Kremlsterne auf den Türmen leuchten rot durch die Nacht. Es schneit wieder diese Winzigflocken die man glitzernd wahrnimmt.

Das Lied von Gilbert Becaud „Nathalie“ in der er seine Begegnung mit seiner russischen Dolmetscherin besingt, kommt mir in den Sinn. Da passiert es, ich habe mich in verliebt, verliebt in Russland.

Jahre später arbeite ich in der Region in einem deutsch-russischen Unternehmen. Eine „Schule der besonderen Art“ in der ich Russland „auf die harte Tour“ kennenlerne.

Das Haus des Brotes wo wir uns kennenlernten

Das Haus des Brotes wo wir uns kennenlernten

Dann eines Tages in einer Bäckerei in Tver, da steht „sie“.  Sie ist klein, rothaarig mit lustigen aufmerksamen Knopfaugen und verkauft Brötchen, Kuchen und eine Tasse Kaffee kann man auch ordern. Die Bäckerei wird mein Hauptanlaufpunkt in den nächsten Wochen. Ich verstehe nicht  warum sie mal da ist und warum manchmal nicht. Irgendwann habe ich das „Schichtsystem“ geknackt. Sinnlose Brötchen stapeln sich mittlerweile in meiner Wohnung.

Irgendwann bekomme ich meinen Kaffee in einer „richtigen“ Tasse, in ihrer wie ich heute weiß.

Dann kommt der Moment aller Momente, heute oder nie werde ich sie fragen … und ggf. einen Korb kassieren. Aber nein, ich darf sie nach hause bringen. Am Abend stehe ich mit meinem Dienstwagen einem Shiguli vor der Bäckerei.

Das war vor etwa 16 Jahren. Die Liebe ist trotz oft aufkeimender Zweifel geblieben, die Liebe zu Russland und zu der kleinen rothaarigen Frau.

Kurz vor meiner Abreise nach Russland, von wo ich hoffe Euch mit vielen Neuigkeiten aus und über Rußland unterhalten zu können, möchte ich kurz noch einen Blog-Eintrag machen um mir den Ärger von der Seele zu schreiben.

Es geht wieder einmal um das allseits beliebte Thema „Service“ und „Kunde“ oder wie man in IT Kreisen sagt „CRM“ – Customer Relation Management, ein Terminus Technicus der schon erahnen läßt dass es hier weniger um den Kunden als vielmehr um das Management geht.

Und was hat das alles mit Rußland zutun, könnte der geneigte Leser fragen. Gut, ich will es kurz machen. In der Regel sollte der Zeitgenosse der nach Russland fährt um alles einen weiten Bogen machen auf dem lauthals mit „Service“ geworben wird. Meist handelt es sich bei den dabei angebotenen – meist zweifelhaften – Diensten um die Beseitigung von Hindernissen, die eben jener „Service“ oder nahe Stellen erst geschaffen haben um sie dann mittels pekuniärer Umverteilung zu beseitigen.

Ein blendendes Beispiel dafür liefert der Zoll in Tver. Wer sich mit dem Zoll dort auseinandersetzen muss, der hat jetzt zwar schon bessere Karten als sagen wir mal vor etwa zwei Jahren, aber toll ist es immer noch nicht. Wer zum „Zoll“ will um etwa die zeitweilige Einfuhr seines Kfz zu verlängern, der muss erst über eine „Servicegesellschaft“ die so wesentliche Dinge macht wie Kopien anfertigen, geheimnisvolle Formulare zu verfertigen und letztlich den „Türöffner“ zum Zoll zu spielen. Ohne die „Servicegesellschaft“ läuft nichts und kein Zöllner wird einen beachten geschweige denn die zeitweilige Einfuhr des Autos verlängern.

Die „Servicegesellschaft“ ist auch der Herr des zweifelhaften Zoll-Lagers in das man sein Kfz zum Zwecke der Verlängerung „einlagern“ muß für so ca. 1 – 2 Stunden. dass dafür ein kompletter Zoll-Lager-Tag anschließend auf der Rechnung auftaucht soll nur der guten Ordnung halber erwähnt werden. Ich habe mich mittlerweile an das Prozedere gewöhnt, maule zwar innerlich noch immer für bloße „Luftnummern“ am Ende so um die 100.- Euro gezahlt zu haben aber, anders geht es nicht, in Tver jedenfalls nicht.

