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Posts Tagged ‘Ternopil’

Manchmal ist es ganz gut wenn man den Rechner aufräumt. Und sei es auch nur weil man dauernd die Meldung „Ihre Platte ist bald voll“ bekommt.

 

Den nachfolgenden Text habe ich beim Aufräumen gefunden. Er stammt aus dem Jahr 2001 als ich in der Ukraine in einem Projekt der EU gearbeitet habe. Er ist aber wohl immer noch aktuell was Hotels in den Regionen angeht. Und nun, viel Spaß beim Lesen.

 

Das war sie nun, die Fahrt nach Ternopil.

 

Die Frage „Wer will nach Ternopil?“ wurde wohl nicht mit allzu großer Begeisterung aufgenommen. Nur so ist  es zu erklären, dass wir das 4-Mann-Abteil für uns zwei haben als der Zug am Abend Kiev Richtung Lvov verlässt. Die Sterne sind vom Bahnsteig aus noch gut zu sehen. Das lässt nichts Gutes erwarten was die Temperaturen in dieser Nacht anbelangen wird. Die Jungs von der Wehrmacht in ihrer schnittigen Sommeruniform fallen mir wieder ein. Kein Zug, kein Haus, aber Sterne massenhaft, muß gemütlich gewesen sein.

 

Die Zugbegleitung, eine kleine eher rundliche Frau undefinierbaren Alters, erscheint und die Bettwäsche wird bezahlt, 2 DM pro Mann und Nase. Auf die erbetene Quittung warten wir bis zum Ende der Reise vergeblich. Die überzählige Bettwäsche sammelt sie wieder ein. Ihr Ukrainisch kann ich ahnen aber nicht völlig verstehen, macht nichts, in diesem Jahr wollte ich sowieso einen Ukrainisch-Crashkurs besuchen.

 

Tee und Kaffee gibt es auch, wer will, zu beziehen über Misses Rundlich. Waren in den früheren sowjetischen Staatsbahnen hübsche Teegläser anzutreffen mit Metalleinfassungen auf denen der Arbeiter und die Kolchosbäuerin um die Wette grinsten, oder der ruhmreiche Sputnik den von Hammer und Sichel umkränzten Erdball umrundete, so sind diese Gläser heute nur noch auf dem Flohmarkt für Touristen anzutreffen .. wahlweise in Kiev oder selbst in Berlin.

 

Unser Tee kommt in zwei Tassen daher, die auch schon mal bessere Zeiten gesehen haben könnten, einheimisches Steingut mit dem Charme sowjetischer Erzeugnisse und meine noch dazu angeschlagen. Fröhliches Grau steht auf dem bald schon im Schienentakt schaukelnden Tischchen. Es soll ja nicht auf ewig sein.

 

Der Zug verlässt den Bahnhof, los geht’s nach Westen, nur keine voreiligen Schlüsse. Bald hat uns das „Dumm-Dumm“ der Schienen auf die weitere Fahrt eingestimmt. Dania beginnt ihre Hausaufgaben in Deutsch zu machen und ich komme endlich dazu ein paar längst überfällige Schriftstücke zu lesen im Schein der matt dahindämmernden Wandbeleuchtung. Im Verlauf der Fahrt soll diese Beleuchtung mal schwächer mal stärker leuchten. Wer weiß wie ein Fahrraddynamo arbeitet weiß auch warum das Licht schwankt. Der ICE Berlin-Stuttgart fällt mir ein, warum nur?

 

Der Zug schaukelt und ächzt und erzählt so von besseren Zeiten, Zeiten in denen er und die Schienen noch ohne Reparatur auskamen, lang ist es her.  Mein Ibook ist das hellste im Abteil, der Bildschirm leuchtet schneeweiß, genau das Schneeweiß, das die Bettwäsche vermissen lässt. Auch hier bestimmt fröhliches Grau die Bühne. Wir machen es uns gemütlich, Kekse, Tee, was will man mehr? Ein bisschen Heizung wäre nicht schlecht. Heizung, so erfahren wir, gibt es nur auch den Langstreckenzügen, Kiev-Ternopil ist Kurzstrecke. Das Abteil ist nicht Kalt, aber eben auch nicht übermäßig überheizt. Schön, dass ich dicke Wollsocken trage.

 

Wir bauen die Betten. Eine Matraze wird aufgelegt, darüber das erwähnte Laken mit der Herausforderung für Ariel, dann wieder ein Laken und zum Schluß eine Decke die im Sommer gute Dienste leisten würde … und wir sind im Winter. Das Kopfkissen wird noch mit einem Überzug versehen und schon kann man sich zur Nacht betten. Wenn, ja wenn es nicht so vom Fenster ziehen würde. Vielleicht bei der Heimfahrt mit dem Kopf zur Tür schlafen ? Schauen wir mal.

 

Der Morgen kommt und mit ihm Frau Rundlich. Licht an, Ternopil liegt noch eine halbe  Stunde vor uns. „Ob wir die Fahrkarten wieder haben wollen“ fragt sie. Und ob, meine Buchhalterin wird sonst sauer und die 126 Hrivna sind perdu und das wollen wir doch nicht.

 

Ternopil wird erreicht. Es ist noch dunkel. Auf dem Bahnsteig steht schon jemand der uns ein Taxi anbietet. Auf zum Hotel „Ternopil“ das die Kollegen vom hiesigen deutschen Projekt vorab gebucht haben. Die Buchung auf meinen Namen ist nicht auffindbar, macht nichts. Wir füllen die Anmeldeformulare aus, raten wir wieder mal Ukrainisch. Geschafft. Zimmer 330 empfängt uns mit der aus dem Zug bekannten Kühle. Nach einer halben Stunde ist klar was los ist, das Außenfenster steht offen. Jemand hat irrtümlich den Sommer erwartet … im Januar.

 

Die Ausstattung ? Kein Telefon wird uns stören, auch das Zimmerradio wird uns nicht tot Brüllen. Das Telefon ist einfach nicht vorhanden und das Kabelradio tut es einfach nicht mehr, soll sein. Zwei Betten stehen längs der Wand. So kommen unzüchtige Ideen einfach erst gar nicht auf. Die Toilette gekoppelt mit dem Bad empfängt mich. Eine Sammlung verschiedenster Kacheln in Braun und beige ist irgendwie an die Wand gebracht worden. Der Wasserhahn versorgt gleichzeitig die Dusche und das grüne Waschbecken. Die Heizung … warum ist die überhaupt hier ? … hat auch schon mal bessere Zeiten gesehen. Wo das Heizungsrohr durchgerostet ist hat man ein Stück Autoreifen aufgelebt und das ganze mit einer Schlauchschelle zusammengezurrt. Damit es nicht gleich ins Auge springt ist das ganze mit weißer Farbe übermalt. Wieder was gelernt. Den letzten Überfall mit Farbe … gemeinhin Anstreichen genannt … hat die Toilettentür glorreich abgewehrt, die Farbe bröckelt ab.

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