Zollhof Tver

Zollhof Tver

Dass der gleiche Zoll, es gibt nur einen Zoll in Russland, auch wenn die Mitarbeiter immer das Gegenteil gebetsmühlenartig erzählen wollen, dass eben jener Zoll im russischen Teil von Karelien direkt für die Bürger erreichbar ist und die Verlängerung der Einfuhrerlaubnis innerhalb von max. 2 Stunden erhältlich ist für den Betrag von rund 20.- Euro sein nur am Rande erwähnt.

Dass Service auch anders geht zeigt ein anderes Beispiel. Ort der Handlung diesmal St. Petersburg vor ca. 12 Jahren. Es ist Sommer, ich habe, wie so oft, die falsche Kleidung mit und zerfließe förmlich in der Sonne. Im Kaufhaus „Gostini Dvor“ am Nevski finde ich ein kurzärmeliges Hemd, dunkles Grün mit einer dazu passenden Krawatte. mein Entschluss steht fest, das Hemd muß es sein. gesagt, getan, rein in den Laden. Das „Gostini Dvor“ war damals an viele einzelne Händler vermietet, jeder hatte seinen kleinen Bereich gemietet und sich dort einen Laden eingerichtet.

Einer jungen Verkäuferin versuche ich klarzumachen was ich möchte. Sie nimmt kurz Maß und verschwindet dann mit einem vielsagenden Lächeln im Lager. Als sie kurz darauf zurückkommt erklärt sie mir dass das Hemd in meiner Größe leider nicht vorrätig sei, sie aber, um sicher zu gehen nochmals das Hemd auf der Schaufensterpuppe in Augenschein nehmen will. Und wirklich, die Schaufensterpuppe trägt „mein Hemd“. Ob ich auch ein Hemd aus der Auslage nehmen würde fragt sie mich, aber klar. Ob sie noch so eine Krawatte hätte wie die Schaufensterpuppe trüge, die passe nämlich ganz hervorragend dazu.

Das sei nun wirklich kein Problem erwidert sie, wenn schon das Hemd verkauft werden könne dann die Krawatte erst recht. Und in einigen Minuten ist der Deal komplett. Ich verlasse, gut gelaunt und gleich mit dem Hemd bekleidet das „Gostini Dvor“-Kaufhaus.

Das Smolny Kloster in St. Petersburg

Das Smolny Kloster in St. Petersburg

Seitdem war ich noch das eine oder andere mal in dem Geschäft das sich auf englische Herrenkleidung spezialisiert hatte. Die Bedienung war – wie immer – fabelhaft, die Qualität gut und so habe ich so manches Stück dort erworben. Dann habe ich das Geschäft aber aus den Augen verloren, leider.

Als ich vor ca. 2 Jahren wieder in St. Petersburg war, führte mich mein Weg wieder ins „Gostini Dvor“ auf der Suche nach „meinem Geschäft“. Um  es kurz zu machen, „mein Geschäft“ gibt es nicht mehr erzählte man mir. Wenige Jahre nach meinem letzten Besuch übergab der Senior-Chef das Geschäft an seinen Sohn. Der hatte eine Auslandsausbildung, einen MBA aus Amerika und viele neue Marketing-Ideen. Nur eines hatte er nicht, Ahnung vom Geschäft. Wer einen MBA amerikanischer Prägung hat, muß sich der in die Niederungen des alltäglichen Geschäfts mit den Kunden begeben? Wohl eher nicht, er, der Anghörige der „Wirtschaftswissenschaftselite“ braucht das nicht.

Und diese Manko war dann auch der letzte Nagel im Sarg des Geschäftes. M.a.W. was der Senior lang und liebevoll aufgebaut hatte, hatte der MBA-Schnösel in 2-fix-3 in die Grütze gefahren. Eine ehemalige Mitarbeiterin erzählte mir das klägliche Ende eines ehemals blühenden Geschäfts. Schade.

Das alles scheint wenig mit Deutschland gemein zu haben, wirklich? Heißt es nicht „Von der Sowjetunion lernen heißt siegen lernen“? Oder hieß es etwa „siechen lernen“? Egal, hier die Story wie man in Deutschland Unternehmen in die Grütze führt.

Einen „Kundenservice“ der besonderen Art durfte ich gestern genießen, aber wenn ich ehrlich bin, ich hätte auf diese Art übelsten „realsozialistischen Services“ gern verzichten können. Und das ging so.

Wer längere zeit außer Landes sein wird, der hat das eine oder andere Telefonat zu führen und die eine oder andere Email zu schreiben. Gut ist dabei der dran, der an einen kundenorientierten Internetserviceprovider (ISP) gekommen ist und dessen Internetdienste er nutzen kann. Ob mein ISP  zu dieser Art zu rechnen ist, ehrlich gesagt daran habe ich nach dem heutigen Tag mehr als erhebliche Zweifel.

Ich will meine Stammbuchhandlung anrufen um kurz zu erfahren ob ein bestimmtes Buch erhältlich ist. Das Buch möchte ich noch vor der Abreise kaufen um es dann mitzunehmen. Mein bisheriges Verfahren Bücher über AMAZON zu kaufen – meist gebrauchte Bücher – hat seit der Affäre „Wikileaks“ in der Amazon in vorauseilendem Gehorsam die WEB Site von Wikileaks vom Server nahm, gelitten.

Ich nutze Amazon zur Zeit nur als Bücherkatalog und kann anderen das auch nur dringenst ans Herz legen. Der örtliche Buchhandel wird sich freuen und zugleich tut man ja auch etwas für die lokale Wirtschaft. Ok, soweit abgeschweift, also, ich nehme also den Telefonhörer in die Hand und wähle, eine Nummer in meiner Heimatstadt, also nichts Atemberaubendes an sich. Und was höre ich da? „Der gewählte Dienst ist z.Z. nicht verfügbar“ nuschelt da eine Digitalfrau. Wie bitte? Was ist nicht verfügbar? Dazu muß man wissen dass die Telefonnummern der „Kunden“ meines ISP – der PrimaCom Leipzig – oder sollte ich eher „Callcenter-und Voicemail-System-Geiseln“ sagen, gar kein „richtiges“ Telefon im klassischen Sinne haben auch wenn der Vertrag von Telefonleistungen spricht. Tatsächlich hat der Kunde ein Voice-over-IP-Telefon das so ähnlich funktioniert wie der sattsam bekannte Internet-Service „Skype“. D.h. die Daten werden auf einem Kabel bis zum Endkunden geliefert, Fernsehen, Internet Telefon, alles aus einer Hand. Eigentlich ist das ganz praktisch wenn es denn funktioniert, und an jenem „wenn“ gebricht es und zwar nicht nur ein wenig, sondern ganz erheblich.

Die WEB Site der PrimaCom

Die WEB Site der PrimaCom

Da zumal mein Internetzugang, wie häufiger in letzter Zeit,  heute wieder eine „berauschende Geschwindigkeit“ aufweist und ich jedes ankommende Bit mit Vor- und Nachnamen kennenlernen kann und mit Handschlag auf meinem Rechner begrüßen kann, denke ich dass es an der Zeit ist sich mal „eben“ an den technischen Service der „PrimaCom Leipzig“ zu wenden, soll ja wohl kein großer Akt sein, denke ich. Weit gefehlt, wie sich etwa 90 Minuten später herausstellen wird.

Mein erster Anruf bei der „PrimaCom Leipzig“ ist von Erfolg gekrönt. Eine nette Frau hat zwar Verständnis für mein Anliegen, kann mir aber nicht helfen da der technische Service über eine völlig separate Telefonnummer erreichbar sei wie sie mir erklärt. Also flugs die Telefonnummer „01805 11 31 11“ angerufen und damit nimmt das Unglück seinen Lauf.

Im Laufe der nächsten Minuten werde ich – einem Neugeborenen gleichgestellt – darüber aufgeklärt dass ich mit der „1“ zu … „schon vergessen“ komme, Fragen zu … „ebenfalls vergessen“… werden nach drücken der Taste „2“ beantwortet und den technischen Service könne man ebenfalls erreichen, nach Drücken der Taste „3“.

Noch wohlgelaunt drücke ich die Taste „3“ nur um zu hören „dass zur Zeit alle Plätze belegt seien“ ich aber umgehend an den nächsten freien Platz verbunden werde. Wer sich solch eine Tortur schon einmal angetan hat, der weiß wovon ich rede. Gut dass ich ein schnurloses Telefon mein eigen nennen kann. So kann ich es mitnehmen und mich anderen Dingen widmen die auch noch der Erledigung harren, und sei es der Gang zur Toilette.

Der Toilettengang wird mir mittels der gebetsmühlenartig vorgetragenen Worte der digitalen Mitarbeiterin  verschönert in denen sie nicht müde wird mir zu sagen dass ich „umgehend“ auf den nächsten freien Platz verbunden werde.

Bin ich froh dass wenigstens mein Toilettenplatz frei ist und ich mich so ohne weitere Probleme mit ihm verbinden kann, nicht auszudenken was passieren würde wenn er genau so abgeschottet wäre wie der „PrimaCom Service“.

Nach 5 Minuten hat sich – auf der Telefonleitung – nicht atemberaubend Neues ergeben, das Digitalgeleier fährt im einem fort von „umgehend“ und „verbinden“ zu faseln. Mir soll es recht sein, 5 Minuten ist o.K.. Als sich nach 10 Minuten die Situation unverändert darstellt und Frau „Digital“ mir nichts Neues zu erzählen weiß, werde ich unruhig. Soll am Ende außer dem Chef, dem Nachtwächter – ach nein, der nicht, der wurde letztens durch eine vollautomatische Alarmanlage ersetzt – und dem Buchhalter etwa gar kein Service bei der PrimaCom angesiedelt sein?

Wer schon einmal von „global aufgestellten Unternehmen“ wie z. B. der Bahn gehört hat, der wird sich erinnern, dass solche Unternehmen sich mehr und mehr „verschlanken“ um sich auf das „Kerngeschäft“ zu konzentrieren. Manche, wie z.B. Rüdiger Grube von der Bahn nehmen dazu auch das Wort vom „Brot-und-Buttergeschäft“ in den Mund wobei mir sich angesichts der Bahnpreise aber leider eher der Vergleich mit Champagner-und-Kaviar aufdrängt, das weniger im Hinblick auf den Service aber umso mehr was die Preise der Bahn angeht. Aber das ist ein eigenes Thema und soll daher hier nicht vertieft werden.

Kehren wir zurück zum „Service“ der „PrimaCom“ und fragen uns was bei einem ISP wohl „Brot und Butter“ ist. Der ungehinderte Zugriff des Kunden auf den technischen Service um eine Störung melden zu können ist es jedenfalls nicht, denn wir schreiben Minute Nummer 25 in der Frau Digital immer noch nichts Erhellendes bewerkstelligen konnte. Dass jede Minute in der „Heißen Servicelinie“ 9 Cents kostet erwähne ich mal so am Rand. In der Zwischenzeit hat sich ein Betrag von zwei Euro fünfundzwanzig angehäuft der mal „eben so“ ohne erkennbares Resultat seitens „PrimaCom“ in Rechnung gestellt werden wird.

Ernsthafte Zweifel haben mich mittlerweile nicht nur dahingehend ereilt ob es überhaupt einen „PrimaCom“-eigenen Service gibt. Wer die Call-Center-Branche nur ein wenig kennt, der weiß, dass „deutsche Anrufe“ zunehmend nicht nur aus Deutschland kommen, sondern auch aus Großbritannien oder dem Sorgenkind Irland, das einst als „wirtschaftliches Wunderkind“ gepriesen nun der EU und der Zentralbank Sorgen machen.

Ob deutsche Call-Center-Agents mittlerweile auch aus Callcentern auf Papua-Neuguinea ihren Standardspruch vom „Wie kann ich Ihnen helfen?“ abseiern weiß ich nicht, kann mir letztlich aber auch egal sein in Minute 35, und damit beim Kostenstand von drei Euro fünfzehn.

Das einzig Menschenähnliche was die Leitung par tout nicht freigeben zu wollen scheint ist Frau Digital die immer noch rezitiert daß der nächste freiwerdende Platz umgehend meiner sein werde.

Mich beschleichen arge Zweifel ob es überhaupt je, und wenn ja wann, freiwerdende Plätze geben wird. Vielleicht sollte ich mal irgendwo versuchen einen Bon irgendwo zu ziehen, so wie neulich auf dem Ordnungsamt in meiner Heimatstadt. Da hat das ganz gut geklappt. Oder vielleicht erfolgt die Abfertigung hier nach Voranmeldung? Via WEB Site, so wie auch auf dem Ordnungsamt? Telefonische Voranmeldung kann ich jedenfalls ausschließen. Auf der WEB Site der „PrimaCom Leipzig“ gibt es jedenfalls weder einen „Bon-Automaten“ noch eine Vorabreservierungsmöglichkeit, das Telefon hatten wir ja schon ausgeschlossen. Das ist ja fest in der Hand der tibetanisch vor sich hinmurmelnden Frau Digital, die unablässig weiterhin ihr „umgehendes“ Mantra freier Plätze verkündet.

Nach insgesamt 56 Minuten hat „PrimaCom Leipzig“ gewonnen – vorläufig. Ich gebe auf. Mein Internet schleicht weiterhin, das Telefon ist unbenutzbar, weil, wie wir alle wissen oder uns zumindest schemenhaft erinnern, der besagte Service nicht vorhanden sei. Dass mich mittlerweile erste Mordgedanken ankommen wird mir der eine oder andere sicher nachsehen.

Vor meinem geistigen Auge sehe ich schon die Schlagzeile in meiner Heimatzeitung

„Callcentergeisel schlägt zurück – 2 Schwerverletzte in Callcenter“

und daher hier der fiktive Bericht:

Leipzig, den 18. Dezember 2011

Nachdem der Kleinunternehmer Heinz W. erfolglos 56 Minuten in einer Hotlinewarteschleife verbrachte und dabei einen Gesamtbetrag von fünf Euro und vier Cent verbrannte, schlug die Callcenter-Geisel zurück. Ausgerüstet mit einer Pumpgun, einer Axt, einer Machete und einem Sturmgewehr AK-47 stürmte er in das Callcenter der „PrimaCom Leipzig“ um sich für die außergewöhnlich schnelle Bearbeitung seiner Bitte nach einer Entstörung seines Internetanschlusses auf seine Art zu bedanken.

Der ihm entgegentretende 1-Euro-Wachdienst-Praktikant wurde von Heinz W. kurzerhand mit dem Gewehrkolben in einen Kurzschlaf versetzt.

Mit den Worten „Jetzt ist die Zeit der Dekabristen gekommen.“ stürmte er sodann in das Büro der „PrimaCom“ Geschäftsleitung und bearbeitete die Büroeinrichtung mittels seiner Pump-Gun wobei er fortwährend etwas von einem „Tankerkönig“ und dem Liedermacher Hannes Wader schrie.

Erst nachdem Spezialeinsatzkräfte der Bundespolizei den Eindringling mittels Elektroschocker kampfunfähig gemacht hatten entspannte sich die Situation. Heinz W. wurde nach kurzem Klinikaufenthalt dem Haftrichter zum Erlass eines Haftbefehls vorgeführt. Der Richter entließ den Beschuldigten bis zum Beginn einer eventuellen Hauptverhandlung mit der Auflage sich umgehend einen neuen Internetserviceprovider zu suchen. Wie weiterhin zu erfahren war, wird die Anklage auf „versuchten groben Unfug mit möglicherweise angedachter Körperverletzung“ erhoben werden. Da der zuständige Haftrichter selber in der letzten Woche 2 Stunden und 45 Minuten in Hotlinewarteschleifen anderer Anbieter zugebracht haben soll, ist eher mit einer Einstellung des Verfahrens gegen Zahlung einer Geldbuße an den „Callcenter-Opfer-Fonds“ zu rechnen. Präsident des Opferfonds ist der weithin bekannte Journalist Gernot Hassknecht vom Sender Al Jazeera, der mit seinen sachkundigen, objektiven und dezidierten Gastkommentaren in der „Heute-Show“ ein weites Publikum erreicht.

Genug der Satire. Was bleibt?

Es ist Sonntag, der 19. Dezember 2010. Der technische Service der „PrimaCom Leipzig“ hat sich ins wohlverdiente Wochenende verdrückt. Ab 22.00 sind alle Schotten dicht erfährt man unter 01805 … „Next start Monday“, neuer Start, neues Glück und … Geld in die Kassen der PrimaCom.

Was bleibt weiterhin? Verbranntes Geld und irgendwie das Geschmäckle von Betrug (§ 263 StGB) oder Ähnlichem. Jedenfalls über den Tisch gezogen fühlt man sich in jedem Fall. Wenn es täglich nur 10 Kunden so geht wie mir, dann sind das schon mal 50 Euro for nothing, mal 220 Arbeitstage = 11.000.- Euro im Jahr, Geld das mit einer Luftnummer generiert wird.

Ok, das ist nicht ganz die Preisklasse derer die ihr Geld seinerzeit der Lehmanns Bank anvertraut haben und heute den Satz „Sie haben das Geld, wir die Erfahrung – morgen ist es anders herum“ mit ganz anderen Augen betrachten, aber immerhin. Wer den Pfennig nicht ehrt, das wußte schon meine oben zitierte Großmutter, der sei des Talers erst recht nicht wert.

Man kann ruhigen Gewissens davon ausgehen, daß die Dunkelziffer der in einer Hotlineschleife „Ertrinkenden“ erheblich höher ist. Kein schlechter Zuverdienst für die „PrimaCom Leipzig“, und so einfach.

Vielleicht sollte ich auch einfach eine Hotline aufmachen. Schon das Herunterbeten von „wenn Sie … dann drücken Sie …“ durch eine Maschinenstimme bringt mal locker so eben 27 bis 36 Cent. Geht man dann davon aus, daß es Zeitgenossen gibt die dem Ganzen nicht so schnell folgen können, dann kann man von einer erheblichen Anzahl von „Mehrfachwählern“ ausgehen, also weiteres „Money for nothing“. Wenn man dann die Anrufenden irgendwann auch noch auf „Tüt-Tüt“, also eine abgestorbene Verbindung setzt, so wie es mir heute auch noch passierte, dann sollte es doch mit dem Teufel zugehen wenn man nicht zu Günter Jauch gehen muß um Millionär zu werden, sondern wenn man einfach nur die Roboterstimme das Geld einsammeln läßt.

Ich weiß, wir alle sind Menschen und wir alle machen Fehler, irgendwo habe ich diesen Satz schon einmal gehört und vielleicht sogar selbst gesagt. Niemand ist unfehlbar, selbst der Papst soll da – entgegen seinen eigenen Ansichten – keine Ausnahme sein. Und so sehe ich im Geiste schon schon das vorsorglich aus „liebevoll zusammengestellten Textbausteinen“ erstellte Entschuldigungsschreiben vor mir.

Das sieht dann in etwa so aus:

Geschäftsleitung der PrimaCom Leipzig

Adresse blah blah

Herrn

Heinz W.

…..

Sehr geehrter Herr W.

Wir bedauern zutiefst daß es Unstimmigkeiten und kurzzeitige Schwierigkeiten gab unseren technischen Service in angemessener Zeit zu erreichen.

Kommentar: „Wir bedauern“?

Ja höre ich recht? Nichts bedauert Ihr, nicht einen Jota. Ihr habt das sog. Kundenbetreuungssystem genau so gemacht. Und dabei habt Ihr Unmengen von Gehirnschmalz darauf verwendet daß der Kunde im Zweifel erst einmal zahlt und eben keinen realen Mitarbeiter ans andere Ende der Telefonleitung bekommt, ungeachtet der Tatsache ob sein Problem gelöst wird oder nicht.

Wenn Ihr etwas „bedauert“ dann wahrscheinlich nur die Tatsache daß diese Milchkuh „Hotline“ in nicht allzu weiter Ferne per Gesetz geschlachtet werden wird (wenn und soweit Eure Lobbyisten nicht vorher noch ein paar „Mövenpicker“ umkaufen .. äh umstimmen können).

Unser Unternehmen bemüht sich stets und stetig unseren hochqualifizierten und nach ISO 9000 zertifizierten technischen Kundendienst zu verbessern. Daher werden zwecks Qualitätssicherung auch mit Zustimmung des Kunden Telefonmitschnitte erstellt, an Hand derer unsere Mitarbeiter fortwährend geschult werden. Sicher gibt es hier noch Potentiale die Herausforderung der Qualität zu verbessern.

Kommentar: Ihr schneidet Telefonate mit und teilt das auch am Anfang der Ansage Eures Blech-Trottels mit, wie schön. Aber der Kunde muß „Nein“ dazu sagen wenn er nicht will, daß er ein zufälliges Unterrichtsmaterial für die Ausbildung geringentlohnter Callcenter Mitarbeiter wird. Sagt er das nicht wird eben aufgenommen. Was würdet Ihr sagen wenn man Eure Telefonate, die der Geschäftsleitung z.B. aufnehmen würde und das nur unterbinden würde wenn Ihr bei jedem Telefonat einzeln widersprecht?

So, fortwährende Ausbildung laßt Ihr Euren Mitarbeitern angedeihen? Sehr gut, nur hat das Fortwährende seinen Grund nicht in Eurer vermeintlichen Sucht nach stetiger Verbesserung (Kaizen) sondern ist der Tatsache geschuldet, daß Mitarbeiter in prekären Arbeitsverhältnissen eben häufig die Stelle wechseln, m.a.W. wer mehr zahlt bekommt mich. So einfach ist das. Es handelt sich daher bei Euch auch nicht um eine Qualitätsoffensive sondern um das immer wiederkehrende Neuanlernen von neuen geringentlohnten Mitarbeitern.

Ob Sie sich bemühen Ihren technischen Service „stets“ a jour zu halten kann ebenfalls auf sich beruhen. Jeder angehende Jurist spätestens im dritten Semester, der nicht nur ein guter Jurist ist sondern darüber hinaus auch sonst mit mäßigem Verstand begabt ist, wird Euch sagen was der Ausdruck „steten Bemühens“ in Wirklichkeit bedeutet.

Ich denke Ihr habt auch so etwas wie eine Personalabteilung – sorry, Human Ressource Management heißt das ja heute. Euer Human Ressourcer wird Euch dann nämlich erklären, daß unter Eingeweihten die Formulierung des „steten Bemühens“ nicht mehr und nicht weniger bedeutet als daß der Kandidat es einfach nicht packt, m.a.W. es sich um eine Flasche handelt derer es sich schnellstens zu entledigen gilt. Nichts anderes kann für Euren „stets und stetig“ qualifizierten sog. Service gelten und mit ihm die dafür verantwortlichen Mitarbeiter, dabei zuvörderst die Mitarbeiter der Geschäftsleitung.

Es gibt noch Potentiale um die Herausforderungen der Qualität anzugehen? Wenn mich etwas stört, und das merkt Euch sehr sehr gut, dann ist es das „unverdaute“ Übernehmen anglo-amerikanischer „Blasensprache“. Ihr habt keine Herausforderungen vor Euch, sondern Ihr habt – und da liebe ich die ungebügelte Sprache meiner Großmutter, Gott hab sie selig – massive Probleme. Und die solltet Ihr schleunigst angehen.

Ach was, stimmt gar nicht, Ihr habt keine Qualitätsprobleme. Ein Problem mit der Qualität setzt nämlich voraus, daß Ihr überhaupt eine Qualität habt. Wer den Kunden aber so im Regen stehen läßt, dem wird man schwerlich „Qualität“ als in dem Unternehmen existierend zubilligen können.

Warum erinnert mich alles bei Euch zunehmend an die Partei-Bonzen-Sprache des ehemaligen Ostblocks. Wo immer man da seinerzeit hinsah, da schallte einem die Parole von der „Stetigen Vervollkommnung der Lebens- und andere Verhältnisse, sowie der Vervollkommnung des Angebots an Konsumgütern“ entgegen.

Was hieß dieser SED-Sprech in Wirklichkeit? Jemand der in der DDR seinerzeit gelebt hat oder der tieferen Einblick in die Lebensverhältnisse in der DDR hatte, der wußte, daß man kaum etwas „vervollkommnen“ kann was nicht da ist. Nur in der Propaganda konnte man das. Mit den hinlänglich bekannten Resultaten des 9. November 1989 als selbst dem Letzten klar wurde daß der Kaiser keine neuen Kleider hatte, sondern schlicht nackt war.

Und so seid Ihr mit Eurem Blasensprech und Neudeutsch 1a-Nachfolger der SED und DDR-Propaganda, nur eben „freier und marktwirtschaftlicher“.

Zertifiziert seid Ihr auch? Na toll. Aber das interessiert mich nur am Rande wenn überhaupt. Ergänzend sei angemerkt, daß unter Zertifizierungsexperten bekannt ist, daß eine Zertifizierung nach ISO 9000 wie sie immer wieder ölgötzenartig einem Mantra gleich vorgetragen wird, nichts, aber auch rein gar nichts über die Qualität eines Produktes oder einer Dienstleistung aussagt. ISO 9000, ebenso oft wie falsch zitiert, bietet nämlich nur eine Gewähr dafür, daß der Prozess zur Erbringung der Dienstleistung oder Herstellung eines Produktes umfassend dokumentiert wird. M.a.W. mittels ISO 9000 kann man auch Schwimmwesten aus Stahlbeton mit Zusatzbleibehang zertifizieren soweit nur der Herstellungsprozess minutiös dokumentiert ist. Ob solche Schwimmwesten sinnvoll sind wage ich zu bezweifeln.

Das weitere Blah Blah Eurer Briefe, die Ihr wahrscheinlich nach Feierabend brüllend vor Lachen von kleinen Gruppen ausarbeiten laßt, erspare ich mir. Von dem Kakao durch den Ihr uns zieht muß ich ja nicht auch noch saufen, das wäre zuviel der Ehre.

Nur eine Bemerkung sei mir noch zum Abschluß gestattet. Ja, Euer Mittwettbewerb ist kaum besser als Ihr, viele sind sogar noch schlimmer. Aber wir, die Kunden, halten Euren Laden, und damit auch die Gehälter des einfachen Mitarbeiters bis zum sog. „Leistungsträger“ – aus was besteht eigentlich dessen Leistung? Aus einem funktioniorenden technischen Service jedenfalls nicht – am Laufen.

Ihr könnt Euch viel erlauben, aber lange machen das viele jedenfalls dann nicht mit, wenn es alternative Angebote gibt. Vielleicht wird es die nicht gleich morgen geben. Aber ich würde mich nicht darauf verlassen, daß es sie überhaupt nicht geben wird.

Ich für meinen Teil habe daraus nur gelernt. Gelernt habe ich, daß der alte russische Spruch „Der Geizige zahlt zweimal“ auch heute noch seine Berechtigung hat. Ja, Qualität – und nicht vorgespiegelte Qualität – hat seinen Preis. Wir werden nicht alles für lau bekommen.

„There is no free lunch on earth“ bewahrheitet sich. Und der Satz daß der der „mit Erdnüssen zahlt  Affen als Mitarbeiter bekommt“, auch dieser Satz ist richtig.

Ich für meinen Teil werde die nutzlosen Aufwendungen für Hotline-Telefonate jedenfalls von der Rechnung abziehen, inkl. einer Bearbeitungspauschale, denn es ist meine Zeit die sich PrimaCom Leipzig so mir nichts Dir nichts unter den Nagel reißt.

In diesem Sinne schon einmal einen schönen 4. Advent.